Aus Neu mach Alt

09. Nov 2008 | von Steven Carthy | Kategorie: Politisches Feuilleton
Death Magnetic: Ein “Best of Album” nur mit neuen Songs?
Death Magnetic: Ein “Best of Album” nur mit neuen Songs?

Metallica sind zurück, und das im wahrsten Sinne des Wortes. Mitte September erschien ihr lang erwartetes neuntes Studio-Album „Death Magnetic“ und es hält musikalisch, was es im Vorfeld versprach: Nämlich zurückzukehren zu ihren Wurzeln. Doch ob die Band es schafft, die gespaltene Fangemeinde wieder zusammenzuführen, bleibt abzuwarten.
Eine CD-Review von Steven Carthy

Legt man die CD in die Anlage und drückt Play, hört man leises Herzklopfen. Man könnte fast meinen, Metallica spielen damit auf die Spannung an, mit welcher das neunte Studioalbum der Thrashmetaler erwartet wurde. Nach dem bis heute stark kritisierten Vorgänger „St. Anger“ aus dem Jahre 2003, waren die Erwartungen höher als je zuvor. Metallica konnte es sich nicht erlauben schon wieder ein plump eingestampftes ‚quick and dirty’ klingendes Album zu produzieren wie den Vorgänger, schon gar nicht nach fünf langen Jahren. Doch um die Spannung immer weiter anzuheizen, wurden häppchenweise Informationen ausgegeben, wie das neue Album wohl klingen solle. Epische Intros, komplexere Songstrukturen, besserer Drumsound als zuvor und endlich wieder Soli von Lead-Gitarrist Kirk Hammet. Die Soli waren neben gutem und klarem Sound nur ein Faktor, der bei „St. Anger“ vermisst wurde, denn ein Metallica-Song ohne Solo ist bekanntlich wie eine Geige ohne Saiten.

Führt der Magnet die Fans zusammen?

Doch es war nicht nur die Angst ein zweites “St. Anger” zu erleben. Die seit den experimentellen Alben „Load“ und „ReLoad“ (1996/97) gespaltene Metallica Fangemeinde könnte durch das neue Album wieder zusammengeführt werden. Dann nämlich, wenn es Metallica gelingt, an ihren Stil der 80er anzuschliessen. Angeblich sollte „Death Magnetic“ nämlich an Klänge von „…and Justice for All“ (1988) und „Master of Puppets“ (1986) erinnern. Beides Alben, die Metallica in der Metal Szene unsterblich machten und den typischen von Metallica geprägten Thrash- und Speedmetal-Sound verkörperten. Differenziert und pointiert, zugleich aber sehr hart und schnell, eben „auf die Fresse“ wie der Metaler zu sagen pflegt.

Endlich gibt es wieder schnelle Soli von Lead-Gitarrist Kirk Hammet zu hören
Endlich gibt es wieder schnelle Soli von Lead-Gitarrist Kirk Hammet zu hören

Und tatsächlich: Die neuen Songs klingen entsprechend der Gerüchte wieder mehr nach dem guten alten Metallica. Lange Intros, komplexe Liedstrukturen, Interludes die fast einen eigenen Song abgeben könnten und am Ende jedes Songs natürlich ein schnelles Gitarrensolo. Wichtig zu erwähnen ist auch der Drumsound, der diesmal ganz und gar nicht nach der blechernen Mülltonne von „St. Anger“ klingt, sondern metallicatreu eine differenzierte Doublebassdrum abgibt und die Songs von hinten mit einer knackigen Snare stützt.

Singen über den Tod und doch quicklebendig

“Death Magnetic” knüpft mit seinen Lyrics ebenfalls an alte Metallica-Themen wie Tod, Krieg und Vergänglichkeit an, was durch den Albumtitel auch mehr als offensichtlich wird. Die erste Singleauskopplung „The Day that Never Comes“ ist, wie das vierte Lied auf früheren Alben, eine Halbballade und erinnert vom Aufbau und den Riffs an den absoluten Klassiker „One“ vom „…and Justice for All“ Album. „One“ war seinerzeit das Lied zu dem Metallica, die sich zuvor strikt geweigert hatten Musikvideos zu drehen, ihr erstes Video produzierten und in dem sie textlich den Roman „Johnny zieht in den Krieg“ verarbeiteten. Vielleicht spielt aufgrund all dieser Parallelen das Video zu „The Day that Never Comes“ in einem Kriegsgebiet des Mittleren Ostens. Metallica selbst, die nie politisch progressiv und aktiv waren, bestritten im Vorfeld, dass sie sich mit dem Video in irgendeiner Form politisch äußern wollten.

Doch einer der größten Hinweise auf das Annähern an alte Zeiten mag wohl der Instrumental- Song „Suicide & Redemption“ sein, denn in früheren Zeiten setzten Metallica stets einen gesanglosen Song ans Ende ihrer Platten. Zudem zeigt die Rückkehr zum alten, kantigeren Bandlogo vielleicht den einen Schritt in die Vergangenheit an, welcher im Denken nötig war, um Metallica wieder Metallica werden zu lassen.

Brilliant besetzt mit Rubin

Glaubt man den Äußerungen, die im Vorfeld seitens der Band an die Öffentlichkeit traten, so unternahm die Band im Zuge der Produktion unter der Führung des renommierten Produzenten Rick Rubin tatsächlich einen Schritt zurück. Die Musiker sollten sich freimachen von jeglicher Denke, die sie heute beschäftigt und schlicht eine Band sein, die Songs schreibt. So unverständlich es klingen mag, sie sollten einfach nur Metallica sein. Eine Band. Nicht mehr. Nicht die Band also, die Shows vor 100.000 Zuschauern spielt, in 25 Jahren 100 Millionen Alben verkauft, zwei Bassisten überlebte, die Download-Börse „Napster“ aus dem Verkehr gezogen hat und sieben Grammys gewann.

Mitt-Vierziger finden zurück zu ihren Wurzeln. Metallica mit neuem Bassisten Rob Trujillo (2.v.r.)
Mitt-Vierziger finden zurück zu ihren Wurzeln. Metallica mit neuem Bassisten Rob Trujillo (2.v.r.)

Doch der Erfolg dieser Herangehensweise gibt ihnen Recht, denn „Death Magnetic“ wird bereits am Erscheinungstag Platinstatus erreicht haben. Die Abkehr vom damaligen Produzenten Bob Rock, der seit Anfang der 90er die Band begleitete, schien also ein weiterer richtiger Schritt der Band gewesen zu sein. Schon allein wegen der erheblichen bandinternen Turbulenzen im Jahr 2003, die beinahe das Ende der Band bedeutet hätten und während derer man nur noch via eines Psychologen kommunizierte. Eindrucksvoll wurden diese Querelen in der empfehlenswerten Metallica-Doku „Some Kind of Monster“ unzensiert dargestellt.

Forgive the Unforgiven

Aber all dies scheint nun vergessen, denn Metallica sind zurück. Und wie! Ob die Gemeinde wieder zusammenwächst, muss sich erst noch zeigen. Fest steht allerdings, dass Metallica definitiv ihre alte Stärke wieder haben und den Bogen perfekt über all ihre Alben, ob „Justice“, „Black“ oder „Load“ spannen und ihre 25-jährige Bandgeschichte in einem richtig fetten Album vereinen. Man könnte fast meinen, „Death Magnetic“ sei ein Best of Album, nur mit neuen Songs. Wenngleich sie mit dem Song „The Unforgiven III“ einen weiteren Link zu den vorigen Alben liefern und den “Unforgiven-Epos” weiterführen, darf man gespannt sein, wie sich die Band nun weiterentwickeln wird. Ebenso auf die Tour, die sie nächstes Jahr wieder nach Europa führt. Denn so gut wie sie im Moment drauf sind, werden sie sicher auch live an ihre besten Zeiten anknüpfen können. In diesem Sinne: Weiter so, and metal up your ass!

Metallica – Death Magnetic, Universal

1) That Was Just Your Life
2) The End Of The Line
3) Broken, Beat & Scarred
4) The Day That Never Comes
5) All Nightmare Long
6) Cyanide
7) The Unforgiven III
8) The Judas Kiss
9) Suicide & Redemption
10) My Apocalypse


Die Bildrechte liegen bei Universal Music 2008 (Cover), bei Anton Corbijn (Band) oder sind gemeinfrei (Gitarrist).


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Ein Kommentar
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  1. was ihr immer gegen st. anger habt… war doch wirklich ein gutes album – direkt, schnell und laut. eben “auf die fresse”

    schöne plattenkritik. mehr davon!

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