Politische Liebeserklärung statt harter Wissenschaft
Franz Josef Strauß war einst der größte Polarisierer der Nation. Wortgewaltig, grob bis großartig in der Auseinandersetzung und politisch erfolgreich bestimmte das bayerische Urgestein die Geschicke der alten Bundesrepublik maßgeblich mit. Aber an seiner Biographie scheitert Autor Stefan Finger grandios. Von Bert Große
In „einem Land vor unserer Zeit“ war Franz Josef Strauß (1915 – 1988) ein bedeutender Politiker. Der kurz vor der Wiedervereinigung verstorbene Münchner zählte über Jahrzehnte zu den bedeutendsten deutschen Politikern – Minister, langjähriger CSU-Vorsitzender, Ministerpräsident, gegen „FJS“ ging wenig in der alten Bundesrepublik.
Gegner wie Freunde, und von beiden hatte er reichlich, schildern ihn übereinstimmend als Vollblut-Politiker, keinen Konflikt scheuend, die eigene Position energisch vertretend, arbeitsbesessen, aber auch persönlich verunglimpfend, dem Alkohol sehr zugetan und ein „Sozialistenfresser“. Mit seiner vergeblichen Kanzlerkandidatur 1980 erlebte das Land einen der härtesten Wahlkämpfe aller Zeiten. Grund genug also für eine große Biographie. Eigentlich…
Stefan Finger, soviel sei vorweg genommen, gelingt diese leider nicht. Genauer gesagt ist sein Buch Franz Josef Strauß, Ein politisches Leben, eine echte Enttäuschung, bemüht sich der Autor doch nicht darum, Strauß in all seinen Facetten möglichst objektiv darzustellen. Finger hat stattdessen in großer Fleißarbeit eine Jubel- und Jammer-Biographie vorgelegt, bei deren Lektüre man sich die Frage stellt, unter welchen Gesichtspunkten eigentlich ein akademischer Grad verliehen wird.
Thema voll verfehlt
Dabei ist Fingers Grundannahme eigentlich spannend – der ewig polternde Strauß sei gar nicht der politische Kraftmeier gewesen, als der er dargestellt (und sicher auch gern gesehen) wurde. Hinter der harten Schale verbarg sich ein sensibler Kern, dem die heftigen Auseinandersetzungen nahe gingen und der besonders unter der medialen Kritik an seiner Person litt. Zugleich skizziert er den bayerischen Löwen trotz aller Großspurigkeit als ewigen Zauderer, wie sein Verhalten beim legendären Trennungsbeschluss von Kreuth (1976) bewies. Auch zur Kanzlerkandidatur von 1980 musste Strauß von seinen Vertrauten Friedrich Zimmermann und Edmund Stoiber geradezu getragen werden, nachdem Helmut Kohl Strauß bereits 1976 übergangen hatte.
Anstelle einer abwägenden Biographie versucht der Autor zu belegen, wie ungerecht behandelt und missverstanden Strauß zeitlebens war. Entstanden ist eine voluminöse Liebeserklärung an FJS, deren Lektüre wohl nur seine hartgesottenen Verehrer als erquicklich bezeichnen können.
Unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten ist die Arbeit gleich mehrfach eine Zumutung. Auch wenn der Autor vor dem Problem steht, dass große Aktenbestände zu Strauß der Öffentlichkeit nicht zugänglich sind und die umfangreiche Stasi-Akte im Frühjahr 1990 – auf Anordnung des damaligen Innenministers Stoiber – vernichtet wurde, ohne je gesichtet worden zu sein, kann doch die wissenschaftliche Antwort nicht darin bestehen, ausschließlich Sekundärliteratur auszuwerten. Zumindest nicht nur die wohlmeinende.
Dank seiner einseitigen Auswahl tappt Finger in genau die Falle, die er auf S. 14 zu entlarven meint. „Denn wenngleich über Strauß in den vergangenen fünfzig Jahren zahlreiche Publikationen erschienen sind, entbehrt der größte Teil des verfügbaren Schrifttums jeglicher Wissenschaftlichkeit. Dies ist zum einen auf die oftmals zu beklagende ideologische Einfärbung und augenfällige Meinungsführung der Abhandlungen, zum anderen auf die unvollständige, weil willkürlich-selektive Auswertung der bereits vorhandenen Literatur zurückzuführen.“ Kann die Antwort darin bestehen, ins andere Extrem zu verfallen und nahezu jede kritische Position auszublenden? Anstelle von wissenschaftlicher Objektivität präsentiert der Autor seitenlange Jubelorgien auf den ach so famosen Bayern.
Gleiches geschieht in der Auswahl seiner Gesprächspartner. Mit Ausnahme von Egon Bahr findet sich kein Politiker aus dem Lager der Gegner von FJS, von den so häufig kritisierten Journalisten aus dem Hause Spiegel erst recht nicht. Auch so kann man natürlich zu eindeutigen Ergebnissen kommen…
Und schuld war der Spiegel
Finger arbeitet sich durch alle Stationen eines langen politischen Lebens – vom stellvertretenden Landrat in Schongau bis zum barocken Ministerpräsidenten. Alle, die sich zuvor nicht mit der Vita von FJS befasst haben werden diesen Abschnitt durchaus mit Gewinn lesen, ist die Liste bedeutsamer Ereignisse, Konflikte und Personen doch nahezu endlos.
Immer und überall war Strauß (Foto rechts) der jüngste, ehrgeizigste und belesenste Politiker. Beteiligt beim Aufbau der CSU, im Frankfurter Wirtschaftsrat, als Minister für Atomfragen, beim Aufbau der Bundeswehr, als Finanzminister, es gab kaum ein Thema, mit dem er sich nicht befasste, ja geradezu hineinfraß.
Bereits dem ersten Bundestag angehörend, hinterließ er relativ schnell Spuren als gefürchteter Debattenredner. Schon mit 38 Jahren wurde er 1953 erstmals Minister, wenn auch ohne Geschäftsbereich. Getrieben vom Ehrgeiz, erster Verteidigungsminister zu werden, setzte Strauß Bundeskanzler Konrad Adenauer und Theodor Blank massiv unter Druck. Als Redner im Parlament und den Bierzelten der Nation fand Strauß schnell breite Gegnerschaft besonders in den Reihen der Sozialdemokratie. Auch die Medien schossen sich auf den ehrgeizigen wie bewanderten Aufsteiger ein, allen voran der Spiegel.
Finger versteigt sich zu der These, wonach das Hamburger Magazin, allen voran Herausgeber Rudolf Augstein, über Jahrzehnte unverantwortliche mediale Hexenjagd gegen FJS betrieb. Beweisen kann er sie leider nicht, weder theoretisch, noch empirisch. Zwar ist bekannt – und mehrfach dokumentiert – dass Strauß und Augstein eine regelrechte Feindschaft verband, sicher ist auch, dass der Spiegel oft hart und ungerecht gegen Strauß anschrieb, aber sollte das bei einer Person wie Strauß nur einseitig zu begründen sein? Der Autor zitiert genehme Passagen aus dem Spiegel gern und bei Bedarf ausgiebig, aber als wissenschaftlich fundierte Inhaltsanalyse kann diese Form der „Argumentation“ nicht durchgehen.
Seiner Deutung nach muss auch in der FIBAG-Affäre (1961) und der Spiegel-Affäre (1962) von Strauß’ Unschuld ausgegangen werden. Finger führt aus, dass am Amigo Strauß nichts dran war, und wenn, dann nur weil der gutgläubige Bayer von skrupellosen Geschäftemachern umgeben war, die seine Gutmütigkeit ausnutzten. Für Finger ist klar, dass die „linken“ Medien Strauß fertig machen wollten.
Aber damit nicht genug, eigentlich war der weise FJS geradezu von Feinden umzingelt: Rote, Liberale, BND, Stasi, die Russen, Helmut Kohl – die Liste ist endlos und häufig sicher zutreffend. Egal ob Wiederbewaffnung, Notsandsgesetzgebung oder Ostpolitik, ewig standen Strauß Gegner gegenüber, die ihm laut Finger inhaltlich nicht das Wasser reichen konnten, politisch aber über mehr Einfluss verfügten.
Ende der 70-iger Jahre fühlt FJS sich in Bonn zunehmend unverstanden, die Niederlage bei der Bundestagswahl 1976 und der Trennungsbeschluss von Kreuth vertreiben ihn geradezu nach München, Halb zog es ihn, halb sank er nieder…
Strauß verbringt zehn Jahre als barocker Herrscher von Bayern. Wenigstens an seinem pompösen Regierungsstil - die Feierlichkeiten zum 70. Geburtstag dauerten natürlich auf Steuerzahlers Kosten ganze 14 Tage - erlaubt sich der Autor vorsichtige Kritik.
Ein Stück persönliche Aufarbeitung?
1988 verstirbt Strauß an den Folgen eines Herzanfalls – natürlich auf der Jagd. Unstrittig ist, dass die Bundesrepublik mit Strauß einen bedeutenden Politiker verloren hatte, wenn auch einen umstrittenen. Stefan Finger wäre zu verzeihen, wenn er eine nachträgliche Rechtfertigung von FJS hätte vorlegen wollen. Aber als objektive wissenschaftliche Analyse kann der Band nicht durchgehen. Zu einseitig argumentiert er dafür.
Der Eindruck auf dem Schutzumschlag, wonach sein Vater Otto Finger jahrelang Chauffeur von Strauß war, korrespondiert mit den gelegentlichen Anekdoten, wie gut der gelegentlich jähzornige Strauß seine Mitarbeiter behandelt hat. Insofern sollten alle Kritiker, die sich mehr als 500 Seiten Text gearbeitet haben, den Band vielleicht als ein Stück familiärer Aufarbeitung lesen. Wirklich gehaltvoll dürfte das Buch nur für ausgesprochene Fans von Strauß sein. Aber ob es die heute überhaupt noch gibt? Zu gravierend scheinen die Veränderungen auch südlich des Main zu sein, als dass FJS heute noch wesentlich mehr als folkloristische Bedeutung hätte. Und wer auf eine subjektive Position Wert legt, dem seien Die Erinnerungen empfohlen. Die unvollendeten Memoiren sind wenigstens lesenswert.
Finger, Stefan,
Franz Josef Strauß – ein politisches Leben,
(2005), Bonn, Olzog Verlag,
556 S., ISBN 978-3-7892-8161-7, 34,00 Euro
Die Bildrechte liegen bei dem Freistaat Bayern (Portrait Strauß) und dem Olzog Verlag. Der Verlag im Internet
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