Böser, kleiner Willi

17. Aug 2008 | von Lennart Faix | Kategorie: Politisches Feuilleton
Die Goldfische in Nachbars Teich mussten dran glauben
Die Goldfische in Nachbars Teich mussten dran glauben

Kleine Jungs mit dem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ADS neigen zu einem aufbrausenden Wesen und unüberlegtem Handeln. Solche Verhaltensmuster können bis in das Erwachsenenalter fortbestehen, dann allerdings, je nach gesellschaftlicher Stellung, mit verheerenden Folgen. Von Lennart Faix

„Aber Willi, du weißt doch, so etwas tut man nicht“, sagt die Mutter. Willi sitzt zappelig mit gesenktem Kopf am Tisch. Seine Haare sind zerzaust und hängen ihm strähnig über die verheulten Augen. Sein Gesicht ist schamrot und gleichzeitig kreidebleich. Nervös schielt er hin und her, als stünde das ganze Wohnzimmer voll von unsichtbaren Erwachsenen, die ihn streng und tadelnd anstarren. Er weiß genau, was er angerichtet hat.
„Eine Schneise der Verwüstung!“, poltert der Vater los, „Maschendrahtzaun: hinuntergerissen. Blumenbeete: zertrampelt. Die Fensterscheibe im Gartenhäuschen hast du ihm eingeworfen. Und damit nicht genug…“ „Aber der hat mir meinen Bagger weggenommen…“, plärrt Willi dazwischen. Schon tausendmal hat er seinen Eltern gesagt, sie sollen dem blöden Nachbarn sagen, der soll ihm seinen Bagger wieder zurückgeben. „Aber da können doch die Goldfische nichts dafür“, sagt die Mutter.

Kleine, aufmüpfige Hosenscheißer kann der Nachbar überhaupt nicht leiden

Noch immer ist der Bagger im fremden Gartenhaus
Noch immer ist der Bagger im fremden Gartenhaus

Der Nachbar ist ein mürrischer alter Herr, der am liebsten im Garten arbeitet und dabei seine Ruhe hat. Kleine, aufmüpfige Hosenscheißer, wie der Willi einer sei, so der Nachbar, würden ihn zur Weißglut bringen. Ein solcher nämlich habe den ganzen Tag nichts Besseres im Kopf, als im Garten zu sitzen, mit Sand zu werfen und aus voller Kehle Baustellengeräusche nachzuahmen. Eines Tages, so der Nachbar, nach mehrfacher Warnung, auf die weder der widerwärtige Kleine noch dessen mit Verlaub viel zu gutmütigen Eltern ein Entgegenkommen gezeigt hätten, habe er sich dann gezwungen gesehen, den Bagger einzukassieren und in sein Gartenhäuschen einzuschließen. Die Eltern haben nie etwas unternommen, um Willis Bagger zurückzuholen. Ein harmonisches Miteinander in der Nachbarschaft ist ihnen sehr wichtig. „Und außerdem hat Willi doch so viel anderes Spielzeug“, sagte der Vater.
Seine Eltern wollen ihm sowieso nicht helfen. Also hat der Willi beschlossen, sich seinen Bagger selbst zurückzuholen. Die meisten Sachen, die kaputt gingen, hat der Willi nur aus Versehen oder aus Sachzwang zerstört. Nur als er auf dem Rückweg am Goldfischteich vorbeikam, da trieben ihn ein wenig die Rachelüste. Und jetzt sitzt der kleine, böse Willi am Tisch und seine Eltern schauen ihn vorwurfsvoll an und er will sich am liebsten irgendwo verstecken. „Der hat mich gehauen…“, schluchzt Willi und der Rotz läuft ihm die zitternden Wangen hinab.

Ihren Zögling wollen die Eltern bitteschön selbst maßregeln

Als der Nachbar nach Hause kam, habe er seinen Garten “kaum wieder erkannt”. Der Willi hingegen, das habe der Nachbar gleich entdeckt, habe seelenruhig mit seinem Bagger im Sandkasten gesessen und Motorengeräusche imitiert. Der Nachbar ist dann rüber und hat den Willi fürchterlich verprügelt. Die Eltern fanden das ziemlich übertrieben. Ihren Zögling wollten sie bitteschön selbst erziehen und maßregeln, hatte die Mutter bemerkt und gespürt, wie ihr Herz plötzlich ganz schnell pochte. Die Eltern sind nämlich selbst etwas eingeschüchtert von dem Nachbarn. Das weiß auch Willi ganz genau.

Tatort: Im Sandkasten verprügelt
Tatort: Im Sandkasten verprügelt

Dass er eine Tracht Prügel kassieren würde, das hätte er doch genau wissen müssen, sagt der Vater. Der Nachbar habe ihm diese mehrmals angedroht. Und im Stillen findet er sie auch nicht unverdient, wenn er daran denkt, was sein Vater mit ihm gemacht hätte. „Das vergeht wieder“, versucht die Mutter Willi zu trösten und legt ihre Arme um ihn.
Nie sind seine Eltern zu Hause und wenn dann schimpfen sie immer, weil er irgendetwas angestellt hat, sagt der kleine, böse Willi und verschränkt die Arme vor der bebenden Brust. „Aufmerksamkeitsdefizitstörung“, hat die Tante aus der Kinderkrippe einmal zur Mutter gesagt. Eigentlich wolle er nur seine Eltern stolz machen. „Aber er weiß sich oft eben nicht anders Gehör zu verschaffen.“

„Willi, was ist nur los mit dir?“

„Willi, sag doch bitte, was ist denn los mit dir? Warum tust du so etwas?“, fleht die Mutter und streicht ihm übers Haar. Eigentlich hat sich Willi immer gewünscht, dass seine Eltern ihn mal fragen, wie er sich fühlt. Doch jetzt, als er die Aufmerksamkeit bekommt, ist sie plötzlich genauso erdrückend wie ersehnt. Und plötzlich entschlüpft der kleine, verletzte Willi aus der Umarmung seiner Mutter und springt vom Tisch auf, dass der Stuhl nach hinten umkippt. Er rennt hoch in sein Kinderzimmer und in seiner ganzen Verzweiflung reißt er kurz entschlossen das Fenster auf und lehnt sich ganz weit hinaus, so weit, wie er nur kann und er schreit wie am Spieß. Er weiß nicht genau was, und es sind auch keine richtigen Worte, die er schreit, aber er schreit so laut, wie er nur kann und alle Leute sollen hören, wie er schreit. Und irgendwer soll kommen und machen, dass es ihm nicht mehr so schlecht geht und er nicht mehr weinen muss. Und die Erwachsenen sitzen unten am Tisch und der Kuchen will nicht so recht schmecken und sie wissen nicht, was sie reden sollen.
„Was sollen wir nur tun, mit dem Jungen“, fragt der Vater schließlich vor sich hin und muss dabei unwillkürlich an den Nachbarn denken. „Stecken Sie den Satansbraten ins Heim“, hat der ihnen schon häufiger geraten. Doch so einfach, das wissen die Eltern, geht das nicht.


Bildrechte:

Die Bildrechte liegen bei eluceo.de (Goldfisch), variationen (Gartenhaus) sowie monodromde (Sandkasten) und sind unter Creative Commons lizensiert.


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