Bayerische Zweifaltigkeit

15. Sep 2008 | von Florian Baumann | Kategorie: Wahlen und Demokratie
Heißt es auch bei der Landtagswahl 2008 wieder: 50+X?

Am 28. September stellen sich der fränkische Faschingsprinz Günther Beckstein und sein niederbayerischer Compagnon Erwin Huber zum ersten Mal den Wählern. Der Ausgang ist ungewiss: 50+X oder christsoziales Drama? Von Florian Baumann

Seit dem Ende der Ära Stoiber wird Bayern wieder von einem Tandem regiert. Das kosmische Duo, wie der Kabarettist und ehemalige /e-politik.de/-Redakteur Claus von Wagner die Doppelspitze aus Erwin Huber und Günther Beckstein nennt. Die Arbeitsteilung zum Wohl von Freistaat und Partei ist altbewährt: Hans Ehard und Josef „Ochsensepp“ Müller, Alfons Goppel und Franz Josef Strauß, Theo Waigel und Edmund Stoiber. Alles funktionale und meistens auch funktionierende Zweckgemeinschaften. Aber die öffentlich zur Schau gestellte Nähe von Beckstein und Huber lässt Schlimmeres befürchten. Ein Tandem, bei dem keiner Treten, aber beide Lenken wollen, wird nicht weit kommen.

Franz Maget, Spitzenkandidat der SPD und Dauer-Oppositionsführer
Franz Maget, Spitzenkandidat der SPD und Dauer-Oppositionsführer

Näher am Menschen

Früher hätte es in Bayern gereicht, einen Wischmob und einen Rauhaardackel aufzustellen, die CSU hätte trotzdem ein Ergebnis von 50+X erzielt. Der Dauererfolg ist aber nicht nur auf die durchaus solide Politik der Christsozialen zurückzuführen, einen großen Teil hat dazu auch das Dilletantentum der Oppositionsparteien beigetragen. Mit dem dynamischen Gespann Beckstein/Huber nähert sich die bayerische Volkspartei nun dem Niveau ihrer Konkurrenten an und macht den Wahlkampf erstmals seit 1962 wieder spannend. Aber zumindest auf die bayerische SPD und Franz Maget ist Verlass und der Dauerplatz in der Opposition sicher. Da hilft auch die Schützenhilfe von Franz Müntefering im Wahlkampf wenig.

Die Causa Stoiber löst im Freistaat mittlerweile eine Art Phantomschmerz aus, wie einstmals beim Märchenkönig Ludwig II. Der eigentümliche Monarch wurde vom Volk zwar belächelt, die Königsmörder aber schon immer verachtet. Das Kommunikationsdebakel bei der Bayerischen Landesbank, die geplatzten Transrapid-Träume und die nicht finanzierbaren Forschungs- und Technologieoffensive, den Erben Stoibers mag nichts so recht gelingen. Schon sehnt man sich im Freistaat nach dem Ähdmund zurück. Besonders, da sich mit Markus „Allzeitbereit“ Söder und Co. bereits die Generation der übereifrigen Enkel warmläuft. Armes Bayern!

Mehr Netto für Alle

Während Ministerpräsident Beckstein im Wahlkampf lange Zeit Gelassenheit vorgab, erwachte in Erwin Huber schon früh der niederbayerische Wolpertinger. Auf einen Kreuzzug will er gehen, ein politischen Kreuzzug gegen die Linkspartei. Wie man weiß, sind die Heiligen Kriege aber nur bedingt von Erfolg gekrönt gewesen. Sollte Lafontaines bayerischer Ableger aber tatsächlich in den Landtag einziehen, wird wohl Alois Hingerl alias Engel Aloisius auf die Erde zurückkehren und seine Rache wird furchtbar sein. Luia sog i!

Günther Beckstein, seit Oktober 2007 Bayerischer Ministerpräsident

Erschreckend daran ist, dass sich die CSU damit wieder einmal von einer positiven Selbstdefinition verabschiedet hat. Das „Näher am Menschen“ tritt völlig in den Hintergrund statt dessen gilt die alte Maxime „Freiheit statt Sozialismus“. Mit der Rückkehr zur alten Pendlerpauschale, vermeintlich billigem Atomstrom und anderen Wahlgeschenken verabschiedet sich das CSU-Spitzenpersonal endgültig von Nachhaltigkeit und Generationengerechtigkeit. Vergessen ist der harte Kampf um einen ausgeglichenen Haushalt in München und Berlin. Was zählt ist nicht die langfristige Perspektive für Wohlstand und Wachstum in Bayern sondern nur der Erhalt des eigenen Arbeitsplatzes. Macht ist halt doch geiler als Geiz.

Die bundespolitische Bedeutung der kleinen CDU-Schwester wurde außerhalb der Grenzen des Freistaats immer schon in Frage gestellt. Mit dem neuen Führungstandem gehen aber selbst einem überzeugten Bayern die Argumente aus. Und wie ernst sie es tatsächlich mit ihrem republikweiten Kampf für die kleinen Leute meinen, hat der erste Verhandlungstag zur Pendlerpauschale in Karlsruhe gezeigt – weder Beckstein noch Huber sind dort aufgetaucht. Die Ausweitung der Kampfzone endet am Ausgang des Bierzelts. Dort fühlt sich mittlerweile selbst der aus Franken stammende Ministerpräsident wohl. Obwohl man immer noch den Eindruck hat, ein Fasching in Frauenkleidern sei ihm lieber, als ein Wahlkampf in Tracht. Auch Frau Beckstein wehrt sich vehement dagegen, beim Wiesnanstich ein Dirndl zu tragen. Das kommt dabei heraus, wenn man sich von einem Franken regieren lässt. Mit Edmund und Karin „Muschi“ Stoiber hätte es so etwas nicht gegeben.

Salve Pater Patrie

Der Wahlkampf in Bayern nähert sich seinem Ende und vor allem Erwin Huber möchte noch Boden gut machen. Was ihm, zumindest mit seinem Wahlkampfbus, gelingt. Mit dem tourt der CSU-Vorsitzende derzeit durch den Freistaat, als wolle er sich mit der Auszahlung der fälligen Pendlerpauschale eine Altersvorsorge aufbauen.

Erwin Huber, Parteivorsitzender der CSU

Aber eigentlich braucht sich die CSU um den Machterhalt keine Sorgen machen: „Franz wählen“ Maget und seine Sozis haben sich in der Opposition häuslich eingerichtet. Den Freien Wählern fehlt es an landespolitischer Programmatik, trotz aller Erfahrung in den Kommunen, und die bayerische FDP ist ziemlich mit ihrer Wahlkampf-Homepage beschäftigt und stört auch sonst nicht. Die bayerischen Grünen werden trotz Spitzenkandidat Sepp Daxenberger kaum mehr als den üblichen Blumentopf, natürlich Öko, gewinnen, so dass lediglich Die Linke den Freistaatlern ein Rätsel aufgibt. Da der Bayer an und für sich aber glücklich ist, wird sich die Zahl der Frustrierten und damit der Wahlerfolg der Linkspartei in Grenzen halten.

Auch im kommenden Jahr wird daher beim Ruf „Salve pater patriae, bibas, princeps optime!“ („Sei gegrüßt, Vater des Vaterlands! Trinke, bester Fürst!“) ein CSUler die erste Maß Starkbier auf dem Nockherberg in Empfang nehmen. Das allein wäre ja nicht so schlimm, aber als Bürger hätte man doch gerne eine Wahl gehabt. Konkurrenz belebt angeblich das Geschäft, aber in Bayern laufen die Uhren anders.


Die Bildrechte sind gemeinfrei (Foto Beckstein) oder stehen unter Creative-Commons- Namensnennung-Weitergabe-Lizenz 2.0 (Foto Huber von Christian Horvat; Foto Maget von Michael Lucan).

 


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Web-Dossier der LMU

Hofbräu, aber schal

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Ein Kommentar
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  1. Die Wahlkampfführung der CSU ist ähnlich blind wie bei Koch. Dabei ist das Bundesland wirklich anders als die anderen – objektiv wie subjektiv einfach mehr Qualität. Deshalb wackelt die 5 – aufgrund subjektiver, nicht objektiver Mängel…

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