Blick über das Dritte Reich

25. Feb 2008 | von freier Autor | Kategorie: Politisches Buch

Cover_Broszat_Frei.jpgEs gibt unzählige Publikationen zur Geschichte des Dritten Reiches. Diese Epoche zählt wohl zu den am besten erforschten Abschnitten der Menschheitsgeschichte. Vor diesem Hintergrund muss sich jede Publikation fragen lassen, was sie dem Leser noch Neues bieten kann. Von Andre Budke

Grundlegend Neues bietet Das Dritte Reich im Überblick von Martin Broszat und Norbert Frei nicht. Wie der Titel ausdrückt, ist dies auch nicht der Anspruch des Bandes. Zudem wäre dies angesichts der posthum neuveröffentlichten Schriften von Martin Broszat auch nur schwer möglich. Vielmehr geht es den Autoren darum, zum Teil seit langem bekannte Forschungsergebnisse zum Dritten Reich zu bündeln.

Dies geschieht in Form von überschaubaren Essays zu verschiedensten Bereichen der Nazizeit. Neben der Darstellung von Aufstieg und Fall des Nationalsozialismus und den Folgen der Kapitulation werden unter anderem auch das weltanschauliche Kräftefeld und die Situation der Juden im Dritten Reich beleuchtet. Eine Stärke der Essays ist es hierbei, dass die Namen wichtiger Forscher zumeist genannt werden, was die eigene Erschließung des Themas vereinfacht. Aber auch, wenn die Literaturgrundlagen aktualisiert wurden, bleibt letztlich unklar, welchen – über die Erstausgabe vor 20 Jahren heraus gehenden – Nutzen der Leser ziehen kann. Denn Publikationen zum Dritten Reich gibt es wie Sand am Meer.

Broszat liefert eingangs einen Überblick über die üppige Forschungslandschaft zum Nationalsozialismus. Eine große Anzahl an Forschungsarbeiten beschäftigt sich mit der Frage nach den nationalen und epochalen Ursachen für den Nationalsozialismus. So habe etwa Ernst Nolte betont, dass der Nationalsozialismus verknüpft ist mit dem Ersten Weltkrieg und der bolschewistischen Revolution. Es habe zwar ohnehin in Deutschland schon antiwestliche und antidemokratische Strömungen gegeben, durch die völkische und alldeutsche Gruppen entstanden. Jedoch sei das aktionistische Element des Nationalsozialismus erst im Weltkrieg und der Nachkriegszeit geboren worden.

Das „Vorbild“ des 1922 an die Macht gekommenen vergleichsweise gemäßigten italienischen Faschismus habe dafür gesorgt, dass die Aggressivität der Nazis im In- und Ausland falsch eingeschätzt wurde. Auch habe sich die Radikalität der Mittel und Ziele Hitlers erst nach und nach entfaltet, wodurch die Nazis in den ersten Jahren ihrer Herrschaft weiterhin unterschätzt wurden.

Daneben verweist Broszat auf die „plebiszitäre Sensibilität“ der NS-Führung. Dem Regime gelang es, die Grenzen der materiellen Belastung der Bevölkerung etwa durch die Autarkiepolitik gut einzuschätzen.

Weltanschauungen der NSDAP

In seinem Kapitel zum weltanschaulichen und gesellschaftlichen Kräftefeld im Dritten Reich legt Broszat die Vielschichtigkeit der NSDAP dar. Diese sieht er darin, dass es der NSDAP gelungen war, zur Sammlungsbewegung der rechten Gegner der Republik zu werden. So fanden sich in der Partei sowohl alt- als auch jungkonservative Kräfte, völkische Gruppen sowie Antisemiten. Geeint wurden diese so verschiedenen Gruppierungen nur durch ihre Gegnerschaft zur Republik und gemeinsame „Haltungen“, wie etwa der „leidenschaftlichen [Beschwörungen] einer neuen nationalen Utopie“.

Nach Broszat sticht bei einer Betrachtung der NSDAP auch ihre eigentümliche Mischung aus Rückwärtsgewandtheit und Fortschrittsdenken heraus. Auf der einen Seite vertrat die Partei rückwärtsgewandte und verklärte Bilder einer zur „Volksgemeinschaft“ erhobenen Ständegesellschaft. Da die Bevölkerung in Deutschland vor allem in ihren jeweiligen Schichten verhaftet war, wurde hier der Nerv breiter Schichten getroffen. Die „Volksgemeinschaft“ versprach die Gelegenheit, aus den als zu eng empfundenen Milieus auszubrechen.

Der modernen Zivilisation trat die NSDAP äußerst skeptisch gegenüber, galt diese im Nationalsozialismus doch als dekadent. Daher war es nur logisch für diese Bewegung, das kulturelle Leben nach ihrem Machterwerb nach dem eigenen Bild umzugestalten. Der Preis hierfür allerdings war hoch. Anstelle der Gebrüder Mann oder Alfred Döblins traten in der Literatur Hans Grimm oder Werner Beumelburg ins Rampenlicht. Als Folge versank das deutsche Kulturleben in Mittelmäßigkeit und Provinzialität.

Die stärkste weltanschaulich unabhängige Fraktion bildeten die Kirchen, trotz der Versuche der Nazis, diese gleichzuschalten, etwa durch die NS-Pfarrer der Deutschen Christen. Vor allem der starke Einfluss der katholischen Kirche im Westen und Süden des Reiches konnte nicht gebrochen werden. Allerdings gab es auch in den beiden Kirchen nur teilweise Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Schließlich stimmten beide Gruppen in ihrer Gegnerschaft zu Sozialismus und Liberalismus überein. Widerstand gegen den NS war nur zu erwarten, wenn ureigene kirchliche Positionen angegriffen wurden.

Auf der anderen Seite entfaltete der Nationalsozialismus eine soziale Mobilität, indem er alte soziale Bindungen auflöste und den Dreiklang „Energie, Kraft, Durchsetzungsstärke“ propagierte. Vor allem der jüngeren Generation bot das „Führerprinzip“ neue Aufstiegschancen. Im dauerhaften Kampf auf jeder gesellschaftlichen Ebene um Durchsetzung und soziale Anerkennung sollte sich so eine Elite bilden. Dieses ständige Konkurrenzprinzip sorgte zugleich dafür, dass neben den kompetentesten Eliten vor allem die brutalsten und moralisch Hemmungslosen aufstiegen. Hierdurch setzte eine automatische Radikalisierung des Systems ein. Broszat liefert als Beispiel für das angewandte Konkurrenzprinzip, dass demjenigen Gauleiter in den Ostgebieten Anerkennung winkte, der in seinem Gau die besten „Germanisierungserfolge“ hatte.

Auf diese Weise gelang den Machthabern auch „die ideologische Umwertung des exzessiven Verbrechens zur weltanschaulichen Tat“, wie es vor allem beim Sicherheitsdienst (SD) und der Schutzstaffel (SS) und der Polizei zu beobachten war.

Chronik

Nur die erste Hälfte des Buches besteht aus Essays. Der zweite Teil beinhaltet eine Datensammlung. Diese enthält neben einer kurzen Biografie Adolf Hitlers und einer detaillierten Auflistung der Daten zur NSDAP seit 1919 vor allem zahlreiche Schaubilder und Erläuterungen. Hier finden sich zum Beispiel Tabellen zu Wahlergebnissen der NSDAP, zur Entwicklung der SS und SD, Erläuterungen zu Arbeitslosigkeit und Kaufkraft, eine Darstellung der Nürnberger Gesetze und vieles weitere. Alle diese Daten sind natürlich nichts grundsätzlich Neues, aber sie werden gekonnt gebündelt und lassen sich schnell erschließen.

Das Dritte Reich im Überblick bietet über seinen Essay-Teil einen schnellen Zugang zu verschiedensten Themen der Nazizeit. Die Chronik verhilft zudem zu einem leichten Überblick über den historischen Verlauf und bietet daneben Erläuterungen zu zentralen Punkten an. Daher ist die Publikation durchaus als Einstiegswerk zu empfehlen. Es bleibt naturgemäß inhaltlich an der Oberfläche und kratzt viele Punkte an, ohne sie weiter auszuführen, vermittelt aber einen Eindruck von Hintergründen, Entwicklungen und Tendenzen des Dritten Reiches.

Fazit: Wer (immer) noch kein Überblickswerk zum Dritten Reich im Schrank hat, kann sich den Band getrost zulegen. Für diejenigen jedoch, die schon versorgt sind, lohnt sich der Aufwand am Ende nicht, da hier keine neuen Erkenntnisse zu gewinnen sind.

Broszat, Martin; Frei, Norbert

Das Dritte Reich im Überblick. Chronik, Ereignisse, Zusammenhänge,

(2007), München, dtv,

336 S., ISBN 978-3-423-34402-9, 12,50 Euro


Die Bildrechte liegen beim Deutschen Taschenbuch Verlag. Der Verlag im Internet


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