Prosten, bis der Sozialpädagoge kommt (Teil 1)

15. Mai 2007 | von | Kategorie: Gesundheits- und Sozialpolitik

HaLT_Logo.JPGViele Jugendliche verbringen ihre Freizeit im Vollrausch, um dem langweiligen Alltag einen Kick zu geben oder andere zu beeindrucken. Immer öfter enden solche Alkoholexzesse in der Notaufnahme. Das suchtpräventive Bundesmodellprojekt „Hart am Limit“ richtet sich an diese Jugendlichen. Grenzerfahrungen in Berlin Lichtenberg. Von Minna Mansfeld

Das erste Bier, der erste Rausch, der erste Filmriss – viele von uns haben das schon einmal erlebt. Mal ordentlich einen sitzen zu haben, gehört eben zum Erwachsenwerden dazu. Aber gehört es auch dazu, mit Blaulicht ins Krankenhaus eingeliefert zu werden, weil es nicht fünf, sondern 50 Tequila gewesen sind? Laut dem am 3. Mai 2007 veröffentlichten Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung hat sich in den vergangenen Jahren die Zahl der Jugendlichen, die mit Alkoholvergiftung in der Notaufnahme lagen, verdoppelt. In einer Umfrage der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung gaben 19 Prozent der befragten Jugendlichen an, innerhalb des letzten Monats so genanntes „Binge Drinking“ gemacht, d.h. sich in kurzer Zeit in einen Vollrausch versetzt zu haben. Dabei werden die Alkohol konsumierenden Jugendlichen immer jünger.

„Hart am Limit“ – Reaktive und proaktive Maßnahmen

Zahlreiche vom Bundesministerium für Gesundheit (BMG) initiierte und unterstützte Wettbewerbe, Kampagnen und Modellprojekte zur Suchtprävention wollen auf dieses Problem aufmerksam machen und Jugendliche zu einem reflektierten Umgang mit ihrem Konsumverhalten animieren. Eins dieser Projekte heißt „Hart am Limit“ – kurz HaLT – und wird seit Anfang 2005 an elf Standorten in Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Thüringen, Nordrhein-Westfalen, Hessen, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Berlin durchgeführt. Mit der finanziellen Unterstützung der jeweilig verantwortlichen Landesministerien verfolgt HaLT zwei Ziele: Erstens sollen die Projektmitarbeiter alkoholvergiftete Jugendliche noch im Krankenhaus individuell aufsuchen, um ihnen das HaLT-Projekt vorzustellen und Hilfe anzubieten, zweitens soll der Alkoholmissbrauch präventiv durch eine konstruktive Freizeitgestaltung auf kommunaler Ebene bekämpft werden.

HaLT_Comic_Cover.JPGEines der beiden Berliner HaLT-Projekte gehört zur Stiftung Sozialpädagogisches Institut und ist an deren Suchtberatung in Berlin Lichtenberg gekoppelt. Im Januar 2005 bezogen die Sozialpädagogen Konstantin Fritsch (34) und Jörg Kreutziger (29) einen Bauwagen im Innenhof des SPI-Geländes, um ihre Arbeit für HaLT aufzunehmen. In jugendgerechtem Stil entwarfen sie Aufkleber, Flyer und veröffentlichten im April 2007 sogar das Comic Letzten Freitag. Die Sozialpädagogen bauten den Kontakt zu Krankenhäusern, Jugendhilfeeinrichtungen, Schulen sowie zur Straßensozialarbeit und Polizei auf. Nur durch eine gezielte Kooperation und Kommunikation ist es möglich, jene Jugendlichen zu erreichen, die einen gefährlichen Alkoholkonsum aufzeigen. HaLT dient berlinweit als einzige Schnittstelle zwischen den verschiedenen Institutionen der Sucht- und Jugendhilfe.

„Halt“ sagen und „Halt“ geben

Der Erfolg von HaLT kann sich sehen lassen: 230 Jugendliche haben seit Beginn des Projektes in Berlin Lichtenberg freiwillig die Hilfe von Fritsch und Kreutziger in Anspruch genommen. Über 40 von ihnen wurden von den Suchtberatern noch in der Lichtenberger Klinik für Kinder- und Jugendmedizin Lindenhof nach einer Alkoholintoxikation aufgesucht, andere kamen über Kooperationspartner wie der Jugendgerichtshilfe oder durch aktives Ansprechen auf der Straße ins Projekt. Die Resonanz der Jugendlichen ist positiv. Auf Grund dessen haben das BMG und das Berliner Drogenreferat bei der Senatsverwaltung für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz das Projekt in Berlin Lichtenberg bereits einmal für ein halbes Jahr verlängert.

HaLT_Fritsch_Kreutziger.JPGFritsch und Kreutziger (Foto rechts) setzen bei ihrer Arbeit mit Jugendlichen weniger auf den erhobenen Zeigefinger, sondern auf Selbsterfahrungssituationen im Freizeitverhalten. Daher ist die Arbeit erlebnispädagogisch ausgerichtet. Ob Klettern oder Tauchen, die Jugendlichen sollen ein Gefühl für Risiko, Kontrolle und Vertrauen entwickeln. Wenn sie sieben Meter über dem Erdboden an einer Wand hängen, finde nach eigenen Erfahrungen der Sozialpädagogen eine Reflexion über ein Verhalten statt, das einen Absturz verhindern soll. Sie beginnen demjenigen zu vertrauen, der sie am Boden mit einem Seil sichert und Halt gibt. Ein Gemeinschaftsgefühl entsteht. In dieser Situation entwickeln die Jugendlichen ein Bewusstsein, das Selbstkontrolle und Vertrauen herstellt sowie Risiken minimiert. Diese psychosozialen Komponenten sind wichtig, um auch das eigene Alkoholkonsumverhalten zu reflektieren und vor dem Missbrauch und möglichen Absturz „Halt“ zu sagen.

Ein Projekt „Hart am Limit“

Generelle Ziele eines Bundespilotprojektes ist es, dass es sich nach zwei Jahren in der Kommune etabliert und dort auch finanziell verankert hat. Ersteres ist kein Problem. Der Bedarf und das Bedürfnis an Unterstützung für suchtgefährdete Jugendliche in Berlin sind groß. Die Finanzierung des Projektes gestaltet sich jedoch schwierig. Momentan kommen die Mittel (noch) zu Teilen aus dem Topf für Suchtprävention des Bundesgesundheitsministeriums und von der Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit, Soziales und Verbraucherschutz. In wenigen Wochen wird in Berlin die Entscheidung darüber bekannt gegeben, ob das Projekt ab dem 1. Juli 2007 ein weiteres Mal für sechs Monate verlängert wird. Bei der Aktualität, die der Alkoholkonsum von Jugendlichen hat, könnte man annehmen, dass es sich der Senat gar nicht leisten kann, die Mittel dafür zu streichen. Das Problem ist nur: Berlin ist pleite.



Behelfsmäßige gesetzliche Verschärfungen?

Nachdem im März 2007 ein 16 jähriger Berliner an den Folgen seines exzessiven Alkoholkonsums gestorben ist, führen Politiker bundesweit Debatten über das Verbot von so genannten „Flatrate“-Partys, auf denen man für einen Pauschalpreis so viel trinken kann, wie man möchte oder eben verträgt. Doch was nützen gesetzliche Verschärfungen, wenn die bestehenden Vorgaben nicht eingehalten werden und trotzdem Alkohol an unter 16-Jährige bzw. 18-Jährige verkauft wird? Zumal die Politik Jugendliche nicht ewig vom Alkohol fernhalten kann in einer Gesellschaft, in der Alkohol nicht nur weit verbreitet und akzeptiert ist, sondern in der uns der Saure Apfel in den Regalen an der Kasse anlacht.

HaLT_Bauwagen.JPGAlkohol ist allgegenwärtig und kann es als Genussmittel, welches reflektiert konsumiert wird, auch bleiben. Jugendlichen ein bewusstes Verhalten im Umgang mit Alkohol beizubringen, zu dem auch gehört, „nein“ sagen zu können, ist eine gesellschaftliche Aufgabe und Herausforderung, derer sich das HaLT-Projekt in Berlin Lichtenberg angenommen hat. Es jetzt finanziell einzufrieren, würde bedeuten, dass bei steigender Zahl von Alkoholintoxikationen bei Jugendlichen diese nach medizinischer Erstversorgung in ihren Alltag ohne jegliche Nachbetreuung entlassen werden. Alkoholvergiftungen sind lebensgefährlich, auch Gesetze werden daran nichts ändern können.

Lesen Sie in der nächsten Woche bei /e-politik.de/ ein Interview mit Jörg Kreutziger über den Bedarf und die Perspektiven von HaLT sowie über die Entscheidung des Berliner Senats.


Die Bildrechte liegen bei der Stiftung SPI (HaLT-Logo, Comic-Cover) und Minna Mansfeld (Kreutziger & Fritsch, Bauwagen).


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