Täter in Auschwitz
Auschwitz steht für den Holocaust und den „industriellen Massenmord“ an 1,3 Millionen Menschen. Welche unvorstellbaren Verbrechen dort begangen wurden, wird die Menschen immer vor unlösbare Fragen stellen. Dieter Schlesak schildert das Schicksal eines Beteiligten. Von Wolfgang Mehlhausen
“Capesius, der Auschwitzapotheker” heißt das Buch, das Dieter Schlesak, geboren 1934 in Schäßburg / Siebenbürgen (Rumänien), geschrieben hat. Der Apotheker Dr. Victor Capesius (geboren 1907) ein Landsmann aus seiner Heimatstadt in Siebenbürgen spielt in diesem Buch die Hauptrolle. Doch es ist keine zusammenhängende Biographie dieses Mannes, der BAYER-Vertreter und Offizier der Rumänischen Armee war, bevor er als Volksdeutscher von der SS übernommen wurde.
Capesius leitete die Apotheke im Vernichtungslager und wurde auch zu Selektionen eingesetzt. Er arbeitete eng mit jenem KZ-Arzt Josef Mengele zusammen, der grausamste Menschenversuche durchführte und für seine Taten nie zur Verantwortung gezogen wurde. Schlesak versucht, die Lebensgeschichte des “Auschwitz-Apothekers” zu rekonstruieren. Dazu dienen persönliche Berichte Überlebender und vor allem die Prozessakten und Beobachtungen beim 1. Auschwitz-Prozess von 1965 in Frankfurt/Main, in dessen Ergebnis Capesius zu neun Jahren Zuchthaus verurteilt wurde.
Ein mildes Urteil für diesen Mann, doch es gab auch Freisprüche. „Befehlsnotstand“ war stets ein Grund, der die bundesdeutschen Richter zu milden Strafen bewegte. Streng rechtstaatliche Regeln führten oft zu „Freispruch aus Mangel an Beweisen“. Die Mörder und Helfer berichteten über die Verhältnisse im Lager belasteten sich gegenseitig nicht. Wie Capesius sich auf den Prozess vorbereitete und in Selbstmitleid über Untersuchungshaft und Urteil verging, beschreibt der Autor mit großer sprachlicher Kraft.
Von „Die Augen zeugen“ bis „Das Ende“
Eingeteilt ist das Buch in neun Kapitel, die jeweils bestimmte Schwerpunkte behandeln, so „Liebe im Todeslager“ oder „Aufstand des Sonderkommandos“. Der Autor verlangt eine Menge Konzentration, denn das Buch ist eine Collage aus Erzählung, Dokumentation und Rückblende. Dazu existiert die fiktive Person des Adam, der immer wieder das Beschriebene moderiert. Doch auch seine Berichte entstammen bis ins Detail historischen Quellen.
Historisch Belesene werden einiges wiederfinden, was bereits anderweitig beschrieben wurde. Dass der Autor immer wieder auf Dr. Capesius zurückkommt, macht das Werk, das kein reines Sachbuch sein will, interessant, aber eben nicht gerade einfach zu lesen. Nicht selten verschwimmen Zusammenhänge regelrecht, wenn man scheinbar Belangloses überfliegt und dann wieder unverhofft auf Schilderungen von unvorstellbar grausamen Verbrechen stößt.
Der Auschwitz-Apotheker erscheint dem Leser manchmal nicht einmal unsympathisch, er beruhigt die Opfer freundlich in Ungarisch und verspricht den Todgeweihten, dass sie bald ihre Familienangehörigen wiedersehen werden. Als eines Tages ihm persönlich bekannte Juden aus seiner Heimatstadt eintreffen, schickt er sie höflich und ohne zu schreien kaltblütig ins Gas. Er beklagt sich gelegentlich über sein Schicksal und beschwört, dass er sich vor diesen „Selektionen“ drücken wollte, doch angeblich war es ihm nicht möglich, weil er für den Frontdienst schon zu alt war.
Staatsanwaltschaft und Gutachter beweisen im Prozess, dass es keinen Fall gab, in dem SS-Leute bestraft wurden, wenn sie sich an solchen Mordaktionen nicht beteiligten. Zu seinen „Sklaven“ sei der Dr. C. gut gewesen und hätte sie geschützt, meinte er und bat Überlebende, in diesem Sinne auszusagen. Eine Häftlingspsychologin bestätigte, dass ausgesprochene Sadisten, die Freude am Quälen und Töten von Menschen hatten, die Minderheit beim SS-Personal darstellten.
Diese Schilderungen über die Geschehnisse im Stammlager wie im Vernichtungslager Auschwitz verlangen schon starke Nerven. Schlesak beschreibt hier die Dinge mit erschütternder Offenheit und Präzision. Das Unvorstellbare begreifen zu wollen verlangt zugleich Lesepausen. Phantasievolle Leser werden gewiss darüber nachdenken, wie sie sich in einigen der geschilderten Situationen verhalten hätten.
Der Auschwitzapotheker genießt das Wirtschaftswunder
Glaubhaft dargelegt wird, dass Dr. C. sich mit großem Erfolg am Hab und Gut der Opfer bereicherte. Viele SS-Führer dürfen als bestechlich gelten und suchten persönliche Vorteile. Dass die SS-Verbrecher gestohlene Schmuckstücke der Häftlinge und ausgebrochene Zähne der Ermordeten aufs Gramm genau abwogen und ganz korrekt der Reichsbank in Berlin übergaben, scheint so nicht zu stimmen.
Dr. C. tauchte nach der Befreiung von Auschwitz unter, kam 1946 in ein Internierungslager und bald darauf frei. Im Oktober 1950 eröffnete er in Göppingen eine Apotheke und später noch einen Kosmetiksalon. Woher er das Geld dafür hatte, wollte und konnte er nicht erklären. Im Buch erfahren wir, dass er 1958 schon 400.000 DM Jahresumsatz erzielte.
Seine „Arbeit“ in Auschwitz hatte sich finanziell gelohnt und den Rechtsstaat interessierte nicht, woher der „Heimatvertriebene“ so viel Geld hatte. Immerhin hatte er Gelegenheit, am „Wirtschaftswunder“ teilzuhaben. Nach Ende seiner Haftstrafe konnte er noch viele Jahre unbehelligt leben und starb erst 1985 in Göppingen.
Er entging der gerechten Strafe, die ein Militärgericht in Klausenburg 1947 in Abwesenheit ausgesprochen hatte: Todesstrafe. Die „Väter des Grundgesetzes“ hatten festgelegt, dass kein Deutscher ausgeliefert werden darf und die Todesstrafe unmenschlich sei.
Nie wieder Faschismus
Auschwitz ist „Nationalsozialismus“ pur. Wer nochmals die Grausamkeiten liest, die sich dort und in anderen KZ abgespielt haben, fragt sich, ob ein Film, in dem man über Hitler lachen soll, gerechtfertigt ist, egal wie gut er gemacht ist. Sensible Leser werden sich dabei ertappen, beim Film Der Untergang menschliche Züge am „Führer“ entdeckt zu haben.
Intellektuelle werden sich ärgern angesichts so vieler Bücher zur Nazizeit, in denen unwichtige Details aufwendig wissenschaftlich analysiert werden. Nie wieder Faschismus – ist das wohl einfachste und kürzeste Fazit nach der Lektüre dieses ausgezeichneten Buchs.
Schlesak, Dieter: “Capesius, der Auschwitzapotheker”
Verlag J. H. W. Dietz, Bonn 2006
352 S., ISBN -10- 3-8012 – 0369-7
Die Bildrechte liegen beim Verlag J.H.W. Dietz.
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