Bonn ist nicht Weimar
Wohl keine andere Charakterisierung der Bundesrepublik Deutschland erlebte eine ähnliche Karriere wie diese Formel, „der sogleich Flügel wuchsen, die sie bis zum heutigen Tage durch die zeithistorischen Debatten tragen“ (Allemann). Längst kann sie Sprichwortcharakter für sich reklamieren, nicht zuletzt deswegen, weil Fritz René Allemann in seinem Buch „Bonn ist nicht Weimar“ pointierte Worte fand, während andere noch nach Worten rangen. Von Michael Weigl
1910 in der Schweiz geboren, schloss sich Allemann während seiner Studienzeit in Deutschland der KPO, einer Abspaltung der Kommunistischen Partei, an. Auch als Korrespondent der Zürcher Tat im London des Zweiten Weltkriegs und später in Bonn machte er aus seiner antifaschistischen Einstellung nie einen Hehl. Dafür, dass gerade er der jungen Bundesrepublik entgegen dem vorherrschenden Zeitgeist eine neuartige Immunität gegen restaurative Tendenzen und Rattenfänger von rechts bescheinigte, erntete er das Unverständnis deutscher Intellektueller. Dass Allemann letztlich doch recht behielt, dazu trug sein Buch selbst bei.
In seinem Essay beschreibt und deutet Allemann die ersten Jahre der jungen Bundesrepublik, wobei sein Interesse im Besonderen der Verflochtenheit von Innen- und Außenpolitik gilt. So deutlich er den Einfluss der Alliierten auf die Staatsgründung herausarbeitet, so deutlich betont er auch frühzeitige Emanzipationsbestrebungen des neuen Deutschland. Dessen ersten zentralen Widerstand gegen den Druck der Besatzer erblickt er im April 1949.
Als sich die Alliierten in der Frage, wie föderal die Bundesrepublik sein sollte, dem von Kurt Schumacher angeführten Widerstand gegen eine von ihnen präferierte, betont föderalistische Konzeption beugten, veränderte dies nach Allemann nicht nur die innere Gestalt der Bundesrepublik, sondern auch ihre äußere Stellung: „Aus dem Geschöpf der Sieger war eine Schöpfung der Deutschen selber geworden“ (S. 83). Die Niederlage von 1945 hatte in seinen Augen den nationalen Nerv abgetötet: „Man konnte auf ihm herumbohren und herumhämmern, ohne etwas anderes hervorzurufen als leise und vorübergehende Zuckungen“ (S. 115). Nun erst, mit dem Widerstand gegen einen Senat als Zweite Kammer, habe sich dieser wieder zu regen begonnen.
Während bereits nationale „Zuckungen“ bei nicht wenigen Beobachtern im In- und Ausland das Schreckensszenario eines abermals nationalistisch hyperventilierenden Deutschlands hervorriefen, widersprach ihnen ausgerechnet der Antifaschist Allemann. Die Deutschen waren seiner Ansicht nach bereits zu diesem Zeitpunkt andere als noch in Weimar.
Ihre Gesinnung sei entideologisiert, nationale Energien hätte das nationale Katastrophenjahr 1945 ausgezehrt. Europa schien als „Ausweg“ aus dieser Schwäche, „indem man vom nationalen Boden, auf dem Deutschland versagt hatte, auf den übernationalen übertrat“ (S.128). Allemann seziert das außenpolitische Ringen der Bundesrepublik um Souveränität „unter dem beherrschenden Einfluss“ (S. 153) Konrad Adenauers, die innenpolitischen Auseinandersetzungen um den „richtigen“ Weg bundesdeutscher Außenpolitik, die Entwicklung der Innenpolitik und des Parteiensystems.
Sein Ergebnis – selbst nach eingehender Analyse der Debatte um eine Wiederbewaffnung – lautet schlicht und einfach: „Bonn ist nicht Weimar“. Zu hoffnungslosem Defaitismus hinsichtlich der Zukunft der Bundesrepublik bestehe kein Anlass. Nicht nur seien die Voraussetzungen, unter denen sich die Demokratien in Deutschland nach 1918 und nach 1945 entwickelt hätten, grundverschieden. Auch dürften nicht „die tiefen Wandlungen“ im deutschen Volk übersehen werden; „keineswegs bloß (und nicht einmal in erster Linie) die rein politischen, sondern vor allem jene psychologischen Umschichtungen, deren Folgen tief ins politische Leben, ins Verhältnis des Einzelnen zum Staat und seinen Formen hineinreichen“ (S. 415).
Allemann widersetze sich mit dieser Interpretation bundesrepublikanischer Nachkriegs geschichte den damals vorherrschenden Meinungen. Der Erfolg seiner These erklärt sich aber gerade dadurch, dass er den Anstrengungen des neuen Staates, Lehren aus Weimar ziehen zu wollen, Erfolg bescheinigte und diese derart legitimierte. Die Politik löste sich deshalb nicht sogleich von ihrer Skepsis hinsichtlich der eigenen Nation. Wirkliche Demokratiereife bescheinigte den Deutschen erst Willy Brandt mit seiner Aufforderung, mehr Demokratie zu wagen.
Jedoch bereitete Allemann solchem Selbst-„Bewusstsein“ in die eigene Nation rhetorisch den Weg. Allemanns Essay selbst und auch seine Wirkungsgeschichte erzählen beispielhaft vom Ineinandergreifen nüchternen politischen Kalküls und psychologischer Determinanten. Viele der noch heute gültigen Interpretationen nachkriegsdeutscher Geschichte wurden von Allemann erstmals auf den Punkt gebracht. Seine Lektüre lohnt auch nach 50 Jahren. Sie hilft, die Bedeutung tief verwurzelter Werte und Einstellungen für das „Strategiegeschäft“ Politik zu erkennen.
Fritz René Allemann,
Bonn ist nicht Weimar,
Kiepenheuer & Witsch,
Köln 1956, 439 S.
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