Wie lange reicht das Öl?

06. Feb 2007 | von | Kategorie: Politisches Buch

Cover_Peak_Oil.jpgIn Peak Oil argumentiert der ehemalige Greenpeace-Aktivist Jeremy Leggett, dass sich die globale Ölproduktion kaum mehr steigern lässt und uns daher eine weltweite Energie- und Wirtschaftskrise unmittelbar bevorsteht. Von Werner Schäfer

Geht der Welt das Öl aus? Nicht in naher Zukunft, meinen die meisten Experten. Nachlesen kann man dies zum Beispiel im World Energy Outlook der Internationalen Energieagentur (IEA). Oder auf den Webseiten großer Ölkonzerne wie ExxonMobil oder BP. Selbst die Förderspitze der Ölproduktion – Peak Oil – liegt noch in weiter Ferne, in den zwanziger, dreißiger oder gar vierziger Jahren des 21. Jahrhunderts. Die Versorgung mit Erdöl ist sicher und die Nachfrage nach dem schwarzen Gold kann noch lange weiter wachsen. So die Experten.

Eine abweichende Meinung

Jeremy Leggett ist anderer Meinung. Diese legt er dar in seinem neuen Buch Peak Oil – Die globale Energiekrise, die Klimakatastrophe und das Ende des Ölzeitalters. Danach stehen wir kurz vor der Förderspitze, die wir in wenigen Jahren erreichen. Sobald die Welt dies bemerkt, wird Panik die Weltwirtschaft erfassen, mit dem Ergebnis einer weltweiten Rezession. Meint Jeremy Leggett.

Leggett_Foto.jpgUnd Leggett (Foto links) ist nicht irgendwer. Von Beruf Geologe, promoviert in Oxford, arbeitete er jahrelang in der Ölindustrie. Bis ihm das Problem des Klimawandels keine Ruhe mehr ließ und er bei Greenpeace anheuerte. Dort sorgte er dafür, dass Anfang der neunziger Jahre der Treibhauseffekt auf die internationale Agenda kam. Heute leitet er Solar Century, einen Hersteller von Solarzellen sowie einen Private Equity Fond, der sich auf alternative Energien spezialisiert hat.

Die baldige Förderspitze

Warum traut Leggett dem allgemeinen Öloptimismus nicht? Er beruft sich auf den Geologen und langjährigen Shell-Mitarbeiter M. King Hubbert. Dieser hatte schon in den fünfziger Jahren postuliert, dass der Abbau einer endlichen Ressource wie Öl glockenförmig verläuft. Nach einer Phase langsamen Wachstums zu Beginn, folgt ein rapider Anstieg, der bei einem bestimmten Niveau – dem Peak – abflacht, um dann mit zunehmender Geschwindigkeit zu sinken.

Auf diese Weise sagte Hubbert für 1971 die Förderspitze in den kontinentalen USA voraus, wofür er damals kritisiert und diffamiert wurde. Er behielt jedoch Recht. Trotz aller Bemühungen und allem technologischen Fortschritt hat die dortige Ölförderung den Stand des Jahres 1970 nie mehr übertroffen.

Leggett wendet nun dieselbe Methode auf die weltweiten Reserven und Ressourcen (so nennen sich die noch nicht erschlossenen bzw. noch nicht gefundenen Ölfelder) an und berechnet, dass wir die Förderspitze noch in diesem Jahrzehnt erreichen werden. Für seine Berechnung geht er jedoch von wesentlich geringeren Reserven und Ressourcen aus, als laut dem Mainstream vorhanden sind. Dies begründet er vor allem damit, dass seit den siebziger Jahren mit Ausnahme des Kashagan-Feldes in Kasachstan keine sehr großen Ölfelder mehr entdeckt worden sind, die zur Neige gehende ältere Felder ersetzen könnten.

Die kommende Katastrophe (und Chance)

Für die kommenden Jahre sieht Leggett daher eine große Katastrophe auf uns zukommen. Wenn die Finanzmärkte erst einmal begriffen haben, dass die Förderspitze erreicht ist, werden sie in Panik ausbrechen, der Ölpreis ins unermessliche steigen und eine allgemeine Wirtschaftskrise ausbrechen. Diese wird überschattet und weiter verstärkt von den Auswirkungen des Klimawandels: dem Anstieg des Meeresspiegels, Nahrungsmittel- und Trinkwasserknappheit, daraus erwachsende Konflikte sowie ein Zusammenbruch der Versicherungswirtschaft.

Aus all den Katastrophen gibt es jedoch einen Ausweg: erneuerbare Energien. Hier kommt Legget ins Schwärmen. Eine Kombination aus Solar-, Wind- und Wellenenergie, Wärmepumpen, Biomasse, Kraft-Wärme-Kopplung, Brennstoffzellen und Wasserstoff könne die fossilen Energieträger komplett ersetzen, so Leggett. Die Zukunft liege in der dezentralen Erzeugung von Energie und in lokalen Niedrigspannungsnetzen, die Großkraftwerke und Hochspannungsleitungen ersetzen. Dies alles sei freilich nur dann eine Lösung, wenn es die Menschheit verstünde, eine drohende Renaissance der billigen Kohle zu verhindern.

Leggett ist nicht allein

Leggett steht mit seinen Aussagen nicht allein. Im Gegenteil: eine Reihe von Autoren hat in der letzten Zeit mit ähnlichen Vorhersagen aufgewartet. Kenneth Deffeyes, Geologe von der Universität Princeton, kommt in Beyond Oil – The View from Hubbert’s Peak zu ähnlichen Schlüssen wie Leggett, was die Verfügbarkeit fossiler Brennstoffe angeht, macht jedoch keine Vorhersagen über erneuerbare Energien.

Matthew Simmons, Öl-Investment-Banker aus Houston, sorgte im vergangenen Jahr mit seinem Bestseller Twilight in the Desert über die saudische Ölindustrie für Aufsehen. Er konstatiert, dass ein Einbruch der saudischen Produktion, die gegenwärtig immerhin zehn Prozent der globalen Nachfrage abdeckt, in den kommenden Jahren wahrscheinlich ist und von neuen Feldern nicht ausgeglichen werden kann.

Die Zukunft wird entscheiden

Ob wir tatsächlich gegenwärtig die weltweite Öl-Förderspitze erleben, werden wir erst in einigen Jahren wissen. Selbst wenn Leggett in dieser Hinsicht Recht behält, ist unklar, in wiefern sich seine Szenarien bezüglich Weltwirtschaft und erneuerbaren Energien bewahrheiten. Die Ölschocks der Vergangenheiten hat die Weltwirtschaft verkraftet und es gibt keinen Grund, weshalb die Gesetze von Angebot und Nachfrage nicht auch dieses Mal eine neue Balance herbeiführen sollten. Auch Leggetts Optimismus für die erneuerbaren Energien wirkt etwas übertrieben: aber selbst wenn nur ein Bruchteil dessen eintritt, was er hierzu voraussagt, wäre das schon ein Erfolg.

Dennoch ist das Buch äußerst lesenswert. Es ist unterhaltsam geschrieben, vermittelt grundlegendes Wissen über einen Rohstoff, der unser Leben unbemerkt ganz fundamental beeinflusst und gibt Einblick in die Zukunft der erneuerbaren Energien. Ob die Zukunft tatsächlich so aussieht wie Leggett sie ausmalt, werden wir in den kommenden Jahren erleben.

Leggett, Jeremy,

Peak Oil – Die globale Energiekrise, die Klimakatastrophe und das Ende des Ölzeitalters,

(2006), Köln, Kiepenheuer & Witsch,

308 S., ISBN 10: 3-463-03351-4, 16,90 Euro


Die Bildrechte liegen beim Verlag Kiepenheuer & Witsch. Der Verlag im Internet


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weiterführende Literatur:

Deffeyes, Kenneth S.: “Beyond Oil – The Vie from Hubbert’s Peak”

Hill and Wang, (2006), 202 S., ISBN 10: 0-8090-2957-X

Simmons, Matthew: “Twilight in the Desert – The Coming Saudi Oil Shock and the World Economy”,

Wiley, (2005), 415 S., ISBN: 0-471-79018-4


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