Zukunft der Energiewirtschaft

29. Apr 2007 | von | Kategorie: Politisches Buch

Bechberger_Reiche_von_IrisPufe_rezensiert.jpgEine Energiewende muss her, nur an dem wie scheiden sich die Geister. Welche Weichen Politik und Wirtschaft zu stellen haben, erklärt nun ein neuer Sammelband. Von Iris Pufe

Mit rund 20 Prozent Wachstum ist die Branche erneuerbarer Energien im Augenblick die dynamischste. Trotzdem verschlafen Politik und Wirtschaft, für eine langfristige Energiewende die erforderlichen Weichen zu stellen. In dem Band Ökologische Transformation der Energiewirtschaft. Erfolgsbedingungen und Restriktionen, herausgegeben von Mischa Bechberger und Danyel Reiche, bieten 22 junge Wissenschaftler mögliche Lösungsansätze.

Strukturbrüche, Krisen und Turbulenzen



Leitmotiv der 17 Einzelstudien ist die Fragen nach den Faktoren, die eine Transformation bremsen oder aber befördern. Die Beiträge folgen dabei einem einheitlichen Muster: erst die Methodik, dann die Bedeutung des jeweiligen Themas im Rahmen des Transformationsprozesses sowie schließlich die Umsetzungshindernisse. Den Hintergrund bilden bislang ergriffene Maßnahmen zum Ausbau regenerativer Energien in Politik, Forschung und Wirtschaft.

Die Studien beziehen sich auf eine Empfehlung, die als Warnung zu lesen ist. Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen empfiehlt den Ausbau erneuerbarer Energien um 50 Prozent bis 2050 zu steigern. Der Transformationsbegriff zeigt jedoch an, dass der Übergang von der konventionellen fossil-nuklearen zu einer ökologisch basierten Energieversorgung Strukturbrüche, Krisen und Turbulenzen mit sich bringt.

Unterschiedliche Blickwinkel sind nötig



Ingenieure und Ökonomen, Physiker und Politologen – ihr jeweiliger Blick auf das Wie der Transformierung sensibilisiert für die Vielzahl der Erkenntnisse, die in Lösungsmaßnahmen einzubeziehen sind. Auch Methodenvielfalt – quantitative Methoden wie ökonomische Analyseraster und Methoden der qualitativ-empirischen Sozialforschung – spiegelt das intrinsisch Interdisziplinäre des Energie-Themas wider.

Dass der Strukturwandel keine deutsche Spezialität ist, demonstrieren die Beiträge zu Bulgarien, Mexiko, den USA und Venezuela, wobei der Vergleich der Energiesektoren interessante nationale Besonderheiten in Geschichte und Gesetzgebung aufdeckt.  

Auf mehreren Gleisen zur Energiewende

Ihre Beiträge gliedern die Autoren in insgesamt fünf Teile, die sie einem ökologischen Transformationsprozess zugrunde liegende begreifen: 1) Durchsetzungsmöglichkeiten, 2) Träger bzw. Akteure, 3) politische Triebkräfte im Mehrebenensystem (lokal, föderal, national, europäisch und global), 4) benötigte politische sowie 5) erforderliche technische Rahmenbedingungen.

Die Durchsetzungsmöglichkeiten werden am Beispiel deutscher Offshore-Windenergie sowie am Vergleich der Förderpolitik für Biokraftstoffe Frankreich-Deutschland erschlossen.

Argentinien, USA, Bulgarien & Co.



Unter „politische Triebkräfte“ wird eruiert, ob Clean Development Mechanisms auf Städteebene in Buenos Aires einen Beitrag zur Transformation dortiger Energiesysteme leisten können, welcher Energiebedarf in ländlichen Regionen Mexikos besteht, und welche Motive Venezuela hat als weltweit sechstgrößter Erdölproduzent in erneuerbare Energie-Projekte zu investieren; der Beitrag über Bulgarien weist das Land als Beispiel osteuropäischer Länder aus, deren weit reichende Befürwortung von Nuklearenergie das Hindernis beim Ausbau regenerativer Energien sind; dass Einspeisevergütungsmodelle ein sinnvolles Instrument sind, Stromgewinnungs-Kapazitäten in der EU-25 voranzubringen zeigt Kapitel 11; dass sich dieses Instrument in den USA nicht bewährt hat, sondern vielmehr der Ansatz des ‚Renewable Energy Portfolio Standard’ schildert der nächste Beitrag.

Die politischen Rahmenbedingungen werden anhand des Vergleichs der in Deutschland und Großbritannien ergriffenen Strategien für eine umweltverträgliche Energieversorgung nachgezeichnet.

Welche technischen Rahmenbedingungen die Transformation des Energiesektors stützen sollten, untersuchen die Autoren in den Beiträgen zur Rolle der Stromnetze und ihrer Regulierung, zur Transformation des Elektrizitätssystems sowie zur Dynamik der Dezentralisierung anhand der Diffusion von Mikro-KWK (Kraft-Wärme-Kopplung) in Deutschland; auch, inwieweit die Wasserstoff- und Brennzellentechnologie fossile Energieträger mit hineinspielen wird beleuchtet.

Objektivität statt Normensetzung



Unklar ist, warum unter „Akteuren“ nicht Parteien, transnationale Unternehmen oder Gewerkschaften betrachtet werden, sondern die Bedeutung exogenen Anpassungsdrucks für eine Transformation des Stromsektors in Frankreich oder die Anti-AKW-Bewegung in Deutschland. Auch an anderer Stelle ist die Zuordnung der Beiträge zum jeweiligen Teil willkürlich.

Angenehm ist, dass von einer pauschalen Bewertung der Energiefrage – fossile Energielieferanten sind böse, alternative Energie ist gut – abgesehen wird. Die Notwendigkeit für einen ökologischen Transformationsprozesses der Energiewirtschaft wird als gegeben vorausgesetzt. Die Sachlichkeit der Beiträge lassen die vorgestellten Optionen realistisch erscheinen.

Am interessantesten sind die Beiträge dort, wo konkrete ordnungsrechtliche, raumplanerische, informationelle und ökonomische Instrumente und Maßnahmen genannt werden – solche, die bereits angewendet werden oder denkbar wären – und wo geschildert wird, was Entscheidungsträger und das Gros der Bevölkerung davon halten. Kein Wort wird dagegen über die Ökologisierung von Haushalten und Lebensstilen verloren.

Ökologische Transformation im Spiegel der Forschung

Geeignet ist der Sammelband vor allem für Akademiker. Ihnen liefert er eine Bestandsaufnahme der Forschung zum Thema Energiewende und in welche Richtung sie sich bewegt. Der Nutzen des Beitrages ist, dass er Wissen schafft – der politischen Umsetzungsmöglichkeiten, Triebkräfte sowie Rahmenbedingungen – das Politik und Wirtschaft brauchen, um sich für eine Energiewende zu wappnen, für die es höchste Zeit ist.


Bechberger, Mischa/ Danyel Reiche,

Ökologische Transformation der Energiewirtschaft. Erfolgsbedingungen und Restriktionen,

(2006), Berlin, Erich Schmidt Verlag,

351 S., ISBN 978-3-503-09313-7, 44,80 Euro.



Die Bildrechte liegen beim Erich Schmidt Verlag


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