Aljaksandr Lukaschenka – der beliebte Diktator
Aljaksandr Lukaschenka hat Belarus in eisernem Griff. Der Diktator schottet das Land ab, verfolgt politisch Andersdenkende und Oppositionelle, gebärdet sich auch sonst wie ein Bilderbuchdespot. Dabei wäre dies gar nicht nötig: Große Teile seines Volkes achten oder verehren ihn sogar. Betrachtung eines scheinbaren Paradoxons. Von Hagen Pietzcker
Der Diktator ist überzeugter Anhänger der ehemaligen Sowjetunion. Geboren 1954 in Belarus, bei uns oft noch Weißrussland genannt, absolvierte er eine typische Sowjet-Karriere: Er studierte Landwirtschaft und Geschichte, diente zwei Jahre beim Militär, wurde Parteifunktionär bei der KpdSU und Sowchosenleiter.
Nach der Unabhängigkeit von Belarus wurde er Abgeordneter und 1994 Präsident. Nachfolgend lies er 1996 die Verfassung durch ein – nach Ansicht von OSZE, EU und USA – unrechtmäßiges Referendum ändern, so dass er heute über nahezu uneingeschränkte Macht verfügt. Politische Freiheiten gibt es praktisch nicht. In der Bevölkerung ist der im Westen oft so genannte „letzte Diktator Europas“ dennoch weitestgehend unumstritten. Bei freien Wahlen würde er haushoch siegen, seine Politik kommt an. Um diesen Widerspruch zu verstehen, muss man sowohl Lukaschenka als auch das Land genauer betrachten.
Der Diktator nutzt die Wunden der Geschichte
Belarus war über lange Zeit Spielball fremder Mächte. Seit 1793 fast ununterbrochen unter russischer Herrschaft, gab es nur eine kurze Phase der formellen Unabhängigkeit seit 1918, allerdings unter Besatzung durch deutsche Truppen. Doch bereits 1920 wurde das hart umkämpfte Land zwischen Polen und Russland aufgeteilt. 1939 eroberte die Sowjetunion den polnischen Teil zurück. Kurz darauf folgte wiederum die Besetzung durch Hitlers Truppen, die furchtbar wüteten: Die Hauptstadt Minsk wurde – wie viele andere Städte auch – fast völlig zerstört, ein Viertel der Menschen im Land kam ums Leben. Erst seit 1991 ist Belarus ein unabhängiger Staat.
Aus diesen geschichtlichen Erfahrungen resultieren ein gebrochenes Identitätsgefühl und eine Sehnsucht nach nationaler Eigenständigkeit. Hinzu kommt ein tiefes Misstrauen in der Bevölkerung gegenüber anderen Ländern und Fremdeinmischung.
Der „große Bruder“ Russland
Einzige Ausnahme: Russland, zu dem viele Belarussen verwandtschaftiche Beziehungen haben, das als „großer slawischer Bruder“ angesehen wird, und das über russisch dominierte Medien großen Einfluss auf die öffentliche Meinung in Belarus nimmt. Lukaschenka macht sich das zu Nutze. So gibt es außer zu Russland, Iran, Kuba und Venezuela so gut wie keine internationalen Kontakte, weder auf politischer, wirtschaftlicher noch kultureller Ebene. Tourismus findet nicht statt, Hilfsorganisationen wurden in den 90er Jahren durch astronomische Steuern auf Hilfsgüter vergrault. Die Isolation stört kaum jemanden, im Land herrscht schon seit langem eine Mentalität des Einigelns und Abschottens, auch im Privaten.
Der Diktator aber verspricht Sicherheit vor äußeren „Feinden“, also der Unterwanderung durch fremde Werte. Dies ist typisch für Diktaturen, die zur Sicherung der eigenen Macht gerne einen äußeren Feind beschwören. Andererseits traf dieser Diktator von vornherein auf ein Volk, das genau dies gut heißt, weil es einem weit verbreiteten Gefühl entspricht, dass die Welt da draußen, die fremden Länder und Völker, lieber weit weg bleiben sollten, weil es doch so ganz gut läuft.
Der Wunsch nach Wandel ist noch zu gering
Ebenso garantiert Lukaschenka Ruhe nach Innen, er steht für das Prinzip der „starken Hand“: Wer sich unauffällig und konform verhält, dem geht es im Prinzip nicht schlecht. Wer in Opposition geht, wird oft verhaftet oder verschwindet gleich ganz. Es gab vor Wahlen zwar auch oppositionelle Kandidaten, sie blieben aber chancenlos, weil heillos zerstritten, wie auch aufgrund schwerer Schikanen seitens der Regierung. Die große Mehrheit der Belarussen ist zufrieden mit ihrem Diktator, solange er ihnen ein auskömmliches Leben garantiert. Er ist charismatisch und resolut, eine Führungspersönlichkeit, der die Menschen gerne abnehmen, dass er sich um ihre Belange kümmert und das „Wohl des Volkes im Auge hat“.
Das erklärt auch, warum der Versuch einer Orangenen Revolution 2006 trotz Unterstützung aus dem Ausland kläglich scheiterte. Es besteht in der Bevölkerung kein Wunsch nach einem Umsturz, obwohl die Situation, so Vaclav Havel und Lech Walesa in einem Essay, heute mit der Polens oder der Tschechoslowakei in den sechziger und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zu vergleichen ist.
Wirtschaftliche Rückständigkeit – mitten in Europa
Wirtschaftlich pflegt Lukaschenka eine Art Planwirtschaft mit staatlicher Lenkung – und der geringsten Privatisierungsquote in ganz Europa. Das Land ist nicht wirklich arm, sicher aber auch nicht reich. Doch auch hier kommt dem Diktator die belarussische Mentalität zupass: Den Menschen ist eine gewisse Form von Gleichheit wichtiger als materieller Reichtum. Solange es allen ziemlich gleich geht, herrscht gesellschaftlicher Frieden.
Selbst die zum Teil skurrilen, zum Teil bereits deutlich größenwahnsinnigen Anflüge konnten ihm im Inland bisher nicht schaden. So träumte der Präsident lange von einer Wiedervereinigung von Belarus mit Russland und der teilweisen Wiederherstellung der Sowjetunion – selbstverständlich mit ihm als Präsidenten an der Spitze.
Die Präsidentschaft Wladimir Putins machte ihm aber einen Strich durch die Rechnung. Hatte er mit Boris Jelzin noch einige Verträge geschlossen, die in Richtung einer Union gingen, so zeigte Putin weitaus weniger Interesse. Lukaschenka musste nicht nur sein Vorhaben fallen lassen, ihm blieb nur, die zunehmende Entfremdung der beiden Staaten hinzunehmen, die im Energiekonflikt über höhere Preise für Gaslieferungen aus Russland ihren vorläufigen Höhepunkt gefunden hatte. Der belarussische Präsident musste sich schließlich beugen, weil Putin drohte, die Lieferungen ganz einzustellen.
Relativ sicher im Sattel
Diese Ausführungen sollen die Diktatur Lukaschenkas nicht rechtfertigen oder verharmlosen. Er ist ein rücksichtsloser Despot, der einige Menschenleben auf dem Gewissen hat. Er herrscht mit Gewalt, Mord, Unterdrückung, der Verfolgung Oppositioneller, Zensur und Abschottung. Internationalem Druck hält er scheinbar ungerührt stand, auch wegen Russland, das nicht zulassen möchte, nach den Revolutionen in der Ukraine und Georgien einen weiteren demokratisierten und westlich orientierten Staat vor den eigenen Grenzen zu haben.
Es wäre aber für ihn sicherlich schwieriger, sein Regime weiterzuführen, wenn seine Landsleute eine bessere Ahnung davon hätten, wie anders das Leben in einer freiheitlichen Demokratie sein kann – menschlich und wirtschaftlich. Doch der Weg dahin ist noch lang. Die Opposition wächst zwar langsam, sie ist jedoch noch weit davon entfernt, Lukaschenka ernsthaft gefährlich werden zu können. Solange es ihm weiterhin gelingt, totale Macht auszuüben, die Globalisierung von seinem Land fernzuhalten, es einzulullen, historischen Vorurteilen Nahrung zu geben und vor allem sein Bild als volksnaher, charismatischer und kluger Führer aufrecht zu erhalten, wird er sich halten können.
Lesen Sie in der nächsten Woche bei /e-politik.de/ einen weiteren Beitrag in unserer Serie Staats- und Regierungschefs.
Die Bildrechte für das Lukaschenka-Portrait liegen beim Presseamt des Präsidenten, bei Hanna Zelenko/Wikipedia GNU Free Documentation License (Unabhängigkeitsplatz) und sind gemeinfrei (Flagge, Platz).
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Weißrussland: Bleibt alles anders?
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“Unterwanderung durch fremde Werte” = westeuropäische parasiten welche durch ihr treiben das phantom “demokratie” propagandieren um somit die bevölkerung/en finanziell auszubluten und zu multikulturisieren . Lukaschenka handelt in jedem fall richtig indem er zuerst(!) an sein volk denkt und dann an all die anderen völker ! kappiert es endlich es gibt keine demokratie vorallem nicht ohne wahre demokraten !eine one world ist niermals möglich und kann nicht gut gehen !
hat minsk dich für diesen quatsch bezahlt?
War eigentlich der Autor des Artikels in Belarus? Es ist immer wieder schön, etwas von “DEM DIKTATOR” zu lesen. Es gehört ja zu Deutschlands Tradition, schlecht über Russland und über Belarus zu schreiben. Aber wenn man versucht, einen positiven Artikel über Belarus IN EINER DEUTSCHEN ZEITUNG zu publizieren, dann klappt das komischerweise nicht. Es wird immer von Propaganda in Russland und Belarus gesprochen…. schön …. aber es wird gar nicht in Betracht gezogen, dass es auch in Deutschland Propaganda gibt. Und von einer Opposition zu schreiben, mit der man sich wahrscheinlich eh nicht auskennt, ist doch ein bisschen unmöglich. Hat der Autor denn auch mal persönliche Erfahrungen mit der belarusssichen Opposition gemacht? Die belarussische Opposition ist nicht mehr ernst zu nehmen. Und eine “Orangene Revolution” – habt ihr schon mal gesehen, wie die Ukrainer leben? Was hat denen die Revolution wirtschaftlich gebracht? Herrscht Ordnung in dem Land? Und immer von den armen Georgiern zu sprechen – es hat mich gefreut, als auch in den deutschen Nachrichten endlich mitgeteilt wurde, dass die Georgier als erste das Feuer eröffnet haben. Ohne amerikanische Hilfe wäre es wahrscheinlich gar nicht zu dem Konflikt gekommen. Mich bringt es immer wieder zum Rasen, wenn zum Vorschein kommt, dass sich unsere Staatsbürger stets überlegen zeigen müssen (hinsichtlich Osteuropa und Asien) und dabei auch noch meinen, sie müssten eine moralisierende Funktion einnehmen (bei ihren Kritiken, die meistens auf Hören-Sagen basieren).
@Müller: zur generellen Kritik an der deutschen bzw. westlichen Medienlandschaft würde ich zumindest insoweit zustimmen, dass es schwer ist einen objektiven und auf tatsächlichen Fakten basierenden Artikel zu Russland und auch Osteuropa in allgemeinen zu finden. Bezogen jedoch auf diesen Artikel ist die Kritik völlig haltlos.
Der Artikel ist besser als das was man in den Medien findet, die tatsächlich nur von Lukaschenka als Diktator berichten ohne Hintergründe. Hier ist das aber nicht der Fall. Der Autor macht die zwei wichtigsten Punkte auf nämlich zum einen Lukaschenka ist in der Bevölkerung beliebt und zweitens ist die Opposition tatsächlich zerstritten und hat einen sehr geringen Rückhalt in der Bevölkerung. Wäre der Autor dem Irrglauben unterlegen, wie so viele im Westen, dass die Opposition eine breite Unterstützung genießt und Lukaschenka auch von der eigenen Bevölkerung nicht unterstützt wird, wäre der Einwand berechtigt. Es ist aber nicht der Fall. Dies ändert alles aber nichts an den Verbrechen Lukaschenkas wie der Autor treffend erwähnt.
Über die persönliche Meinung des Autors am Schluss des Artikels lässt sich bestimmt streiten. Denn ob man einer Bevölkerung tatsächlich vorschreiben kann oder erklären sollte, wie sie leben sollten (es liest sich zumindest so als ob der Autor in diese Richtung gehen will), ist diskussionswürdig. Vor allem wie demokratisch so eine Einstellung ist. Das Hauptproblem bleibt aber bestehen nämlich Lukaschenkas Verbrechen unabhängig vom System selbst.
Die Präsidentschaftswahlen in Belarus verliefen demokratisch und fair. Wahlbetrug hat es nach übereinstimmenden Aussagen u.a. auch von ausländischen Wahlbeobachtern, nicht gegeben.
Denn wir alle, die normal denken können und nicht mit Scheuklappen vor den Augen durch den Alltag laufen, wußten doch was das Ziel der westlichen Politiker und Medien war, im Falle eines Sieges von Präsidenten Lukaschenko, das demokratische Wahlergebnis zu verleugnen, indem nach bekanntem Muster eine neue Variante der “bunten Revolution”, der angeblichen Volksaufstände “gegen Diktatur, für Freiheit und Demokratie” erprobt wurde.
Diese Rechnung ist jedoch nicht aufgegangen, trotzdem sollte man die Machenschaften der Feinde des belorussischen Volkes keineswegs unterschätzen.
In diesem Zusammenhang der längerfristigen Variante eines vom Westen verfolgten und gesteuerten Umsturzes in Belarus, federführend organisiert durch die BRD und Polen im Auftrag und Interesse der USA, wäre unbedingt und ganz speziell auch das Wirken des ehemaligen BND-Chefs, Hans-Georg Wieck zu nennen, der vor Gorbatschows Machtantritt 1986 Botschafter der BRD in der UdSSR war und bereits damals ein Netzwerk knüpfte welches zur Konterrevolution und damit zur Auflösung der UdSSR führte. Dies wollte er heute in seiner neuen Funktion als Präsident der NGO “Human Rights-EU-Belarus” wieder versuchen, nur leider hat er nicht mit der Entschlossen und der Weitsicht von Präsident Lukaschenko und den Schutz- und Sicherheitsorganen gerechnet, die diese Vorbereitungen für eine Konterrevolution in Belarus noch rechtzeitig aufdecken konnten.
Deswegen allen Dank Präsidenten Lukaschenko und den Schutz- und Sicherheitsorganen der Republik Belarus, die eine weitere Ausbreitung der NATO damit verhindert und den Frieden für den Moment ersteinmal wieder gesichert haben.
http://www.osce.org/odihr/75721