Metropolregionen: Zwischen Wachstum, Wahn und Wissenschaft

22. Jul 2007 | von freier Autor | Kategorie: Gesellschaft

Berlin_Skyline_1.JPGBerlin glänzt als Hauptstadt. Das Konzept, das hinter dem Neuanstrich zur Vorzeige-Stadt steckt, ist ein europäisches. Berlin wird zur „Europäischen Metropolregion Berlin-Brandenburg“ ausgebaut. Welche Ideen, Chancen und Risiken stecken hinter dem Schlagwort?

Am Forum Neukölln wird heftig diskutiert. An dem belebten Einkaufszentrum in der Karl-Marx-Straße treffen sich die Anwohner Tag für Tag, um die Zeit tot zu schlagen – Zeit, von der sie viel zuviel haben, denn die meisten hier haben keine Arbeit mehr. Fassungslos wird die Schlagzeile der B.Z. kommentiert: Auch Neukölln bekommt seinen Boulevard, steht da. Bis 2009 soll die Neuköllner Hauptverkehrsstraße in neuem Glanz erstrahlen, auch ein neues Einkaufszentrum ist geplant. „Wofür die wieder Geld haben“, murmelt einer. Er wurde hier geboren, sagt er, doch jetzt wolle der Bezirk hier „aufräumen“. Bürgermeister Heinz Buschkowsky ist stolz, und der Plan des Bezirksamtes Neukölln steht fest: Der Stadtteil wird aufpoliert. Für Gäste, die zukünftig am Großflughafen Schönefeld ankommen, wird das südlich gelegene Neukölln zum ersten Einfallstor. Die Bürger signalisieren Unverständnis, aber mit dem Ausbau von Flughafen und Infrastruktur befindet sich Berlin voll im Metropolentrend – die Stadt gehört zusammen mit Brandenburg zu einer der elf deutschen Metropolregionen, die seit 2005 zu wirtschaftlichen Leistungsmotoren der EU ausgebaut werden sollen.

Metropolregion heißt lokale Identität fördern – auch in Hannover-Braunschweig-Göttingen

metropol.jpgDas Konzept der Europäischen Metropolregion (EMR) sieht vor, bestimmte Städte und Regionen als strategische Plattformen für den globalen Wettbewerb zu stärken. Der Ausbau von Regionen zu Verkehrsknotenpunkten gehört zur Metropolenmaßnahme Nummer eins. Unternehmensführungen, so genannte „Headquarters“, aber auch politische Behörden und Ministerien ansiedeln und an die Region binden: So lauten die ehrgeizigen Ziele. Mit systematischer EU-Förderung für die Gewerbeansiedelung in den ausgewählten Regionen sollen die EMR zum europäischen Integrationsprozess beitragen, lässt die deutsche Ministerkonferenz für Raumordnung verlauten. Hinter dem Titel EMR verbirgt sich aber mehr als nur eine infrastrukturelle Entwicklungsmaßnahme. Denn Wirtschaftsförderung funktioniert nur dann, wenn der Region ein positiver Ruf vorauseilen kann. Klar, dass der Metropolraum Stuttgart auf eine andere lokale Identität setzt als die Metropolregion Hannover-Braunschweig-Göttingen. Stuttgart punktet zwar mit einer geringen Arbeitslosigkeit und einer hohen Investitionskraft, aber mit dem Slogan „Wir können alles außer Hochdeutsch“ wird ein lokales Profil gestärkt, das die Region zu einer Marke macht. In Hannover-Braunschweig-Göttingen oder Bremen-Oldenburg ist die gemeinsame Metropolenidentität dagegen erst noch herzustellen.

Rückgriff auf den alten Städtegürtel

Seit der Lissaboner Europakonferenz im Jahr 2000 sind die Weichen für die EU gestellt: Bis zum Jahr 2020 soll hier der dynamischste Wirtschaftsraum der Welt entstehen. Klar, dass Zentren wie Shanghai, New York und Rio mit ihren Abermillionen Einwohnern stark beeindrucken. Europas Chance aber ist das engmaschige Netz aus vielen kleineren Städten.  Schon Max Weber, Vater der Soziologie, sah in seinen Aufsätzen über den modernen Kapitalismus in der europäischen Stadt den Antriebsmotor für ökonomische Dynamik, heraufbeschworen durch den mittelalterlichen Städtegürtel. Dessen Hauptschlagader war der Rhein, Wasserwege waren für den Handel lebenswichtig. Städte wie Trier, Worms und Speyer, aber auch Bern, Mailand und Lyon profitierten vom Reichtum der schippernden Händler. Fernab von staatlicher Steuerung agierte ein privatwirtschaftliches Städtenetz, bis der Nationalstaat im vorletzten Jahrhundert mit seinen Planungsbürokratien die Steuerung übernahm. Die vielen kleinen, städtischen Herrschaftsräume wurden schließlich dem Nationalstaat einverleibt, zugunsten kommunaler und demokratischer Strukturen. Der Begriff Metropolregion umschreibt eine Entwicklung, die an das System des Städtegürtels anknüpft: Der europäische Einigungsprozess schreitet voran, es werden gemeinsame Handlungsstrategien entwickelt, und der alte Kontinent entdeckt die Chancen seines Städtenetzes erneut. Weil die nationalen Metropolen durch die Globalisierung zu Informationsstädten geworden sind und weil es nicht mehr um das straff organisierte Durchregieren geht, wird das Neben- und Miteinander im Sinne der subsidiären Selbstverantwortung gefördert. Zentren sind heute eher als Knotenpunkte in einem Netzwerk zu verstehen, in dem Informationen, Kapital und Macht zirkulieren – nur so kann die globalisierte Wirtschaft über die Grenzen von Nationalstaaten hinweg agieren.

Der Berliner Metropolenmotor: Spitzenbildung

Auch Berlin und Brandenburg gehen mit zusammen 4,3 Millionen Einwohnern ein regionales Bündnis als Metropolregion ein. Berlin, lange Zeit das wirtschaftliche Sorgenkind unter den großen Metropolräumen wie Hamburg, München oder eben Stuttgart, hat nun seine Bestimmung gefunden: Als Wissenschaftsstandort will die EMR Berlin-Brandenburg wirtschaftliche Vorteile ausbauen und sich eine Metropolenidentität zulegen, die ihr jenseits der Hauptstadtfunktion  Arbeitsplätze und Investitionen einbringen soll. Die Exzellenzinitiative „Wissen schafft Berlins Zukunft“ wurde jüngst zum Identitätsmotor der Region auserkoren. „Wissenschaft fungiert als Motor und Leuchtturm zur Metropolentwicklung“, so Hans-Gerhard Husung, Staatssekretär der Senatsverwaltung für Forschung und Wissenschaft. Der gerade vom rot-roten Senat vorgelegte Doppelhaushalt für 2008/9 bescheinigt dem Vorhaben die nächsten Erfolge. Da werden Ausgaben für Spitzenbildung in dreistelliger Millionenhöhe veranschlagt, und Bildungssenator Jürgen Zöllner erntet Applaus für das Projekt der Berliner Super-Universität. Die Super-Uni soll, so Zöllner, die Arbeit der Berliner Spitzenforscher bündeln und das Wissen der drei bestehenden Unis stärker vernetzen. Ein masterplanmäßiger Coup in der Entwicklung zur Metropolregion. Das Investitionsvorhaben des Senators zeigt aber, dass die EMR Berlin-Brandenburg von einem Elitediskurs geprägt ist, der Bildung gerne auch als Privileg sieht, das nicht jedem zukommen kann.

Schulen in der Warteschleife

bildungspol.jpgDie Schulen als Zubringerinstitutionen gehen im neuen Haushalt natürlich nicht völlig leer aus. Aber die Kritik von allen Oppositionsparteien ist eindeutig: Schulen und Kitas werden zugunsten des Hochschul- und Wissenschaftsbereichs vernachlässigt. Der Anstieg des Etats für Lehrmittel an Schulen wird bis 2011 voraussichtlich 9,8 Millionen Euro betragen – Peanuts im Vergleich zur Exzellenzförderung, so die Kritiker. Dabei ist es gerade ein Jahr her, dass der OECD-Bericht über Bildungschancen die Berliner schockiert hat. Berlin bekam ein besonders schlechtes Integrationszeugnis ausgestellt, denn es sind vor allem Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund, die hier kaum Chancen auf eine vernünftige Ausbildung haben. Fast ein Drittel der Schulabgänger ohne Abschluss sind Kinder nichtdeutscher Herkunft. Auch Ausbildungsplätze sind rar: Für Herbst 2007 sind laut Arbeitsagentur bisher noch fast zwei Drittel aller suchenden Jugendlichen ohne Ausbildungsplatz.

Metropolregion – eine bewohnerferne Förderkategorie?

Wirft man unter diesem Aspekt einen Blick auf die EMR Berlin-Brandenburg, so erweist sich der Metropolendiskurs als bewohnerferne Förderkategorie. Wenn Schulen als Orte der Integration nicht mehr als Förderschwerpunkte gelten, sondern zugunsten der Elitebildung das Nachsehen haben, werden viele Bewohner nicht mitgenommen ins Metropolenboot. Anziehend soll die Region wirken, eine lokale Identität herstellen – bloß wie soll diese beschaffen sein, wenn viele der hier Lebenden keine Chance zu einer einfachen Ausbildung haben? Eigentlich ist es doch gerade die kulturelle Vielfalt, die das positive Image einer Metropolregion ausmachen könnte. Die gelungene Integration von Zuwanderern sollte als kultureller Identitätsfaktor durchaus wichtig sein. Die Menschen, die in der Region leben, selbst zum Motor ihrer regionalen Identität zu machen – das sollte doch näher liegen, als die Stärken von außen zu suchen. Auf diesem Wege könnte auch das bisher unbekannte Kürzel EMR mit kreativer Lebendigkeit gefüllt werden. Doch die Bewohner der Metropolregion in die langfristige Planung einzubeziehen heißt, Stadtentwicklung, Bildungspolitik und Jugendhilfe gemeinsam zu betreiben. Sonst geschieht sicherlich nicht zum letzten Mal, was sich nun vor dem Forum Neukölln abspielt: Dass sich Bewohner ausgegrenzt fühlen, weil sie auf der großen Fahrt ins globalisierte Metropoleuropa längst nicht mehr mitgenommen werden. Metropolregion sein heißt eben nicht nur, als Magnet auf eine Bildungselite zu wirken – die Potenziale dafür schon längst an Ort und Stelle. Eine europäische Metropolregion sollte dies als Chance wahrnehmen.


Die Bildrechte liegen bei der Autorin (Bild im Teaser), KoRiS (Karte Metropolregionen) und beim Umbruch-Bildarchiv (Foto: Schülerstreik).


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