„Die sollen sich zum Teufel scheren“

20. Okt 2008 | von Alexander Christoph | Kategorie: Politik
Zu jedem Thema eine klare Meinung: Altbundeskanzler Helmut Schmidt.

Er ist ein Mann der deutlichen Worte, Weltpolitiker von Rang und allseits geschätzter Gesprächspartner. Helmut Schmidt, Urgestein der SPD und ehemaliger Bundeskanzler, fühlt sich auch 25 Jahre nach seiner Kanzlerschaft nicht außer Dienst. Das zeigte ein Gespräch mit dem TV-Journalisten Wolf von Lojewski in Passau. Von Alexander Christoph

Die Börsenkurse spielen derzeit weltweit verrückt. Den einen Tag steigen sie und bescheren den Spekulanten satte Gewinne, anderntags hingegen können sie schon wieder ins Bodenlose fallen. Und das trotz aller staatlichen Rettungspakete. Da sind nicht nur bei den Händlern starke Nerven gefragt, sondern auch bei den zahlreichen privaten Anlegern. Kein Wunder also, dass die Finanzkrise deutschlandweit in aller Munde ist. Sogar als Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt ins beschauliche niederbayerische Passau reiste, um über „Weltpolitik als globale Herausforderung“ zu diskutieren, holte ihn die aktuelle Lage auf den Finanzmärkten ein.

Finanzkrise – „Wat nu?“

Gleich die erste Frage, die der ehemalige Anchorman des heute-journals, Wolf von Lojewski, stellte, zielte in diese Richtung: „Wat nu?“ Doch der hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht. „Schmidt-Schnauze“ winkte kurz ab und legte los, wie ihm sein berühmt berüchtigter hanseatischer Schnabel gewachsen war. Die Kultur in ihrer politischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Dimension stand im Medienzentrum der Verlagsgruppe Passau erstmal im Mittelpunkt. So redete der bald 90-Jährige über die „Vitalität der demokratischen Instinkte in den USA“, die Bill of Rights aus dem Jahr 1789, aber auch über die erst sechzig Jahre währende Demokratie in Deutschland.

Mahner und Skeptiker

Aber nicht nur die Kultur, auch die Weltpolitik war dem SPD-Politiker ein Anliegen. So erwähnte der Bundeskanzler a. D. den Aufstieg Chinas zur Weltmacht ebenso wie den Bedeutungszuwachs Brasiliens und Russlands auf der internationalen Bühne. Freilich gehe dieser Wandel zu Lasten der europäischen und nordamerikanischen Staaten. Wobei er schon bei der Globalisierung gelandet war. „Eine Entwicklung, die keiner so richtig vorhergesehen hat.“ Obwohl Deutschland mit einer Exportquote von knapp unter 50 Prozent davon extrem profitiere, berge diese Entwicklung durchaus Gefahren.

Und da war er wieder, der Mahner und Skeptiker, der durch seine kühle Analysen besticht. Kritisch beäugt der Alt-Bundeskanzler beispielsweise den internationalen Geld- und Kapitalverkehr. Da gebe es keine Regeln. „Und damit bin ich bei Ihrem Stichwort.“ Verdutzte Blicke im Publikum, Applaus und Gelächter. Schmidt hatte es geschafft. Mehr als zwanzig Minuten herrschte ehrfurchtsvolle Stille. Allein mit seiner Präsenz hatte er den Raum für sich eingenommen. Weder wagten es die rund 650 Gäste der Veranstaltungsreihe „Menschen in Europa“ zu tuscheln, noch stellte der sonst so beredte Lojewski eine Zwischenfrage. Das hat Seltenheitswert.

Hände weg von Aktien

Moderator Wolf von Lojewski ließ Schmidt-Schnauze freie Hand.

Dann ging es erst richtig los. In schonungslos offener Weise streifte Helmut Schmidt die unterschiedlichsten Themen – angefangen beim Irakkrieg über Afghanistan bis hin zur Europäischen Union, um schließlich wieder zur aktuellen Finanzkrise zu kommen. Die Worte, die Schmidt für die Misere und die verantwortlichen Akteure parat hatte, waren mehr als deutlich. Der Hinweis, dass sich kaum ein Finanzmanager finden lasse, der sich mit 500 000 Euro Jahresgehalt zufrieden geben würde, parierte er einfach mit: „Die sollen sich zum Teufel scheren.“ Und ganz nebenbei bemerkte der studierte Volkswirt: „Normale Menschen legen ihr Geld nicht in Aktien an.“

Wobei Schmidt nicht Schmidt wäre, hätte er an diesem Abend nicht mehrmals zum Tabak gegriffen. Und so zog Schmidt genüsslich an seiner Zigarette, während er auf das Finanzsystem schimpfte. „Überstaatliche Regelungen“ – das war Schmidts simple wie präzise Lösung. Vergleichbar mit Bretton Woods. Doch das benötige Jahre, nicht wenige Wochen. Von den Amerikanern erwartet er wenig. Daran ließ der Hanseat, der zusammen mit Valery Giscard d’Estaing Ende der 70er durch das Europäische Währungssystem den Euro auf den Weg gebracht hatte, keinen Zweifel. Deshalb sei Europa in der Pflicht.

Für den Sozialstaat auf die Barrikaden

Apropos Europa: Von den „viel zu schnellen“ Erweiterungsrunden hält er wenig. Die hätten die politische Arbeit nur erschwert. Die Spielregeln müssten auf den Prüfstand und geändert werden. Solange sei eine Diskussion über die Aufnahme der Türkei oder der Ukraine „aberwitzig“. Während des Gesprächs kommentierte der ehemalige Kanzler so ziemlich alle derzeit in den Medien diskutierten außenpolitischen Themen, die Innenpolitik hingegen nicht. Als Lojewski seine Meinung über die Linkspartei oder die SPD „als Quell unendlicher Freude“ wissen wollte, erwiderte Schmidt kühl: „Warum soll ich mir im 90. Lebensjahr zusätzliche Feinde schaffen?“

So ist er halt, der Schmidt.

So ist er halt, der Schmidt, mögen sich an diesem Abend viele gedacht haben. Obwohl er aneckt und provoziert, machen ihn dennoch seine freimütigen Bekenntnisse zu einem Sympathieträger ersten Ranges. Auch dank folgender Aussagen: „Für die Aufrechterhaltung des Sozialstaats würde ich auf die Barrikaden gehen.“ Mit diesen Worten sprach sich das SPD-Urgestein entschieden für den Sozialstaat aus – „die größte kulturelle Leistung, die Europa im 20. Jahrhundert zustande gebracht hat“. Dennoch seien schon allein aufgrund der Überalterung der Gesellschaft Anpassungen nötig. Eine Mammutaufgabe.

Zuversicht statt Angst

Dank Helmut Schmidts hanseatisch-trockenen Humors und seiner Schlagfertigkeit war es für die Zuhörer gleichsam spannend wie interessant. Zugegeben: Wer Schmidts Bücher kennt, wird kaum Neues erfahren haben. Doch wer ihn einmal in natura erlebt hat, kann sich nur allzu gut vorstellen, warum im konservativen Bayern der 70er Jahre nicht wenige in die SPD eingetreten sind. Und um es nicht zu vergessen: Wünsche hat der alte Mann auch noch – nicht für sich, sondern für die Deutschen. Zuversicht statt Zukunftsängsten. Wie passend zur derzeitigen Finanzkrise.

Altbundeskanzler Helmut Schmidt sprach im Rahmen der Veranstaltungsreihe “Menschen in Europa” der Verlagsgruppe Passau. Bis zum Ende des Jahres werden dort noch weitere prominente Gäste zu aktuellen Themen Stellung nehmen.


Die Bildrechte liegen bei Manuel Birgmann, Verlagsgruppe Passau, und beim Autor (Schmidt mit Zigarette).


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