Was man eigentlich nicht wissen will
Eine spektakuläre Fotoausstellung von Taryn Simon in Frankfurt stellt den Mythos USA auf abgründige Weise in Frage. Sie schaut in Bereiche, die sonst unzugänglich sind, und schafft Einblicke, die man kaum glauben möchte. Von Hagen Pietzcker
Ein Junge liegt im Wald, das Gesicht abgewendet. Er trägt kurze Hosen, die Beine zeigen deutliche Verwesungsspuren. Es ist eine Kinderleiche. Eine Tatortsituation denkt man als Betrachter, und zwar eine gestellte, so artifiziell, so geschickt ist das Motiv komponiert. Ekel stellt sich ein. Nichts gegen das Grauen, das sich mit der Geschichte des Bildes verbindet. Es ist nicht gestellt. Dazu später mehr.
Die US-amerikanische Fotokünstlerin Taryn Simon, geboren 1975, hat bereits mit verschiedenen Fotoserien für Aufsehen gesorgt, so zum Beispiel mit den Arbeiten „The Innocents“ für das New York Time Magazine. Die Ausstellung „An American Index of the Hidden and Unfamiliar“, die zurzeit im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt zu sehen ist, widmet sich versteckten, geheimen, zumindest der Öffentlichkeit nicht zugänglichen Orten in den USA, deren Existenz oftmals nicht einmal bekannt ist.
Die gezeigten Motive sind zwar von höchster ästhetischer und technischer Qualität, meist aber nicht besonders aufregend – ja, oft banal. Was berührt, auch verängstigt, sind die Geschichten dazu, die sowohl auf Tafeln neben den Bildern wie auch in einer für jeden Besucher freien Zeitung detailliert erzählt werden. Es gab wohl noch nie eine Fotoausstellung, in der die Besucher mehr gelesen haben, als die eigentlichen Werke zu betrachten.
Die Schönheit des Grauens
Wusste man, wie ein Endlager für Atommüll aussieht, wie es leuchtet, tödlich strahlt, und wie schön es auf den ersten Blick wirkt (Foto oben)? Wie der Freigangsbereich eines zu Tode Verurteilten in den USA aussieht? Oder, dass die Vereinigten Staaten seit Jahrzehnten Experimente unternehmen, das Wetter zu beeinflußen, mit einigem Erfolg übrigens? Selbst das Bild eines Gläßchens mit dem HI-Virus wird durch die Geschichte dahinter, die den Umgang mit der Seuche in den USA beschreibt, zum Politikum. Die Kraft, die diese Bilder im Zusammenhang entfalten, ist ungeheuerlich.
Ein Beispiel: Zwei Bilder, die fast das gleiche Motiv haben, erzählen völlig unterschiedliche Geschichten. Das Eine zeigt einen Raum mit gestapelten Kartons voller noch ungeschnittener Dollar-Noten. Gesamtwert: 220.000.000$. Das andere Foto zeigt ebenfalls gestapelte Kartons – es sind so genannte Rape-Boxes. Jede Einzelne steht für die furchtbare Tragödie einer vergewaltigten Frau. Sie enthalten mögliche Spuren, die auf Täter hinweisen könnten. Die Geschichte dahinter: In den USA kommen die Institute nicht mehr mit der Erfassung der Daten hinterher. Inzwischen stapeln sich mehr als eine halbe Million dieser Boxes in irgendwelchen Kellerräumen. Sieht auch nicht anders aus als die Dollar-Kartons.
Kleinigkeiten zählen
Nicht alle Bilder erzählen schreckliche Geschichten, einige sind wunderschön. So das Foto einer Bärenfamilie, die im Winterschlaf liegt und von Wissenschaftlern begleitet wird, oder auch das des größten Urwaldes auf nordamerikanischem Boden. Andere Orte sind geradezu begeisternd: So war Simon wohl die erste, die auf die „Skywalker Ranch“ durfte und dort den „Star Wars“-Fundus von George Lucas fotografieren konnte. Die Bilder erfreuen sicher nicht nur Fans der Weltraumsaga, sondern dokumentieren eine ganze popkulturelle Epoche in Regalen verstaut. Auch Humor ist hier im Spiel: Wer genau hinschaut, findet zwischen den Science-Fiction-Requisiten die Peitsche von Indiana Jones, seinen Hut oder die Bundeslade.
Doch im Allgemeinen gibt es stets eine tiefe moralische Frage. Raketentestgelände, ein mutierter weißer Tiger, überzüchtet und kaum lebensfähig (Foto links), eine Ku-Klux-Klan Horde in ihrem Hauptquartier kurz vor ihrem Ausschwärmen – alles wird nicht nur einfach festgehalten, sondern beschrieben und kommentiert.
Ein politisches Werk
Vier Jahre lang hat die Fotografin solche Orte und Situationen gesucht und aufgenommen. Die Hauptarbeit bestand dabei wohl oft darin, Zugang zu bekommen. Simon hat Bilder geschaffen, die nichts mit journalistischen Schnappschüssen zu tun haben, sie genügen vielmehr den höchsten Ansprüchen der Fotokunst. Unaufdringlich, aber umso intensiver – faszinierend, erhellend und grauenerregend.
Die politische Schlagkraft dieser Dokumentation ergibt sich aus der Realität, die sie wiedergibt. Sie übertreibt nirgends, bildet im wahrsten Sinne nur ab. Aber sie zeigt Ausschnitte einer Wirklichkeit, die manchmal so unglaublich ist, dass es wehtut. Man möchte es einfach nicht glauben. Salman Rushdie schrieb im begleitenden Katalog: „Über, unter und neben dem, was Fernand Braudel die ‘Strukturen des Lebens’ nannte, gibt es andere Strukturen, die so ganz und gar nicht alltäglich sind; Leben, von denen wir vielleicht gehört, aber sicherlich noch nie etwas gesehen haben und an deren Existenz wir selbst dann kaum glauben können, wenn uns Bildbeweise vorgelegt werden.“ Näher kommt man dem, was hier gezeigt und erzählt wird, mit Worten, mit Sprache kaum.
Die Ausstellung bezieht sich auf die Verhältnisse in den USA – deren merkwürdige, gar nicht böse gemeinte Technikgläubigkeit, die den Europäern oft so fremd ist, auch weil sie, wie hier gezeigt, schnell in Menschenverachtung umkippen kann. Dabei spiegelt sie fast immer das Bemühen dieser Kultur wider, die Menschheit voranzubringen, mit all ihren Verirrungen. Doch ist moralische Überheblichkeit nicht angebracht. Wer weiß, welche Orte es in der Bundesrepublik zu entdecken gäbe.
Die Kinderleiche
Der Junge liegt übrigens in einem Ausbildungsgelände der University of Tennessee, der so genannten „Body Farm“. Es ist eine echte Leiche, die man dort hingelegt hat, damit die Verwesung über die Jahre beobachtet werden kann. Seit dem Bestehen dieses Ortes sind über 900 Leichen dort abgelegt worden, um zu verwesen, im Dienste der Wissenschaft. Der Name des Jungen ist unbekannt.
Nur eine der vielen unglaublichen Geschichten, die diese Ausstellung zeigt. Doch Rushdie schreibt auch: „Taryn Simon hat den Todesstern gesehen, überlebt und weiß so manches zu erzählen.“ Wir brauchen mehr solcher Erzählerinnen unbekannter Orte, die real sind in unserer Gesellschaft. Es geht dabei nicht nur um die USA.
„An American Index of the Hidden and Unfamiliar“ von Taryn Simon, im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt, noch bis zum 20. Januar 2008
Die Bildrechte liegen bei Taryn Simon (Courtesy Gagosian Gallery).
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