„Eine Afghanin, eine Vietnamesin und eine Serbin kommen in die Lobby…“

26. Feb 2008 | von Amelie Roth | Kategorie: Politisches Feuilleton

putze200.jpgViele Einwanderer arbeiten in den schlecht bezahlten Jobs der Hotelbranche. Wer sind sie und warum müssen sie sich das antun? Ein Erfahrungsbericht eines Zimmermädchens. Von Amelie Roth

„Housekeeping!“ Ein kurzes Klopfen, mein Schlüssel dreht sich im Schloss und ich drücke die Tür langsam auf. Aus der Dunkelheit schlägt mir ein beißender Geruch entgegen. Die Mischung aus Alkohol, Urin und einem weiteren, undefinierbaren Bestandteil rufen fast unmittelbar einen Brechreiz in mir hervor. Ich trete ein und versuche, mich im Zwielicht zurechtzufinden. Der Boden ist übersät mit Kleidungsstücken und Zeitschriften, durch die ich mir in Richtung Fenster einen Weg bahne.

Dort angekommen, greife ich erleichtert nach dem Vorhang – als mich ein schlaftrunkenes Grunzen von links zurückzucken lässt. Ich wende mich zum Bett hin und erkenne schemenhaft ein paar Schuhe, die aus einem Deckenberg herausragen. Ein zweites Grunzen lässt den Deckenberg erzittern. Ich trete im Schutz der Dunkelheit den Rückzug an und schleiche mich aus dem Zimmer.

Oktoberfest200.jpgRelativierung der Plackerei

Es ist Oktoberfest in München und ich arbeite als Zimmermädchen in einem kleinen Hotel. Alkoholleichen und stark verunreinigte Sanitäranlagen gehören ab jetzt für drei Wochen zu meinem Alltag. Von meiner Kollegin Frau Vang* bekomme ich nur eins zu hören: „Scheiße, Oktoberfest. Alles scheiße.“ Dann winkt sie ab, und fügt grinsend hinzu: „Egal.“ Diese Relativierung werde ich in den folgenden Wochen noch oft zu hören bekommen.

Sie scheint das Einzige zu sein, das die Plackerei erträglich macht. Es ist völlig überflüssig, sich über den Sinn der eigenen Arbeit Gedanken zu machen oder die Kaprizen der Gäste aufzuregen – und dafür hat hier auch keiner mehr Kraft, nach acht Stunden Bett beziehen, Bad putzen, Staub wischen, Staub saugen. Was aber bringt meine Kolleginnen dazu, diese Arbeit teilweise schon über 15 Jahre lang durchzuhalten? Was ist ihre Motivation hinter dem alltäglichen „Egal“?

Multikulturelle Vielfalt

Die meisten Angestellten des Hotels sind keine Deutschen. Frau Shamel* zum Beispiel kommt aus Afghanistan. Sie ist eine kleine rundliche Frau mit kurzen, dunklen Haaren, Perlohrringen und feinem Gesicht. Tiefe, dunkle Augenringe leuchten unter ihrer Brille hervor, ich höre sie seufzen und murmeln, während sie zwischen Frühstücksraum und Küche hin und her rennt. „Shamel! Sie kommen, Sie essen!“ Frau Vang, eine Vietnamesin, deutet auf den Platz neben sich und winkt Frau Shamel herbei.

Wir machen Frühstückspause. Ich sitze zwischen zwei Vietnamesinnen, einer Afghanin, einer Serbin und einer Rumänin. Ich muss höllisch aufpassen, nicht auch plötzlich beim Sprechen alle Artikel wegzulassen und Verben nur noch in der Infinitivform zu benutzen. Die Anpassung geht schnell, vor allem weil man so tatsächlich besser verstanden wird.

Die Schuldirektorin

Als Frau Shamel gefragt wird, ob sie krank sei, fängt sie an zu erzählen. Von ihrer Schlaflosigkeit und von den Verwandten daheim, denen sie Geld schickt, das ihnen aber doch nicht das Leben retten kann. Frau Shamels Verwandte leben in der Talibanhochburg Kandahar, einer der gefährlichsten Städte im Süden Afghanistans. Die Bevölkerung hat sowohl unter Terroranschlägen der Taliban als auch unter den Gegenoffensiven der NATO-Truppen zu leiden.

Sie spricht von ihrer Flucht aus Afghanistan, als 1996 die Taliban die Macht übernahmen und der Zeit davor, als sie Direktorin einer Mädchenschule war: „An einem Tag kamen diese Männer, schmutzig, unhöflich, sie haben mich gestoßen, auf Boden und getreten. Dann wir mussten Burka tragen.“ Mit ihrem Mann und ihrem Sohn ist sie über Russland geflohen und schließlich nach Deutschland gekommen. Jetzt ist sie Zimmermädchen.

Die Näherin

Jetzt erzählt auch Frau Vang von ihrer Heimat. Sie stammt ursprünglich aus Hanoi und kam im April 1988 als Gastarbeiterin in die ehemalige DDR. Dort war sie Näherin und ist nach der Wende nach Westdeutschland übergesiedelt. Frau Vang ist kein Einzelfall. Die meisten Gastarbeiter der ehemaligen DDR stammen aus Vietnam. Sie arbeiteten unter harten Bedingungen in der Produktion, z.B. im Schichtdienst.

Viele von ihnen ließen ihre Familien in ihrer Heimat zurück und bauten sich neue Existenzen auf. Frau Vang hat eine erwachsene Tochter in Vietnam und zwei weitere Kinder aus zweiter Ehe in Deutschland. Ob sie ihre Tochter nicht vermisst habe, als sie sie im Alter von drei Jahren zurücklassen musste? „Ja. Aber besser so. Besser leben in Deutschland.“ Es scheint der Preis zu sein, den man bereit sein muss zu zahlen für den Eintritt in ein besseres Leben. Auch wenn dieses „bessere Leben“ eine Arbeitsstelle als Zimmermädchen bedeutet.

Die Kauffrau

Frau Kritidis* aus Serbien teilt diese Meinung nicht. Sie ist gelernte Kauffrau, kann ihren Beruf in Deutschland jedoch nicht ausüben, weil ihre Zeugnisse nicht anerkannt werden. Der Hoteljob, so findet sie, ist „die Hölle“. Ständig meckernde Gäste und die ewig gleich schmutzigen Zimmer. Frau Kritidis spricht wesentlich besser deutsch als ihre Kolleginnen. Sie ist mit vierundzwanzig Jahren nach Deutschland gekommen, während des Bosnienkrieges 1992.

Gerne hätte sie noch einen deutschen Schulabschluss gemacht, war aber finanziell dazu nicht in der Lage. Heute träumt sie davon, auf der Abendschule das Abitur nachzumachen, um dann Jura zu studieren. Aber nach sechzehn Jahren Arbeit im Hotel ist sie gesundheitlich angegriffen: ein Bandscheibenvorfall und Knieprobleme im Alter von 39. Was, wenn sie wählen müsste zwischen Arbeit und Ausbildung? „Da gibt’s keine Wahl. Ich habe zwei Kinder. Sie sollen lernen, gute Ausbildung machen.“ Da bleibt nur eins: weitermachen. Als Zimmermädchen.

Die alte Hoffnung auf ein besseres Leben

Es gibt keine einheitliche Antwort auf die Frage nach der Motivation meiner Kolleginnen, die harte Arbeit als Zimmermädchen Tag für Tag durchzuhalten. Sie alle haben ihre eigene Geschichte. Auffallend ist jedoch, dass die meisten der Zimmermädchen eigentlich höher qualifiziert sind, aber aufgrund fehlender Sprachkenntnisse oder nicht anerkannter Abschlüsse ihre ursprüngliche Arbeit nicht ausüben können. Trotzdem wollen oder können sie nicht in ihre Heimat zurück. Krieg, labile politische Verhältnisse oder einfach das Fehlen der gut ausgebauten öffentlichen Infrastruktur Deutschlands bewegen sie dazu, zu bleiben. So eint sie alle die alte Hoffnung auf ein besseres Leben.

Für sich selbst, aber vor allem für ihre Kinder.

* Namen von der Autorin geändert


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Die Bildrechte liegen bei der Firma Make Ready (Servicekraft) bzw. sind gemeinfrei (Oktoberfest).


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