Teure Sozialunion
Die deutsche Einigung 1990 war ein tiefer Umbruch in Ost- und Westdeutschland. Aber es war keine Sternstunde der deutschen Geschichte. Ein Teil des Preises für die Einheit sind bis heute Glaubwürdigkeits- und Respektsverluste, die die deutsche Politik und ihre professionellen Träger, die in den 90er Jahren etablierten Parteien und deren Politiker hinnehmen mussten. Gerhard A. Ritters neues Buch eröffnet neue Einblicke. Von Gerit Mehlhausen
Gerhard A. Ritter bietet mit Der Preis der deutschen Einheit. Die Wiedervereinigung und die Krise des Sozialstaates eine Analyse der Wiedervereinigung unter Konzentration auf die damalige Wirtschafts- und Sozialpolitik. Der Historiker erhielt unter Anderem für dieses Buch 2007 den mit 30 000 Euro dotierten Deutschen Historikerpreis des Historischen Kollegs. In seinem Werk behandelt er die wirtschafts- und sozialpolitische Gestaltung der Wiedervereinigung zwischen Mauerfall im November 1989 und der Bundestagswahl im Oktober 1994. Seine Untersuchung basiert auf umfangreichen Archivstudien und bis dahin unveröffentlichter Interviews maßgeblich beteiligter Persönlichkeiten der deutschen Politik in chronologischer Darstellung.
Sozialstaat in neuen Grenzen
Nach einer Erörterung der damaligen außen-, innenpolitischen, sozialen und wirtschaftlichen Situation stellt Ritter die intensiven Verhandlungen über die wirtschafts- und sozialpolitischen Rahmenbedingungen der Wiedervereinigung dar. Er betont, dass die Übertragung des Sozialstaatmodells der Bundesrepublik auf Ostdeutschland zumindest in der Durchsetzung eine “Meisterleistung” der Exekutive und der Verwaltung war. In seiner Kernthese relativiert er sein Lob jedoch dahingehend, dass dies die andauernde Krise des deutschen Sozialstaates weiter verschärfte und die dringende Anpassungen an binnen- und weltwirtschaftliche Veränderungen verzögerte.
So wurde, trotz abzusehender wirtschaftlicher Risiken, unter dem Druck einer drohenden “Abstimmung mit den Füßen” der ehemaligen DDR-Bürger, Ost-Mark und Deutsche Mark in einem Verhältnis von 1:1 getauscht. Das bedeutete eine erhebliche Aufwertung der DDR-Währung und bewirkte, dass die DDR-Wirtschaft schlagartig von ihren alten Geschäftspartnern abgeschnitten war. Die damit unvermeidliche Massenarbeitslosigkeit und Frühverrentung in großem Stil leerte nicht nur die Rentenkassen. Ritter konstatiert anhand von üppigem Zahlenmaterial, dass der ohnehin an die Veränderung der traditionellen Arbeitsgesellschaft und der Altersstruktur der Bevölkerung dringend anzupassende Sozialstaat der Bundesrepublik durch die zusätzliche Belastung bei der Finanzierung der Einigung in Schieflage geriet. So verdoppelten sich zwischen 1989 und 1995 die Schulden der öffentlichen Haushalte.
Die Krise der Sozialsysteme
Die Studie von Gerhard A. Ritter (Bild rechts) ist über die Darstellung der ausgesprochen komplexen historisch-politischen Zusammenhänge und der betrachteten sozialgeschichtlich relevanten Weichenstellungen hinaus auch ein Beitrag zur Debatte um die Zukunft des Wohlfahrtsstaats. Die enge Bindung der Finanzierung der sozialen Systeme an die Lage auf dem Arbeitsmarkt ist laut Ritter an ihre Grenzen gelangt: Bei geringer Arbeitslosigkeit sind die Sozialkassen gefüllt und es besteht daher ein geringer Finanzbedarf; bei hoher Arbeitslosigkeit hingegen, und demzufolge leeren Sozialkassen, herrscht hoher Finanzbedarf.
100 Seiten Anmerkungen
Es verwundert, dass zirka ein Fünftel des Buchumfangs aus Anmerkungen besteht. Wenngleich keine leichte Lektüre, so kann Ritters Buch doch als Nachschlagewerk zu den behandelten Umbrüchen empfohlen werden. Alle sozialpolitisch wichtigen Gesichtspunkte, ob sie das Gesundheitssystem, die Arbeitsförderung und vieles andere mehr betreffen, findet man mit großer Datenfülle gut gegliedert in einzelnen Kapiteln behandelt.
Gerhard A. Ritter ist 1929 in Berlin geboren, studierte Geschichte, Politische Wissenschaften, Germanistik und Philosophie. Er promovierte bei Hans Herzfeld und habilitierte sich in Neuerer Geschichte und Politikwissenschaft. Er lehrte er als Historiker in Münster und München und als Politologe in Berlin.
Ritter, Gerhard A.
Der Preis der deutschen Einheit. Die Wiedervereinigung und die Krise des Sozialstaates
(2006), München, C.H. Beck
540 S., ISBN 3406549721, 24,90 Euro
Lesen Sie auch bei /e-politik.de/:
Grundlagen sozialer Integration
150 Jahre Kampf
Uneinige Enkel in der Sozialdemokratie
Die Bildrechte liegen beim Verlag (Cover) bzw. beim Informationsdienst Wissenschaft (Portrait).
Artikel in sozialen Netzwerken teilen:


