75 Jahre Bücherverbrennung: Die Macht des Wortes

19. Mai 2008 | von Christoph Rohde | Kategorie: Gesellschaft
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Am 10. Mai 1933 wurden in den meisten deutschen Universitätsstädten die Bücher „undeutscher Denker“ auf von den Nationalsozialisten organisierten Veranstaltungen verbrannt. Aus diesem Anlass fand am Münchner Königsplatz 75 Jahre später eine zentrale Gedenkveranstaltung statt. Von Christoph Rohde

Der Münchner Königsplatz mit seiner imponierenden baulichen Kulisse wurde von den Nationalsozialisten genutzt, um eine Bücherverbrennung im Rahmen der Kampagne „Wider den undeutschen Geist“ durchzuführen. Vom Auditorium Maximum der Münchner Universität zog eine mit Fackeln ausgerüstete Menschenmenge über die Feldherrenhalle durch die Brienner Straße hin zum Königsplatz, wo sich zwischen 50 000 und 70 000 Menschen versammelt hatten. Der Zug wurde von vier berittenen Schutzleuten, vier Reitern in weißen Hemden mit Hakenkreuzbinde und vier schwarzen SS-Reitern angeführt.

Mit dem Lied „Burschen heraus“ wurde die Bücherverbrennung eröffnet. Der Älteste der Deutschen Studentenschaft, Kurt Ellersiek, hielt die sogenannte Feuerrede, in welcher die „Denunzianten des Deutschtums“ als Volksverräter namentlich benannt und die Bücher der Autoren unter Nennung der „Feuersprüche“ verbrannt wurden.

Prominente Vorlesende und viele Besucher

Am 10. Mai 2008 lasen Schriftsteller, Politiker, politische Aktivisten und Studenten aus den verbrannten Schriften. Die von Wolfram Kastner organisierte Gedenkveranstaltung war gut besucht – einige Tausend Besucher, aber auch spontan vorübergehende Passanten füllten das Areal unterhalb der Glyptothek. Das schöne Wetter führte dazu, dass das intellektuelle Event von Picknicks, Rotwein und Musikeinlagen begleitet wurde. Hanne Hiob, die Tochter Bertold Brechts, die 10 Jahre alt war, als die Werke ihres Vaters in die Flammen geworfen wurden, eröffnete die Veranstaltung. Sie las vom Marxisten Jura Soyer, der mit 27 Jahren in Buchenwald ums Leben gekommen war. Viele der Vorlesenden erläuterten die Bedeutung der Werke dieser Schriftsteller und ihre jeweiligen individuellen Schicksale. Zu den gelesenen Denkern zählten Erich Maria Remarque, Kurt Tucholsky, Franz Kafka sowie weitgehend vergessene Schriftsteller wie Ferdinand Bruckner, Karl Grünberg und Gina Kaus.

Keine Gedenktafel am Königsplatz

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Mit dem Gedenken an die Bücherverbrennung tut sich die Stadt München schwer. Es gibt keinen Hinweis auf diese einmalige historische Kulturschändung in München. Jedes Jahr nimmt Wolfram Kastner einen Gasbrenner und brennt ein großes Loch in den Rasen des Königsplatzes, um zu verhindern, dass dauerhaft Gras über die Tatsache der Bücherverbrennung wächst. Er hatte im Jahre 1995 bereits eine Ausstellung zu diesem Thema im Haus der Kunst in München organisiert.

Ähnliche Initiativen in diese Richtung wurden von der Stadtverwaltung oft behindert. Umso erfreulicher war es, dass die Veranstaltung am Königsplatz sehr gut besucht war. Im Laufe der zwölf Stunden dauernden Lesung wurde deutlich, dass viele der Themen, die die verfemten Denker in den dreißiger Jahren aufgriffen, bis in die Gegenwart aktuell geblieben sind – das direkte Wort der gelesenen Autoren wurde von vielen der Vorlesenden lebendig präsentiert.

Moderne Formen der Gedankenkontrolle

Das Ereignis der Bücherverbrennung provoziert unvermeidlich zu der Frage: Wie steht es mit der Meinungsfreiheit in der Gegenwart? Wissen ist im digitalen Zeitalter kaum mehr physisch zu vernichten, es gibt jedoch andere Wege der Beschneidung der Meinungsvielfalt. Wie der Philosoph Michel Foucault gezeigt hat, gibt es in der Gesellschaft der Postmoderne Machttechniken im Diskurs, die zu hegemonialen Strukturen in der Meinungsmache führen – unerwünschte Themen werden mit Tabus belegt und quasi undenkbar gemacht. Die zunehmende Ökonomisierung des Mediensystems mit starken inhärenten Konzentrationsprozessen stellt ebenfalls eine Bedrohung für „unerwünschte“ Gedankensysteme dar. Die Meinungsvielfalt muss auf den Ebenen privater und öffentlicher Kommunikation immer wieder neu erkämpft werden. Gerade dann, wenn die markthörige Globalisierung immer mehr den stereotypen Menschen einfordert.

Das “Wachsam-Bleiben” bleibt die Aufgabe offener Gesellschaften, damit die folgende Maxime Voltaires beherzigt werden kann: Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst. Und die Gedenkveranstaltungen zu diesem Thema bleiben unentbehrliche Bausteine auf dem Weg zur Bewahrung und Optimierung einer demokratischen Kultur.


Die Bildrechte liegen beim Autor.


Weiterführende Links:

Eine Liste mit verbrannten Autoren

Zum 75. Jahrestag der Bücherverbrennung


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