Messe 66

25. Apr 2007 | von Christoph Rohde | Kategorie: Gesellschaft

Messe66_3_klein.JPGDer letzte Lebensabschnitt wird statistisch immer länger. Umso wichtiger ist es, sich auf diesen vorzubereiten. Die Messe namens 66 offerierte eine Vielzahl von Angeboten zur Selbstverwirklichung im Alter. Von Christoph Rohde

„Die 66 – der beste Weg, um in die Gänge zu kommen” – unter diesem Slogan fand die große 50plus-Messe im Münchner M,O,C, statt. Vom 20. bis zum 22. April präsentierten sich hier 300 Aussteller. Information, Unterhaltung, Aktion und jede Menge Prominenz waren bei der dritten Veranstaltung dieser Art vorzufinden. Dieser Bericht widmet sich aber nicht dem Auftritt der immer noch sehr attraktiven Senta Berger oder den eloquenten Kommentaren Marianne Kochs oder Max Schautzers in den Podiumsdiskussionen. Stattdessen wird die Perspektive auf kleine, aber eminent wichtige Angebote einzelner Aussteller gerichtet.

Wider medialen Horrorszenarien

Spektakuläre Horrorvisionen die alternde Gesellschaft betreffend haben Hochkonjunktur. Heerscharen von gebrechlichen und pflegebedürftigen Menschen entwurzeln, so eine Vorstellung, die postmodernen Gesellschaftsordnungen. Frank Schirrmachers Bestseller Das Methusalem-Komplott zeichnet das Bild eines Inter-Generationen-Kampfes um knapper werdende Güter.

Messe66_1_klein.JPGZwar gibt es in der Tat Hinweise auf bedenkliche demographische Entwicklungen, aber oft werden nur Gefahren, nicht auch die Möglichkeiten des Alterns in den Mittelpunkt gestellt. Der Tenor der Messe war es, Chancen für ein menschenwürdiges Altern aufzuspüren und zu nutzen. Ein großes Potenzial liegt in der Vernetzung von Senioren mit Hilfe kreativer Techniken.

Die Messe selbst vermittelte durch ihre räumliche Gestaltung den Eindruck vom Leben in der Blütezeit. Die Problematik der körperlichen oder geistigen Einschränkungen im Alter stand hingegen nicht im Vordergrund.

Zeit, um Autor zu werden

Aus verschiedenen Gründen kann beispielsweise die schriftliche Aufarbeitung des Lebens heilsame Wirkungen haben. Die Fixierung von Gedanken kann festgefahrene Strukturen lösen und zur Bewältigung von Schicksalsschlägen beitragen. Auf der anderen Seite können so wichtige Gedanken in Form von Erfahrungsberichten bewahrt werden.

Einige Verlage zeigten Möglichkeiten auf, wie Senioren ihre Gedanken kostengünstig veröffentlichen können. Dazu gibt es Literaturwettbewerbe, bei welchen die Gewinner neben einem Preis auch eine kostenfreie Veröffentlichung erreichen können. Eine etwa achtzigjährige Seniorin erzählte: „Mir hilft das Schreiben, bis heute unverarbeitete Ängste aus den Bombennächten in Tegel langsam zu überwinden.“

Dies zeigt: Eine aktive Bewältigung der eigenen Biographie durch das Schreiben kann zu verlängerter Gesundheit beitragen.

Das Internet als strategisches Medium

Das Internet hat ein hohes Potenzial, um die Isolierung älterer Menschen, die nicht mehr mobil sind, zu vermeiden. Der Initiative Feierabend gelang es vor allem durch ehrenamtliche Helfer, eine Online-Community von Senioren herzustellen. So genannte Regionalbotschafter führen die Teilnehmer auch physisch zusammen, sollte dies gewünscht werden. Betty, seit zwanzig Jahren pensioniert und seit acht Jahren Regionalbotschafterin im Münchner Raum, schwärmt: „Mir hat diese Aufgabe eine neue Erfüllung gegeben und ich diene damit noch anderen Menschen.“

Das Positive bei Feierabend ist: Bis auf die Anschlussgebühren ist das Portal kostenlos. Große technische Kenntnisse werden nicht vorausgesetzt. Der Nachteil: Durch „sogenannte Zusatzangebote“, so der IT-Techniker Thomas Zahreddin, können die Senioren auch auf diesem Portal in kostenträchtige Bereiche gelockt werden. Dazu wird das Portal durch extensive Werbeflächen sehr unübersichtlich.

Allgemein gilt: Das Netz kann für unerfahrene ältere Internet-User zu einer teuren Falle werden. Denn viele verlockende Gratisangebote erweisen sich als kostspieliger Spaß, sollte man kleingedruckte Kündigungsfristen übersehen. Dies kann Senioren leicht passieren. Der Verbraucherschutz ist in diesem Bereich noch unterentwickelt.

Zu starke KommerzialisierungMesse66_2_klein.JPG

Während die Messe bei den Fachangeboten ein hohes Qualitätsniveau aufwies, war in Bezug auf Vermögensanlagen und Bankdienstleistungen die übertriebene Penetranz einiger Aussteller zu beklagen. Die Messe wurde in unschöner Weise für Zwecke der Kaltakquise bei Kreditkarten und anderen Dienstleistungen genutzt. Außerdem gab es einige dubiose Esoterik-Angebote zu vermelden. Dem Autor selber wurden Kreditkarten aufgeschwatzt – die monatlichen Zinsgebühren (!) waren nur im Kleingedruckten festzustellen.

Besucherreaktionen

Die Mehrzahl der Besucher empfand Programm und Veranstaltungsort als angenehm und professionell organisiert. Jedoch bot die Messe – und das postulierte Veranstalterin Doris Lulay als explizites Ziel – vor allem individualisierte Angebote. Einige Besucher hätten sich eine Plattform gewünscht, auf welcher die politischen Wünsche der Rentner hätten formuliert werden können. Viele Rentner sehen sich den sie betreffenden politischen Veränderungen hilflos ausgesetzt. Ein Parteimitglied der Grauen Panther ließ wissen: „Es gibt keine Lobby für die große Gruppe der weniger betuchten Senioren“.

Die Messe zeigte die explosive Entwicklung des Marktes 50plus. Aber sie ließ auch Befürchtungen wachsen, dass die Gruppe der Älteren noch eine Verschärfung der sozialen Kluft in Deutschland miterleben muss.


Die Bildrechte liegen bei 66 – Deutschlands größte Messe für alle ab 50!


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