Das vergessene Problem
Seit der Invasion der USA in den Irak befinden sich mehr als vier Millionen Menschen auf der Flucht. Doch die internationale Gemeinschaft verschließt davor weitestgehend die Augen. Ein Zwischenruf von Raphael Thelen
Die amerikanische Invasion im Irak war in den letzten Jahren eines der beherrschenden Themen in allen Medien dieser Welt. Vieles wurde beleuchtet, doch ein Thema wurde so gut wie totgeschwiegen: Die irakischen Flüchtlinge.
Vor der Invasion im März 2003 produzierten die Amerikaner das Bild einer irakischen Bedrohung für den Weltfrieden zwecks Legitimation, die „alten“ Europäer wiegten sich im Wahlkampf in angeblicher Friedfertigkeit und die „Koalition der Willigen“ sah ihre Stunde gekommen und folgte den USA, auch mit finanziellen Vorteilen.
Die jeweiligen nationalen Medien kreierten die nötige Kulisse, damit sich jeder in seinem Tun bestätigt sah.Im Laufe der ersten Jahre nahm das Zähneknirschen der Amerikaner zu, den Europäern schwoll die Brust vor Selbstbestätigung, und die Koalition der Willigen begann zu bröckeln.
Die letzten zwei Jahre waren geprägt von der hitzigen Diskussion über amerikanische Abzugstermine, dem Stimmungsumschwung der willigen Bevölkerungen und der komisch anmutenden Entrüstung der „alten“ Europäer, bei den Wiederaufbauverträgen übergangen worden zu sein.
All dies fand ein breites Echo in den nationalen und internationalen Medien. Natürlich ist auch die Berichterstattung über spektakuläre Selbstmordattentate nicht zu kurz gekommen, wobei zu berücksichtigen ist, dass diese nur über die heimischen Fernseher flimmerten, wenn die Zahl der Opfer groß genug oder Koalitionstruppen betroffen waren.Ein Thema jedoch wurde nahezu ausgeblendet – die irakischen Flüchtlinge.
Ein umfassender Krieg in einem Land mit 27 Millionen Einwohnern hat selbstverständlich massive Migrationsbewegungen zur Folge. In diesem Fall sind die Flüchtlingsströme sogar so umfangreich, dass ein hoher Vertreter der Vereinten Nationen davor warnt, dass die Situation bald der in Darfur gleichen könnte.
Traumatisierte Flüchtlinge
Bis zum heutigen Tage sind über vier Millionen Menschen auf der Flucht. Rund die Hälfte davon sind Binnenflüchtlinge, die innerhalb des Iraks verblieben sind. Die andere Hälfte hat Schutz in umliegenden Ländern gesucht. Mehr als eine Million in Syrien, circa 750.000 in Jordanien. Und dies bei heimischen Bevölkerungszahlen von gerade einmal 20 Millionen Einwohnern in Syrien und 5 Millionen Jordaniern.
Bis zu 8.000 Menschen sind zu Spitzenzeiten täglich in diese beiden Länder geflohen. Bei einer Befragung des UN-Flüchtlingswerks (UNHCR) gaben 77 Prozent an; einen Luftangriff, 80 Prozent ein Schusswaffengefecht und 72 Prozent eine Autobombenanschlag miterlebt zu haben. Abgesehen von diesen indirekten Bedrohungen gaben 68 Prozent an, von einer Miliz gewaltsam bedrängt und jeder Fünfte sogar gefoltert worden zu sein. Die psychologischen Folgen sind laut UN vor allem bei Kindern bereits offenkundig und werden langfristig zunehmen.
Eine ausreichende Versorgung scheitert
Doch an Hilfe in diesem Bereich ist im Moment kaum zu denken, denn über 150.000 Iraker benötigen alleine in Jordanien umfassende Unterstützung. Doch steigende Benzin- und Lebensmittelpreise erschweren die Versorgung. Die täglichen Nahrungsrationen wurden bereits von 1500 auf 1000 Kalorien pro Tag gesenkt, bei einer von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlenen Menge von 2000 Kalorien. Offiziell stehen dem UNHCR dabei 261 Millionen US-Dollar pro Jahr zur Verfügung, wovon jedoch erst die Hälfte von den Geberländern freigegeben wurde. Zum Vergleich – die Kriegskosten der USA belaufen sich auf 400 Millionen Dollar, pro Tag.
Auch in anderer Hinsicht tut sich Amerika negativ hervor. Weitere Entwicklungsländer wie Ägypten, Libyen und Libanon, welche keine direkten Nachbarstaaten des Iraks sind, nehmen mehrere zehntausend Flüchtlinge auf. Das relativ kleine Schweden bietet immerhin noch 9000 Schutzsuchenden Aufenthalt, während die USA die Zahl der Immigranten aus dem Irak dieses Jahr auf gerade einmal 500 beschränkt hat. Das ist weniger als Länder wie Griechenland, Norwegen und die Niederlande aufzunehmen bereit sind.
Es mangelt an medialer Aufmerksamkeit
Es scheint, als ob sich die Geschehnisse von Darfur wiederholen. Die fehlende mediale Aufmerksamkeit führt dazu, dass sich die Weltgemeinschaft dem Elend der Vertriebenen nicht annimmt. Unverständlich ist dabei nur, warum es so ist.
Im Falle des Sudan verhing die US-Regierung ein umfassendes Einreiseverbot für Journalisten und unterband sehr wirkungsvoll jegliche Berichterstattung. Frei nach dem Sprichwort „Aus den Augen, aus dem Sinn“ war es nicht möglich, die Weltöffentlichkeit für das Thema zu sensibilisieren.
Im Falle der irakischen Flüchtlinge scheint den Medien jedoch einfach der Mut zur Berichterstattung zu fehlen, denn man müsste vielleicht eingestehen, dass Muslime mehr sind als Terroristen, und eventuell sogar sehr gastfreundlich. Man müsste vielleicht berichten, dass sich diese Gastfreundschaft sogar soweit erstreckt, dass die Bewohner dieser Entwicklungsländer das Wenige teilen, dass sie haben, während wir bloß keinen Krümel von unserem Wohlstand abgeben wollen. Und vielleicht müsste man sogar einmal gleiche moralische Standards anlegen und dieser Kultur eine differenzierte Beurteilung zukommen lassen. Doch das ist wahrscheinlich zu viel verlangt.
Die Bildrechte stehen unter Creative Commons Namensnennung-Keine kommerzielle Nutzung-Keine Bearbeitung 2.0 Lizenz (Foto von catholicrelief)
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