2007: Ein Rückblick auf Krisen und Kriege

13. Jan 2008 | von Yahya Abu-Yahya | Kategorie: Sicherheitspolitik

US-Soldaten_nahe_Bangram_in_Afghanistan_Juni2005_klein_1.JPGIm Vergleich zu 2006 haben sich auf der Welt letztes Jahr weniger mit Waffengewalt ausgetragene Konflikte abgespielt. Auch der über längere Zeit anhaltende Trend spricht dafür, dass sich die allgemeine Lage entspannt. Von der Utopie eines Weltfriedens sind wir jedoch weit entfernt. Von Yahya Abu-Yahya

Das neue Konfliktbarometer des Heidelberger Instituts für Internationale Konfliktforschung (HIIK) zählt für das Jahr 2007 insgesamt 130 gewaltsame Konflikte. Davon sind 99 Krisen, in denen Gewalt nur sporadisch zum Einsatz kommt, 25 ernste Krisen in denen es zu regelmäßigen Kampfhandlungen kommt. Außerdem gab es sechs Kriege, die sich von den ernsten Krisen durch eine noch höhere Organisiertheit, sowie längere Dauer der Gewaltanwendung abheben.

Als Kriege bezeichnet das HIIK dieses Jahr die Auseinandersetzungen im Irak, in Afghanistan, in Pakistan im Grenzgebiet zu Afghanistan, in Sudan (Darfur), in Somalia und im Siedlungsgebiet der Tamilen in Sri Lanka. Interessant ist, dass es sich hierbei ausnahmslos um innerstaatliche Kriege handelt, was auch der allgemeinen Tendenz entspricht. Dazu Nicolas Schwank von der CONIS-Forschungsgruppe, die die wissenschaftliche Basis für das Konfliktbarometer legt, indem sie den entsprechenden Konfliktdatensatz führt: „Die Zunahme von Bürgerkriegen ist vor allem auf die leichte und billige Verfügbarkeit von kleinen Feuerwaffen auf dem Weltmarkt zurückzuführen.“ Nichtstaatliche Akteure sind deshalb eher in der Lage ihre Interessen gewaltsam zu vertreten.

„Die Welt ist so gewalttätig, wie der Datensatz, den man benutzt“

konfliktverteilung.JPGDieses Zitat des Konfliktforschers Sven Chojnacki sollte man immer im Hinterkopf behalten, wenn man von Kriegs- und Konfliktstatistiken, wie dem Konfliktbarometer des HIIK hört (Grafik links). Es gibt eine Vielzahl von Datensätzen, die von unterschiedlichen Kriegs- bzw. Konfliktdefinitionen ausgehen und so natürlich auch zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Das amerikanische „Correlates of War“-Projekt zum Beispiel verwendet als zentrales Kriterium für einen bestehenden Krieg die Schwelle von mindestens 1000 getöteten Soldaten bzw. irregulären Kampfeinheiten während der Kampfhandlungen – keine Zivilisten! Was zunächst als sinnvolles und vor allem sehr gut überprüfbares Kriterium erscheint, hat zum Beispiel dazu geführt, dass der Bosnienkrieg in den Statistiken des „Correlates of War“- Projekts gar nicht erst auftaucht.

Die Definition des HIIK dagegen lautet: „Kriege sind Formen gewaltsamen Konfliktaustrags, in denen mit einer gewissen Kontinuität organisiert und systematisch Gewalt eingesetzt wird. Die Konfliktparteien setzen, gemessen an der Situation, Mittel in großem Umfang ein. Das Ausmaß der Zerstörung ist nachhaltig.“ Die Schwäche ist dabei eine gewisse Schwammigkeit. Außerdem besteht die Gefahr, dass die einzelnen Mitarbeiter bei der Aufnahme von Konflikten in den Datensatz ihren subjektiven Empfindungen zu viel Platz einräumen. Dem wird aber durch Beratung der strittigen Fälle in Regionalgruppen und allgemeinen Redaktionskonferenzen entgegengewirkt.

Ein friedlicheres Afrika?

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Während die Zahl der Kriege im Vergleich zu 2006 gleich geblieben ist, gab es in geringem Maße weniger Krisen bzw. ernste Krisen (Grafik rechts; Konflikte und Krisen sind eingefärbt). Diese Verringerung ist teilweise auf eine Entspannung auf dem afrikanischen Kontinent zurückzuführen. Afrika galt seit den frühen Neunzigern als sogenannter Konfliktsockel, der die Statistiken in die Höhe treibt. In den letzten Jahren scheint jedoch eine gewisse Deeskalation einzutreten. Als Grund dafür, kommt ein gesteigertes Interesse von internationalen Organisationen und der westlichen Welt an einem friedlichen Afrika in Frage. Dieses Interesse schlägt sich in Friedensmissionen, wie der im Kongo und in diplomatischen Bemühungen zur Errichtung von „Regierungen Nationaler Einheit“ in zerstrittenen Konfliktgebieten nieder.

Es ist jedoch zu früh, von einer friedlichen Zukunft zu träumen. Schwank: „Es muss davor gewarnt werden, von einer dauerhaften Deeskalation in Afrika zu sprechen. Die Situation in den befriedeten Konflikten beinhaltet weiterhin viele Instabilitäten und ist generell äußerst fragil.“ Außerdem gehört Afrika nach wie vor zu den Weltregionen mit den meisten gewaltsamen Konflikten. Der Kontinent wird nur vom Mittleren Osten übertroffen, in dem die Lage, wenn man berücksichtigt, dass diese Region aus weit weniger Ländern als Afrika besteht, noch weitaus alarmierender ist.


Die Bildrechte liegen beim HIIK (Weltkarte; Balkendiagramm) bzw. sind gemeinfrei (Amerikanische Soldaten im Afghanistan-Krieg)


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