P8- Deine Stimme gegen Armut

11. Jun 2007 | von Sebastian Knecht | Kategorie: Gesellschaft

Teaserfoto.jpgEin tolles Konzert war es allemal. Dutzende internationale Künstler, darunter echte Musikgrößen aus Deutschland, trafen sich am 07.06.07 in Rostock, um mit 80.000 begeisterten Fans gegen die Armut in der Welt zu demonstrieren. Aber welche politische Wirkung kann ein solches Konzert haben? Von Sebastian Knecht

Der IGA-Park in der Hansestadt Rostock entwickelt sich langsam aber sicher zum Schauplatz internationaler Großereignisse. 2003 fand hier bereits die Internationale Gartenbauausstellung statt, in diesem Jahr ein Konzert für die „Poor 8“-Staaten dieser Erde als Gegenstück zum in nahe Rostock stattfindenden G8-Gipfel in Heiligendamm.

Musik und Politik

Jede Menge nationaler musikalischer Größen appellierten mit ihrem Auftritt an die Menschlichkeit und insbesondere an die G8. Neben altbekannten Friedensaktivisten wie Herbert Grönemeyer, Bono von U2 und Bob Geldof gaben sich auch 2Raumwohnung, Seeed, die Fantastischen Vier, die Toten Hosen, die Beatsteaks, Silbermond und die Sportfreunde Stiller die Ehre. Die Stars gaben sich jedoch keineswegs nur die Klinke in die Hand, sondern wechselten sich durchgehend mit nationalen Größen aus den P8-Staaten- namentlich Bangladesch, Bolivien, Kambodscha, Mali, Mosambik, Nicaragua, Sambia und Uganda- ab.

Deshalb dürften auch die, die lediglich wegen der musikalischen Acts nach Rostock angereist waren, schnell festgestellt haben, dass das Hauptanliegen auf der politischen Message Richtung G8 lag. Anusheh, die Sängerin der aus Bangladesch stammenden Band Bangla, ließ ihrem Ärger freien Lauf: „Bangladesh is one of the richest countries in the world…it`s rich, because we smile and laugh…and it`s a shame that our future is decided by eight motherf***.“

Geladene Entwicklungshelfer und Menschenrechtler aus den genannten Staaten berichteten vom Leid und den unmenschlichen Lebensbedingungen in ihren Ländern- hauptsächlich verursacht durch die G8. Hinzu kamen kurze Videosequenzen, welche die Armut anhand von Einzelschicksalen aufzeigten. Auch wenn ausschließlich bei den hierzulande bekannten Bands wirkliche Festivalstimmung aufkam, wusste das Publikum den Auftritt der geladenen Gäste durchaus zu würdigen.

Prominente gegen Armut

Angela_Merkel_Joh.jpgManch einer nahm es dann auch mit der Deutlichkeit allzu genau: Michael Mittermeier beispielsweise, der es geschickt verstand, Humor und Politik zu verknüpfen, sich dann aber ungewohnt deutlich über die G8 echauffierte. So nannte er US-Präsident George W. Bush einen Kriegsverbrecher und zog einen zweifelhaften Vergleich mit Adolf Hitler heran, Bundeskanzlerin Angela Merkel nannte er eine Lügnerin und die G8 eine „Eunuchenpolitik“.

Schauspieler Jan Josef Liefers verglich die ungleiche Verteilung von Gütern, Nahrungsmitteln und Chancen in der Welt gehaltvoll mit einem in Business- und Economyclass entzweiten Flugzeug. Nur, dass die Economyclass hoffnungslos überfüllt wäre und keinerlei Chance hätte, sich etwas vom für die Businessclass reservierten Kuchen abzuschneiden.

Moderatorin und Schauspielerin Nora Tschirner wies das feiernde Publikum darauf hin, nicht nur das Konzert mit vielen Stars zu sehen, sondern sich auch nachhaltig für die Menschen in Armut einzusetzen. Die Stars könnten nichts bewegen, sondern nur die Masse der Menschen. Ähnlich äußerte sich Matt Damon, der per Videobotschaft insbesondere die Armut in Afrika anprangerte und zur Hilfe aufrief.

Verkehrte Welt

596px_SarahKuttner_1_1_1_1.jpgDurch die sechsstündige Veranstaltung führten die freche Moderatorin Sarah Kuttner und der für den intellektuellen Part zuständige Publizist Roger Willemsen. Die selbst ernannte „Mutti“ Kuttner erhob bei über 30° C und wolkenfreiem Himmel nicht nur einmal den warnenden Zeigefinger, die Leute mögen unbedingt trinken. Der gut gemeinte Rat ironisiert sich angesichts der Tatsache, dass sämtliche Getränke am Einlass vom Sicherheitspersonal konfisziert wurde, frei nach dem Motto: „Wasser für die Welt, aber nicht für die P8-Besucher“!

Das wäre nicht weiter schlimm, hätten die horrensen Getränkepreise auf dem Gelände den lächerlich geringen Kartenpreis von 2,50 € nicht innerhalb kürzester Zeit in die Höhe getrieben. Und noch ein Aspekt sticht negativ ins Auge: Nicht etwa, dass die gesammelten Getränke geradewegs in Containern nach Afrika verschifft worden wären, landeten sie stattdessen auf dem Müll.

Was bleibt, ist Aufmerksamkeit

Das tut der Wirkung dieser Veranstaltung aber keinen Abbruch. Der Appell an die Teilnehmer des G8-Gipfels, insbesondere an Bundeskanzlerin Merkel, die versprochenen Ziele vor allem in Bezug auf die Entwicklungshilfezusage für Afrika auch einzuhalten, wurde allzu deutlich. Denn abseits Steine werfender Demonstranten und irreal wirkender Verfolgungsjagden der Polizei auf Greenpeace-Boote auf der Ostsee war das Konzert Ausdruck für zwar lautstarken, aber friedlichen Protest. Er wandte sich nicht grundlegend gegen die G8 und deren Politik, sondern verwies mahnend auf die Chancen eines solchen Gipfels, wenn nur die richtigen Ergebnisse am Ende beschlossen würden.

Eindrucksvoll hinterließ insbesondere eine spontane Aktion von Kuttner ihre Spuren: 80.000 Besucher, die geschlossen alle drei Sekunden mit den Fingern schnipsten- gleich dem Werbespot der Aktion „Deine Stimme gegen Armut“ und als Ausdruck für jedes Kind, das alle drei Sekunden an den Folgen extremer Armut stirbt.

Sicherlich wird dieses Konzert nicht die Welt verändern und ob es überhaupt in den Räumlichkeiten des Kempinski-Grand-Hotels in Heiligendamm Gehör fand, ist eher unwahrscheinlich. Aber es verdeutlicht, dass die Öffentlichkeit die Politik der G8-Staaten mit Argusaugen beobachtet und jederzeit bereit ist, die Stimme gegen Ungerechtigkeit und Hunger in der Welt zu erheben.


Die Bilder sind gemeinfrei (Teaserbild, Portrait Merkel)  und stehen unter der GNU Free Documentation Lizenz (Portrait Kuttner).


Optionen: »P8- Deine Stimme gegen Armut« bewertenArtikel drucken | Artikel per E-Mail versenden

Artikel in sozialen Netzwerken teilen:

Kommentar hinterlassen

Twitter Nutzer - Mit deinem Twitteraccount bei /e-politik.de/ anmelden: