Und ewig lockt die Revision
Noch ein weiteres Buch zum Zweiten Weltkrieg, das ein Ex-General der Bundeswehr schrieb und das nun schon als 5. Auflage vorliegt. Von Wolfgang Mehlhausen
Selbst für Berufshistoriker sind die Bücher zu diesem Thema kaum alle zu erfassen, geschweige denn zu lesen. Die Zahl der Werke zu diesem Zeitabschnitt wächst ständig, ungeachtet, dass die Zahl derer, die den Krieg noch bewusst erlebt haben, abnimmt. Gerd Schultze-Ronhofs Der Krieg, der viele Väter hatte zählt sicher zu den umstrittenen Betrachtungen des Krieges.
Der Autor – ein General
Gerd Schultze-Ronhof, ein paar Monate vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs geboren, war General der Bundeswehr. 1959 trat er in die Streitkräfte ein und war schließlich Generalmajor und Territorialer Befehlshaber für Niedersachsen und Bremen. 1996 wurde er aus der Bundeswehr verabschiedet. Für Aufsehen sorgte er, weil er das Bundesverfassungsgericht wegen des „Soldaten-sind-Mörder-Urteils“ kritisierte und dies Grund für sein Ausscheiden aus der Armee war.
Gegen die Tatsache, dass auch Nicht-Historiker Geschichtsbücher schreiben können, ist prinzipiell nichts einzuwenden. Dass zur Beurteilung des Zweiten Weltkriegs die Vorgeschichte, also der Erste Weltkrieg, sein Ende und darüber hinaus die Entwicklung Europas seit der Reichsgründung 1871 notwendig und sinnvoll ist, dürfte unumstritten sein. So beginnt der Autor sein Buch mit der „Vorgeschichte“. Insgesamt hat er das Buch in sechs Teile gegliedert. Der Vorgeschichte folgt „Die Jahre der Anschlüsse“ und die „Wiederaufrüstung“. Die Kriegsankündigungen Hitlers bis 1939 schließt sich an und im Teil 5 unterstreicht er den Weg in den deutsch-polnisch-sowjetischen Krieg. Schlussbetrachtungen bilden den Abschluss des Werkes.
Viel Bekanntes und neue, aber fragwürdige Ideen
Zwangsläufig findet der Leser eine Fülle von bekannten Informationen zur Vorgeschichte des Krieges. Für Historisch gebildete besteht die Gefahr, dass Nuancen auf der Suche nach Neuem überlesen werden, was natürlich kaum Fakten, sondern nur Interpretationen sein können.
Und hier wird es manchmal doch abenteuerlich, weil der Autor teilweise sehr geschickt rechtsextremes Gedankengut „einstreut“. Dies wird Fachleuten bei Durchsicht der Quellen- und Literaturverweise sicherlich sofort auffallen. Hobbyhistoriker hingegen werden über einige Gedanken staunen und feststellen, dass der General beispielsweise sehr zielgerichtet die Inkonsequenz der Alliierten nach 1945 darstellt. Hier nur ein winziges Beispiel. Er veröffentlicht britische diplomatische Noten, die Hitlers Anschluss des Memelgebietes de jure bestätigen. Bekanntlich hatten Litauer im Handstreich einfach Memel 1923 besetzt und erst unter Hitlers Druck 1939 freiwillig wieder zurückgegeben. Wie ist diese Grenzkorrektur aber im Zusammenhang mit den „Grenzen von 1937“ zu sehen?
Revision der Vorkriegsgeschichte
Immer wieder hinterfragt der Autor, ob Hitler wirklich in jedem Fall angreifen und besetzen wollte. Er führt die verschiedensten Argumente auf, die dazu führen könnten, die Frage zu verneinen. Hitler hatte angeblich nicht für einen Krieg im Osten rüsten lassen und vielleicht hätte man Polen nicht überfallen und vernichtend geschlagen, wenn eine friedliche Einigung wegen des Korridors und Danzig möglich gewesen wäre.
Dass der Hitler-Stalin-Pakt spontan entstand und quasi eine Einladung zur Vernichtung Polens als Staat darstellte, ist heute wohl unbestritten und wird nur von sowjetnostalgischen Historikern nicht akzeptiert. Die verschiedensten Behauptungen des Autors, dass Hitlers Überfall auf Polen (Fall „Weiß“) eher „Zufall“ denn zielgerichtete Planung war, widerspricht heute deutlich der Mehrheitsmeinung ernstzunehmender Geschichtswissenschaftler in der ganzen Welt.
Daran ändert auch die geschickte Aufzählung und Abarbeitung der Streitfälle Polens mit seinen Nachbarn nichts. Tatsächlich hatte die Zweite Polnische Republik nicht einen Nachbarn, mit dem sie in Freundschaft lebte. Mit Litauen beispielsweise gab es bis 1939 nicht einmal einen Postverkehr. Dass die Polen nicht immer eine glückliche Hand beim Umgang mit Minderheiten hatten, sondern, um nur ein Beispiel zu nennen, sehr rabiat mit den Ukrainern umgingen, ist bekannt und sollte sich während des Krieges gegen sie selbst wenden. Dennoch wurde Polen das erste Opfer einer militärischen Aggression im Zweiten Weltkrieg.
Kein empfehlenswertes Buch
Berufshistoriker werden sicher dieses Buch schon aus fachlichem Interesse lesen und entsprechend beurteilen können. Allein der Umfang macht es dem interessierten Laien nicht einfach, das Buch „in einem Ritt“ zu lesen. Was immer den General dazu bewog, vage Theorien zu entwickeln, die mit der Realität schwer oder gar nicht in Einklang zu bringen sind, wird sein Geheimnis bleiben. Dieses Buch bereichert die Literaturlandschaft zu dem viel strapazierten Thema Zweiter Weltkrieg nicht wirklich, wer es nicht liest, hat auch nicht viel versäumt, sondern im Gegenteil: viel Zeit gespart.
Schultze-Ronhof, Gerd: “Der Krieg, der viele Väter hatte – Der lange Anlauf zum Zweiten Weltkrieg”, (2006), 5. Auflage, München, Olzog Verlag,
594 Seiten, ISBN: 978- 3-7892-8188-4, 34,00€.
Die Bildrechte liegen beim Olzog Verlag. Der Verlag im Internet.
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