Was verträgt unsere Erde noch?
Jill Jäger benennt, was in den letzten Jahren in Punkto Klimawandel versäumt wurde, was bereits unwiderruflich zerstört ist und was in den kommenden Jahren droht. Ein Buch, das zeigt, warum unser grüner Planet vielleicht bald verblassen wird. Von Victoria Reith
In Was verträgt unsere Erde noch? Wege in die Nachhaltigkeit beweist Jill Jäger, dass der Begriff „globaler Wandel“ nicht zu Unrecht auf allen Titelseiten zu finden ist. Er bezeichnet die Tatsache, dass wichtige, sich gegenseitig beeinflussende Faktoren seit 1950 einen Wandel erfahren wie in den vorhergehenden 200 Jahren zuvor nicht. Die Weltbevölkerung hat sich mehr als verdoppelt, ebenso sind Bruttoinlandsprodukt, die Anzahl von Kraftfahrzeugen und der Energiekonsum stark gewachsen. Tendenz: steigend. Das Wachstum der Weltwirtschaft bringt das Klima aus dem Takt, die Reserven an Süßwasser befinden sich bereits in Übernutzung. Vielleicht ist dies das wichtigste Beispiel, denn Wasser ist die Grundvoraussetzung für die Funktionen und Leistungsfähigkeit des Lebenssystems unseres Planeten.
Unsichtbare Grenzen beachten
Veränderungen in der Natur verlaufen nicht linear. Ist eine bestimmte Schwelle überschritten, kommt es zu irreversiblen Veränderungen, wie der Ausrottung des Tropenwaldes in Amazonas, dem Abschmelzen des Eises in der Antarktis und großen Veränderungen im asiatischen Monsun. Ketten von Abhängigkeiten lassen sich leicht herstellen: menschliche Tätigkeiten führen zu erhöhter Emission von Treibhausgasen wie Methan und Kohlendioxid. Allerdings ist die Erde ein komplexes System, das auf Impulse in ihrer Intensität und im zeitlichen Verlauf nicht direkt reagiert und dessen Entwicklung man nicht genau vorhersehen kann.
Der Mensch greift in die Prozesse ein, ohne die Auswirkungen zu kennen, muss nachher oft mit ansehen, wie stark die Auswirkungen seines Handelns um sich greifen und kann nur noch die Folgen mindern. Dies kann durch integrierte Politik-Ansätze geschehen, die sich dem System Erde und seinen Verknüpfungen anpassen.
Beispielhaft hierfür ist der fünfstufige Driving Forces, Pressures, State, Impacts, Responses-Ansatz (DPSIR). Er bietet zumindest eine vereinfachte Möglichkeit, Wirkungen zwischen verschiedenen Elementen der Ablaufkette offen zu legen und so Reaktionen abzuschätzen. Handeln nach dem Vorsorgeprinzip soll Risiken senken, auch wenn Auswirkungen eines umsichtigeren Umgangs mit natürlichen Ressourcen nicht sofort zu erkennen sind.
Der Verbrauch von Ressourcen – ein Kredit mit hohen Zinsen
Den Menschen stehen eine Reihe von Vorteilen zur Verfügung, die sie aus der Natur beziehen: Rohstoffe, aber auch Dienstleistungen, wie ein stabiles Klima und die Ozonschicht, die vor schädlichen UV-Strahlen schützt. Allerdings neigen wir dazu, dieses Angebot überzustrapazieren. Ein anschauliches Beispiel hierfür ist unser ökologischer Fußabdruck. Er bemisst sich aus unserem Verbrauch an Rohstoffen und dem Aufwand an Fläche, der benötigt wird, unsere Abfälle und Emissionen wieder aufzunehmen. Für eine in Berlin lebende Person ist im Durchschnitt pro Jahr ein Areal von mehr als sechs Fußballfeldern erforderlich, also weit mehr, als ihr in Wirklichkeit zur Verfügung steht. Die Emission von Bürgern der Industrienationen ist vier Mal so hoch wie das nachhaltige Niveau.
Hinzu kommen ökologische Rucksäcke. Der Natur wird zur Produktion von Gütern weit mehr entnommen als nur die Rohstoffe, aus denen unser Produkt besteht. Hinzu kommen unter anderem Futter, Energie und Wasser. Die Übernutzung unseres Planeten wird noch drastischer, wenn man das künftige Wirtschaftswachstum der ärmsten Länder betrachtet, das vonnöten sein wird, um primäre materielle Bedürfnisse zu sichern. Das zentrale Problem lautet: Hätten alle Menschen der Erde einen Umweltverbrauch wie die Bewohner Europas, würde die Menschheit die Erde dreifach benötigen, um die notwendigen Rohstoffe und Energie bereitstellen zu können.
Gezielte Lösungsansätze für ein Universalproblem
Kann man diesen Problemen wirklich mit einer konkreten Lösungsstrategie entgegnen? Jäger beschreibt ökoeffiziente Ansätze und gibt Tipps für das eigene Handeln, die durchzogen sind von Visionen, die das Umdenken in der Gesellschaft als bereits geschehen voraussetzen. Die Effizienzstrategie verfolgt den Pfad, Produkte vielfältiger und langlebiger zu gestalten und vor allem einen höheren Output bezogen auf den Rohstoffinput zu erzielen. Was aber, wenn die Effizienzstrategie allein nicht genügt, um Emissionen zu senken und wenn wirtschaftliches Wachstum die Effizienzgewinne nichtig macht?
Für diesen Fall soll die Suffizienzstrategie die Lösung darstellen: sie fordert die Veränderung der Lebensstile, die aber nicht gleichbedeutend mit der Reduktion eigener Bedürfnisse sein soll. Der Politik wird für den Weg in die Nachhaltigkeit angeraten, Umweltpolitik ganz auf Ressourcen zu konzentrieren und in dieser Hinsicht ab sofort Vorsorge statt Nachsorge zu betreiben. Außerdem fordert die Autorin höhere Steuern auf Energie und Ressourcen und den Handel mit Emissionen, indem „saubere“ Firmen ihre nicht benötigten Emissionen an andere Firmen, die ihre Emissionen noch nicht reduziert haben, verkaufen können.
Abschließend werden einige, allerdings nicht besonders neue Tipps gegeben, wie der einzelne Mensch sich verhalten kann, um die nachhaltige Entwicklung selbst zu fördern: sie reichen vom Kauf regionaler oder fair gehandelter Produkte über Wassersparen und Fahrrad- statt Autonutzung bis hin zum Sparen von Strom durch Vermeiden von Standby- und Leerlaufzeiten bei Elektrogeräten. Der wichtigste Tipp aber lautet „global denken – lokal handeln“ und meint den ständigen Dialog mit den Mitmenschen, der darauf zielt, sich die Folgen des eigenen Handelns bewusst zu machen.
Viele Fragen, wenige Antworten
Jägers Buch will informieren. Das tut es auch, denn es zeigt auf, was die Menschheit erwartet, wenn die Bürger der Industrienationen mit dem gleichen Maß an Konsum, ja Verschwendung, leben wie bisher. Es erschüttert und rüttelt wach. Doch die Lösungsansätze überzeugen nicht. Sie sind weder innovativ, noch sind Menschheit und Politik heute schon so weit, die Grundvoraussetzungen für den beschriebenen Weg in die Nachhaltigkeit in die Tat umzusetzen. Außerdem bleibt die Frage offen, wieso heute noch nicht so effizient gebaut wird wie beschrieben, wenn doch dabei so viel eingespart werden kann?
Fazit: Die Fakten sind knallhart. Aber es ist wichtig, dass jemand sie an die Öffentlichkeit bringt und sie nicht nur in europäischen Weißbüchern und Fachliteraturen auftauchen, die von weiten Teilen der Gesellschaft nicht genutzt werden. Der Teil des Buches, in dem Lösungen präsentiert werden sollen, verfällt zu oft in komplizierten wissenschaftlichen Jargon. Außerdem wird zu oft um mögliche Lösungen herumgeredet, anstatt das Problem auf den Punkt zu bringen: es gibt keine Universallösung, die heute beschlossen und morgen zur Realität wird.
Jäger, Jill,
Was verträgt unsere Erde noch? Wege in die Nachhaltigkeit,
(2007), Frankfurt/Main, S. Fischer Verlag,
232 S., ISBN: 978-3-596-17270-2, 9,95 Euro.
Die Bildrechte liegen beim S. Fischer Verlag. Der Verlag im Internet.
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