Prosten, bis der Sozialpädagoge kommt (Teil 2)
Jörg Kreutziger betreut seit Anfang 2005 das Bundesmodellprojekt „Hart am Limit“ in Berlin Lichtenberg. Gemeinsam mit einem Kollegen verfolgt er das Ziel, exzessiv Alkohol konsumierenden Jugendlichen Strategien für ein reflektiertes und risikofreies Trinken aufzuzeigen. Die Sozialpädagogen haben Erfolg und hoffen auf eine Weiterfinanzierung durch den Berliner Senat. Ein Interview von Minna Mansfeld
/e-politik.de/: Hat der Berliner Senat bereits eine Entscheidung zur Weiterfinanzierung von „Hart am Limit“ (HaLT) bekannt geben?
Jörg Kreutziger: Nein. Das Projekt ist nach wie vor finanziell nicht gesichert. Die Entscheidung steht weiterhin aus.
/e-politik.de/: Warum sollte HaLT langfristig weitergeführt werden?
Kreutziger: HaLT ist berlinweit die einzige gut funktionierende Schnittstelle zwischen Jugend- und Suchthilfe. Das hat die Bundesmodellprojektphase von 2005 bis Anfang 2007 gezeigt: Wir erreichen im Rahmen der Frühintervention die Jugendlichen, und zwar dann, wenn sie erstmalig mit Alkoholkonsum auffällig werden. Durch eine Frühintervention wollen wir versuchen, sich anbahnende Suchtkarrieren zu verhindern. Und letztlich reden wir hier über Jugendliche, die mit ihrem teilweise sehr riskanten Alkoholkonsum auch signalisieren, dass sie Hilfe brauchen. Gerade für diese Jugendlichen sollte das Projekt verlängert werden.
/e-politik.de/: Wie sieht Ihre sozialpädagogische Arbeit genau aus?
Kreutziger: Wir gehen als Projekt in eine Situation rein, in der die Jugendlichen durch ihren Alkoholkonsum auffällig geworden sind. Das heißt, wir besuchen Jugendliche in Krankenhäusern, wenn sie dort mit Alkoholintoxikationen eingeliefert wurden. Wir gehen zu diversen Kooperationspartnern der Jugendhilfe und in Schulen. Wir gehen sogar an verschiedene Plätze in Berlin, wo junge Menschen viel trinken, und stellen das Projekt vor. Wir versuchen ein Bindungsangebot zu machen. Wir laden die Jugendlichen ein, sprechen mit ihnen über ihr Konsumverhalten, bieten Beratungen sowie diverse erlebnispädagogische Aktionen an und möchten letztendlich erreichen, dass die Jugendlichen ihren Konsum reflektieren. Wir arbeiten dabei nicht unter dem Deckmantel des Abstinenzparadigmas, sondern wir arbeiten akzeptierend. Das bedeutet, dass wir Verständnis dafür haben, das Trinken beim Erwachsenwerden dazu gehört. Wir wollen erreichen, dass die Jugendlichen sich selbst mehr wahrnehmen, wenn sie konsumieren und Strategien entwickeln, eben dies nicht mehr riskant zu tun.
/e-politik.de/: Selbstreflexion, Selbstwahrnehmung, Strategienentwicklung – versuchen Sie das durch die erlebnispädagogischen Komponenten Ihrer Arbeit zu vermitteln?
Kreutziger: Ja, unter anderem. Wir bieten Aktionen an, mit denen wir aufzeigen wollen, dass man auch durch andere Aktivitäten in Rauschzustände kommen kann. Das demonstrieren wir allen voran durch das Klettern. An künstlichen Kletterwänden in Berlin haben unsere Klienten die Möglichkeit, Ängsten zu begegnen und sich selbst dann auch zu überraschen, indem sie sich Sachen zutrauen, die sie vorher so nicht erwartet hätten. Es geht dabei um Adrenalin und Risiko. Wir versuchen danach die Erlebnisse zu transferieren, indem wir mit den Jugendlichen darüber sprechen, welche Risiken sich hinter dem harten Alkoholkonsum verbergen. Sie sollen erkennen, dass sie sich ebenfalls in einer lebensbedrohlichen Situation befanden, als sie alkoholvergiftet waren bzw. hart konsumiert haben. Wie schon gesagt, letztlich geht es darum, Ziele zu formulieren und Strategien zu entwickeln, um das erneute Aufkommen einer solchen Situation zu verhindern.
/e-politik.de/: Gibt es Jugendliche in Ihrem Projekt, die sich nicht auf solche Aktionen einlassen und auf Contra gehen? Wie gehen Sie damit um?
Kreutziger: Natürlich gibt es diese Jugendlichen. Und auch nicht wenige. Nun ist ja aber das HaLT-Projekt nicht auf der Erlebnispädagogik aufgebaut. Diese Methode kann nur eine kleine Komponente in unserer Arbeit sein. Die meisten Jugendlichen jedoch kommen schon mit einer Veränderungsbereitschaft bezüglich ihres Konsumverhaltens zu uns. Wir versuchen dann mit den Klienten diese Bereitschaft zu kanalisieren und Ziele zu formulieren. Da müssen wir als Pädagogen sehr flexibel sein.
/e-politik.de/: Gemäß Ihrer persönlichen Erfahrung mit Jugendlichen, die ein riskantes Konsumverhalten aufweisen: Warum trinken Jugendliche immer mehr Alkohol in kürzerer Zeit?
Kreutziger: Ich glaube, dass wir nicht aus dem HaLT-Projekt heraus generalisieren und eine bundesweite Tendenz aufstellen können. Was wir jedoch hier in Lichtenberg feststellen, ist, dass wir in der Tat sehr junge Menschen mit riskantem Alkoholkonsum getroffen und mit ihnen zusammen gearbeitet haben. Wir stellen auch fest, dass genau diese Klienten eine Geschichte mitbringen, die sie zu erzählen haben. Diese Geschichten sind nicht selten die Motive, hart und unreflektiert Alkohol zu konsumieren. Dabei geht es also weniger um den gesellschaftlichen Akt des Beisammenseins und der Geselligkeit, sondern vordergründig um das sportliche Trinken. Es geht darum, wie viel Alkohol der Einzelne schafft, um sich dann damit eben auch gegenüber den anderen profilieren zu können.
/e-politik.de/: Das beinhaltet das Schlagwort „Binge Drinking“ (Besäufnis). Auch der Begriff „Flatrate“-Party ist in letzter Zeit häufig in den Medien aufgetaucht …
Kreutziger: In meinen Augen wird die mediale Debatte um „Binge Drinking“ und „Flatrate“-Partys sehr emotional und schlecht recherchiert geführt. „Flatrate“-Partys zum Beispiel sind für viele junge Menschen – wir reden hier von 13-, 14- und 15-Jährigen – kein Thema. Sie kommen in die Etablissements, die diese Art von Partys anbieten, gar nicht rein. Wir haben in zweieinhalb Jahren HaLT ein oder zwei Klienten gehabt, die auf „Flatrate“-Partys waren. Bei insgesamt 120 Klienten, die wir bisher betreut haben, ist das ein sehr kleiner Prozentsatz.
/e-politik.de/: Könnten andere Projekte oder Stellen Ihre Arbeit ersetzen oder übernehmen, gesetzt den Fall, der Senat verlängert das Projekt nicht langfristig?
Kreutziger: Das Schwierige an dieser Arbeit ist ja, erstens an die Jugendlichen ranzukommen und zweitens ihnen auch klarzumachen, was es bedeutet, riskant Alkohol zu konsumieren, nämlich dass davon sogar Leben bedroht sein kann. Alkohol ist ein Risiko. Es ist eine große Herausforderung, das den 13- bis 16-Jährigen zu vermitteln. Sie sind in einem Alter, in dem ihr Stoffwechsel viel Alkohol verarbeiten kann und sie dementsprechend viel trinken können. So sind sie sich den Risiken oftmals gar nicht bewusst und bewegen sich hart an der Grenze. Ein Bewusstsein dafür zu schaffen, verlangt sehr viel Sensibilität, Feingefühl und Ausdauer. Und genau das können unserer Erfahrung nach die bestehenden Suchthilfestrukturen in Berlin nicht leisten. Deshalb haben wir das HaLT-Projekt hier in Lichtenberg so konstruiert, dass wir sehr jugendtypisch agieren. Schauen Sie sich um, ein besprühter Bauwagen im Hinterhof mit Feuerstelle. Klar, damit ist unsere Arbeit längst nicht getan. Aber das Wichtigste ist zunächst, die Jugendlichen auf möglichst vielen Ebenen anzusprechen. Gelingt uns das, dann sind sie meist auch empfänglich für Beratungen, Aktionen und schließlich auch Selbstwahrnehmung und Reflektion. Wird HaLT nicht verlängert, gibt es kein jugendtypisches und vor allem schnell agierendes Projekt mehr. Die Jugendlichen werden dann nicht mehr erreicht.
/e-politik.de/: Herzlichen Dank für das Gespräch.
Mehr Informationen zu HaLT bei der Stiftung Sozialpädagogisches Institut.
Die Bildrechte liegen bei der Stiftung SPI (HaLT-Logo) und Minna Mansfeld (Kreutziger, Bauwagen).
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Mensch Jörg. Was aus Dir geworden ist. Ich finde euer Projekt wirklich riesig. Weiter so und viel Erfolg in Zukunft. Lieben Gruß Mirko