Scheitern für den Erfolg

07. Aug 2007 | von Peter Eitel | Kategorie: Sicherheitspolitik

teaser_eitel_1.jpgFünf Tage lang versuchten sich 40 Studenten aus Kanada und Deutschland an der Queens University im kanadischen Kingston an der Lösung des Konfliktes in Darfur. Aus der Erfahrung des Scheiterns heraus sollten sie dabei über das Problem der Entscheidungsfindung in der internationalen Politik lernen. Von Peter Eitel

„Wir wollen, dass die Teilnehmer lernen in dem Chaos, das mit einer internationalen Krise einhergeht, Lösungsstrategien zu entwickeln und sie durchzusetzen. Dabei stellen alle Spieler sehr schnell fest, dass sie ihre Strategie durch die Vielzahl der beteiligten Akteure und aktuellen Ereignisse ständig evaluieren müssen“, erklärt Dr. Peter Schmidt, Honorarprofessor der Universität Mannheim und Forscher von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin das Ziel des Planspiels SimEx.

Er und sein Partner Peter I. Trummer haben das Konzept der Simulation erarbeitet, und führten sie bereits viele Male durch. „Trotzdem lernen wir immer wieder neu dazu“, sagt Trummer. Die beiden fungieren während der Simulation als Control, also als Spielleitung. Hier laufen alle Züge der Akteure zusammen. Control steuert das Planspiel durch Fragen und eingespielte Ereignisse und weist den Spielern ihre Rollen zu. „Control ist – natürlich neben den „Planspielern“ selbst – die entscheidende Instanz für den Erfolg der Simulation“ äußert Schmidt. Bevor diese jedoch beginnt und jedem Teilnehmer seine Rolle zugeteilt wird, werden die Spieler von Experten über die Situation im Sudan informiert.

Das Chaos entsteht

„Die Briefings sollen einen Überblick geben“, erläutert Trummer. Insgesamt sechs Vorträge aus politischer, militärischer, kultureller und humanitärer Sicht beleuchteten die Lage in Darfur. Während die Beiträge aus militärischer Sicht Klarheit über Gegebenheiten vor Ort schafften, führten die Versuche, politische Schlussfolgerungen zu ziehen bei den Teilnehmern eher für Verwirrung. „Auch wenn am Ende eher Verwirrung als Klarheit vorherrschte, waren die Veranstaltungen sehr hilfreich für die Simulation, weil sie ein realistisches Bild von der Krisenregion zeichneten, und uns die Schwierigkeit sie zu lösen eindrücklich vor Augen führten“ gibt Martin Fischer, Doktorand an der Carleton Universität, seinen Eindruck wieder.

„Irgendwie beschlich mich während der Briefings manchmal das Gefühl, dass die Situation zu komplex ist, um eine Lösung zu finden“, gibt eine Teilnehmerin ihre Empfindungen wieder. „Wir wollen den Studenten vermitteln, dass internationale Krisen Unikate mit spezifischen Umständen sind – es ist wichtig zu verstehen, dass es keine vorgefertigten Baukastenlösungen geben kann“ unterstreicht Schmidt. Am Ende der Briefings gingen die Planspieler mit gemischten Gefühlen in die eigentliche Simulationsphase über: Einerseits herrschte Klarheit über die Lage in Darfur, andererseits war man sich über die Schwierigkeiten, eine Lösung im internationalen Rahmen zu finden, mehr denn je bewusst.

Erst abtasten…

queens_crisis.jpgZunächst wurden die Rollen verteilt – aus Studenten sollten Staatschefs, Minister Oberbefehlshaber oder Vertreter von Hilfsorganisationen werden. Die Delegationen bestanden zumeist aus drei Mitgliedern, wobei darauf geachtet wurde, dass es keine ausschließlich kanadischen oder deutschen Teams gab. Die Findungsphase wurde durch die erste Aufgabenstellung erleichtert. Es galt ein Strategiepaper zu entwickeln, in dem die Maximal- und Minimalziele, die von der Delegation verfolgt werden sollten, niedergeschrieben wurden. Wichtig war dabei, auch die Mittel und Wege zu benennen, um zum erstrebten Ziel zu gelangen. Das geheime Papier sollte so eng wie möglich an die tatsächlichen Positionen der vertretenen Akteure angelehnt werden. Abgabetermin war der nächste Morgen.

„In der Phase war es hilfreich, dass wir uns in einem Seminar von Prof. Schmidt während des Semesters mit den Positionen der verschiedenen Akteure beschäftigt hatten“, sagt Avdeenko, und weiter: „Jetzt war es erst einmal wichtig zu wissen: wie ticken eigentlich meine Mitspieler, wie sind sie einzuschätzen?“.Neben dem Strategiepapier musste ein allgemeines Statement der Delegation zur Lage im Sudan für die auf den folgenden Morgen anberaumte World Press Conference vorbereitet werden. Diese diente den Delegationen als Forum, um öffentliche Statements abzugeben. Wie zu erwarten, kam es bei den ersten Stellungnahmen nicht zu wesentlich neuen Erkenntnissen – man übte sich in Allgemeinplätzen. Der zu erwartende Einstieg fand ein jähes Ende mit der ersten von Control eingespielten Situation.

…dann schießen.

„Unbekannte Täter, die auf Kamelen ritten, haben amerikanische, französische und kanadische Hilfsarbeiter als Geiseln genommen“ gibt Control bekannt. „Die betroffenen Delegationen haben zehn Minuten Zeit, Stellung zu nehmen“. Plötzlich entstand Druck. Die bereits fiebrigen Debatten der Franzosen und Amerikaner wurden weiter angeheizt, als mitgeteilt wurde, dass ihnen der Aufenthaltsort der Geiseln bekannt sei, und sie diese mit Spezialeinheiten befreien könnten. Dabei wussten weder die Franzosen noch die US-Amerikaner von der Kenntnis und Möglichkeit des jeweils Anderen. „Wir haben uns entschieden, auf Zeit zu spielen“, beschreibt Harald Beier, Student aus Mannheim die Position der Amerikaner, „da unser oberstes Ziel war, dass durch den Irakkrieg beschädigte Image unseres Landes zu verbessern, wollten wir gemeinsam mit Kanada und Frankreich in Verhandlungen mit den Geiselnehmern treten“.

Die Franzosen entschieden sich für einen Zugriff. Das Resultat: Nicht alle Geiseln konnten befreit werden, und es gab zahlreiche Verletzte. Frankreich war ein Fehler unterlaufen. Danach hatten die Delegationen Zeit, ihre Ziele mittels Verhandlungen oder Pressemitteilungen voranzutreiben. Es galt Verbündete zu finden, und Gegner der eigenen Ziele zu isolieren. In dieser nach außen ruhigen Phase brauten sich die Teams die nächste Krise selbst.

Wie wär’s mit einer Rebellion, Mr. President?

Minni_Minnawi_and_George_W.jpg“Wir wollten dem Sudan die Legitimation für die Unterstützung der Janjaweed Rebellen nehmen“, erklärt Beier die Motivation der USA, eine Rebellion im Tschad durch die sudanesische Regierung zu lancieren. Diese beruft sich immer wieder auf aus dem Tschad einfallende Stammesgruppen , die mit militärischer Gewalt zurückgeschlagen werden müssten. Sudan und die USA traten in Geheimverhandlungen. „Für die Ausschaltung des Feindes verlangten wir die Entwaffnung der Janjaweed, sowie die Zustimmung der sudanesischen Regierung, die AU-UN Mission nicht in ihrer Effektivität zu behindern“.

Im letzten Moment sagte die sudanesische Regierung, die überdies Waffenlieferungen aus den USA erhalten sollte, die Aktion ab – zu spät. „Die tschadische Regierung sollte von einer durch den Sudan gestützten Rebellion gestürzt werden. Es gibt Gerüchte, Sudan habe dabei Unterstützung von einer westlichen Weltmacht erhalten“ gab Trummer zur Überraschung der meisten Teilnehmer bekannt. „Als Reaktion hat Tschad seine Grenzen geschlossen, und wird alle Flüchtlingslager auf seinem Territorium in 7 Tagen schließen“. Nun galt es für alle Beteiligten die sich anbahnende humanitäre Katastrophe abzuwenden, Tschad davon zu überzeugen, die Grenzen wieder zu öffnen und die Flüchtlingslager nicht zu schließen.

Eine Aufgabe, der sich Frankreich, das zuvor isoliert wurde, dankbar widmete. Interessanterweise hat der Hinweis auf die „westliche Weltmacht“ für wenig Aufsehen gesorgt. Rückblickend sagt Beier, der die Rolle des US-Verteidigungsministers angenommen hatte: „Auch wenn unsere Initiative grandios gescheitert ist, sind wir in Bezug auf unser Ziel mit einem blauen Auge davon gekommen – es hat einfach niemanden interessiert, dass wir unsere Finger im Spiel hatten“. Was er aus seinem Fehler gelernt habe? „Wir hätten die Folgen unserer Idee besser abschätzen müssen“.

Überraschung: Ein Ergebnis

Ob nun trotz oder gerade wegen der nach außen deutlich wahrnehmbaren Krisen – die Simulation kam zu einem Ergebnis. Nach schwierigen Verhandlungen konnte die Generalsekretärin der UN verkünden, man habe sich auf eine Stärkung des bisherigen UN-AU Mandats verständigen können. Entscheidend waren die Verbesserungen jedoch nicht. „Das war ein realistisches Ergebnis – gerade weil es nicht zu einer echten Verbesserung der Situation in Darfur beitragen würde“, gibt Fischer seine abschließende Einschätzung wieder.

Debriefing oder warum die Geiseln befreien?

Mit den abschließenden Stellungnahmen zur Resolutionsvorlage der Vereinten Nationen fand das Planspiel sein Ende. Bevor Kanadier und Deutsche aber wieder in den Studentenalltag zurückkehren durften, wurde die Simulation von der Spielleitung abschließend kommentiert. „Wir geben dabei keine Bewertung der Leistung der einzelnen Delegationen ab – vielmehr wollen wir den Studenten Fragen mit auf den Weg geben, die sie sich bei der Bewertung von zukünftigen Krisen stellen sollten“, sagt Schmidt hierzu. „Welche Rolle spielen drei Geiseln, wenn täglich 300 Menschen getötet werden?“, lautete eine der Fragen. Wichtig war den Organisatoren auch die Entscheidung über die Natur des zu lösenden Konfliktes. Mit der Frage „Handelt es sich um einen warfare state, oder ist es ein failed state?“ spielten sie auf gängige politikwissenschaftliche Kategorien an.

Scheitern für den Erfolg?

Klar – das Planspiel SimEx bot kanadischen und deutschen Studenten die Möglichkeit, sich in einer Simulation in der Lösung einer Krisensituation zu üben. Ähnlich wie im National Model United Nations konnten die Teilnehmer etwas über die Realität des diplomatischen Alltags lernen. Auch der internationale Rahmen, der durch Veranstaltungsort und Teilnehmer geboten war, ist positiv hervorzuheben. Ob die von den Studenten durch das Planspiel gesammelten Erfahrungen nachhaltig sind, lässt sich nicht beurteilen. Eines allerdings war im Verlauf des Planspiels klar zu beobachten: Sämtliche idealistischen Ziele, die der ein oder andere Teilnehmer glaubte realisieren zu können, wurden im Ansatz erstickt. Wer beispielsweise glaubte, die EU sei ein entscheidender Akteur in der Darfur-Krise, wurde schnell von ihrer Machtlosigkeit überzeugt – ihre Handlungen wurden trotz erkennbarer Bemühungen der Delegation von den anderen Akteuren mit Nichtbeachtung gestraft.

Ähnlich wie in der Realität mangelte es den Aktionen der EU an Kohärenz und hard-power, um sie durchzusetzen. Auch Menschenrechte spielten in den Verhandlungen nur eine untergeordnete Rolle. Im Mittelpunkt standen die Interessen der jeweiligen Staaten. Und auch die Initiativen der vertretenen NGOs waren weniger von Idealismus als vom Streben nach Selbsterhalt geprägt. Mit welcher Radikalität aber sämtliche normativen Denkmuster über Bord geworfen wurden, zeigt der Versuch, im Tschad eine Rebellion zu unterstützen. So gelang es zwar, den Teilnehmern einen „realistischen“ Eindruck der Zusammenhänge und Handlungsstrukturen in den internationalen Beziehungen zu liefern, allerdings muss am Ende doch gefragt werden zu welchem Preis – wenn das Brechen jugendlichen Idealismus das Ende der Weisheit in den internationalen Beziehungen ist, so sei es erlaubt zu Fragen, zu welchem Preis man für den Erfolg scheitert.


Die Bildrechte liegen bei Peter Schmidt (Teaser & Guppe) und sind public domain (restliche Bilder).


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