Liebgewordenes Klischee
Manowar haben endlich ihr neues Live-Album veröffentlicht. Eine augenzwinkernde Hommage an die letzten wahren Krieger dieser Welt. Von Bert Große
Mit Vorurteilen ist das ja so eine Sache. Natürlich sind wir als aufgeklärte Humanisten strikt dagegen. Vor allem wenn sie dermaßen stereotyp daher kommen, wie auf „Gods of War“, dem neuen Album der umstrittenen Heavy-Metal-Götter von Manowar. Bei Licht betrachtet bieten die vier Amerikaner ein lächerlich veraltetes Image, höchst albernes Gebaren auf der Bühne, furchtbare Klamotten und ein Frauenbild, das so verstaubt ist, dass es nicht einmal mehr „Emma“ empört. Aber trotzdem, „Gods made Heavy Metal“. Manowar sind wieder da – „louder than Hell“.
Manowar? Da war doch mal was. Jedem zwischen 1965 und ´80 Geborenen, überwiegend männlichen Geschlechts, der elektrischen Gitarren, langen Haaren und einem ausreichenden Quantum Alkohol etwas abgewinnen konnte, sind sie irgendwann über den Weg gelaufen. Die vier Amis um Sänger Eric Adams sind schon richtig lange dabei. Seit fast 30 Jahren bringen sie ihre Botschaft unters willige Auditorium: Die selbst ernannten Söhne Odins verkörpern den „True Metal“, natürlich im Unterschied zu den ganzen anderen Posern.
Ihre Cover sehen aus, wie der japanischen Adaption eines grob überzeichneten „Conan der Barbar“ Comics entnommen, Männer mit der Muskulatur eines Jerome le Banner zu besten Zeiten, Frauen in perfekter Porno-Manier und alberne, von mittelalterlichen Ritter-Abenteuern strotzende Texte. Aber trotzdem – die Shows sind ganz großes Kino. So auch auf der letzten „Gods of War“ Tour, die im Frühjahr durch deutsche Hallen führte. Eine Besprechung des dort entstandenen Live-Albums ist also ohne die selig verklärende Erinnerung kaum möglich. Und zum Glück bildet sich Tinitus auch im fortgeschrittenen Alter noch zurück, dauert nur länger.
„Whimps and Posers – Leave the hall“
Es begab sich in einer dunklen, kalten März-Nacht, als sich die Starkstrom-Fraktion der Berliner e-politiker (erfolgreich) daran machte, einen bis dahin gleichermaßen ungläubigen wie unwissenden Anhänger des amerikanischen Sprechgesangs von seinem Irrglauben zu heilen. Manowar sind in der Stadt und die ausgestorben geglaubte Fraktion der Mattenträger kommt zusammen. Die Max-Schmeling-Halle bietet männliche Vorurteile in schönster Pracht und Konzentration: Jeans-Kutten, Nieten am Leder-Beinkleid, zur Schau gestellt vom Typus übergewichtiger Berliner Fliesenleger mit Dauerwelle und Oberlippenbart, martialische T-Shirts und „Engel der Nacht“ in knappem, rotem Leder. Es ist also bereitet.
Nie dagewesen wunderbar auch die Warnung des Veranstalters vor der „anstehenden extremen Lautstärke“, empfindliche Zuhörer mögen doch bitte ihre Karte zurückgeben und die Halle verlassen. Selten so gelacht.
Was folgt sind drei Stunden musikalischer Unterhaltung zwischen Peking-Oper und Jüngstem Gericht. Eric Adams brüllt, kreischt und donnert sich durch die Songs. Joey di Maio, Bassist und heimlicher Anführer, macht seinen Viersaiter zur musikalischen Streitaxt und prügelt sich munter durchs Programm. Drummer Scott Columbus demonstriert, warum bestimmte Bands ein Schlagzeug aus Stahl brauchen (der Legende nach hat er frühere Werkzeuge beim Wüten auf der Bühne zu Klump gehauen). Und alle drei zusammen werden von Gitarrist Carl Logan förmlich an die Wand gespielt. Der Sound ist schlicht infernalisch und der Mob tobt, wenn sich Klassiker wie „Kings of Metal“, „Die for Metal“oder das unsterbliche „Sign of the hammer“ in die Gehörgänge fräsen.
Die Eindrücke beim bemüht objektiven Kritiker schwanken zwischen hemmungsloser Belustigung, etwa wenn „Ronny aus Templin“ – ein lauschiges Städtchen mitten im Nichts der brandenburger Pampa – von Adams persönlich mit Bier getauft und in den Kreis der „truest of the true“ aufgenommen wird, und Begeisterung ob der grandiosen Show. Wenn 8.000 tobende Zuhörer minutenlang ‚„Warriors of the world united“ intonieren, kommt einfach Gänsehaut-Atmosphäre auf. Natürlich dürfen die obligatorischen Stripperinnen nicht fehlen, Feuerspucker und Stroboskop-Gewitter verschönern die Halle. Alle Wissenden, die je ein Manowar-Konzert besuchen durften, wissen, was gemeint ist…
Bei der Vorstellung des eigentlich neuen Albums „Gods of War“ wird es dann ziemlich obskur. Mehr oder minder professionelle halbstündige Filmsequenzen mittelalterlicher Schlachtszenen werden von drei Dutzend schwertkämpfenden Komparsen im Wikinger-Kostüm unterbrochen, die arg an Laienspiel-Theater erinnern. Und auch wenn er es nicht gern hören wird, zwischendurch trällert Adams etwas vom besseren Leben in Walhalla – natürlich an Odins Tafel mit genügend Met und willigen Frauen. Wer will das hören? Und dann der alberne Nachbau einer Wikinger-Barke, natürlich in Flammen. „Ob die noch ganz dicht sind?“, fragen sich offensichtlich große Teile der tapfer Bier bekämpfenden Meute.
„They can’t stop us let them try, for heavy metal we would die”
Kaum zu glauben, aber nach „The sons of odin’’ und „Hell on earth“ sind die vier Jungs, ähem gesetzten Herren mit ihrem neuen Album noch ein Stück schwülstiger geworden. Die zweite CD, ihrer Interpretation des Odin-Kults gewidmet, erinnert an den Herr der Ringe, aber wer’s mag. Es soll ja auch für wahre Fans Momente der inneren Einkehr geben und sicher findet sich die Platte demnächst zuhauf unter der „Schwächlingstanne“, vulgo Christbaum…
Trotzdem, wer Manowar noch nie live gehört hat, sollte das schleunigst nachholen. Spätestens wenn die dunkle Stimme von Orson Welles ankündigt: „Ladies and Gentleman, from the United States of America, all hail Manowar“, ist allerfeinste Unterhaltung garantiert. Zumindest für Jungs. „Other bands play, Manowar kills“. Und wer’s nicht glaubt, muss wohl Bekanntschaft mit meinem Breitschwert machen.
Wer sollte die Platte hören und vor allem wie? Die Antwort ist einfach – natürlich nur „the truest of the true“. Aber wahrscheinlich gehört man als zahlender Käufer automatisch dazu. Überspannten Gutmenschen tun die zwei Stunden politisch völlig unkorrekter Unterhaltung übrigens auch ganz gut.
Und wie? Bass und Lautstärke am Anschlag und genug Bier bei der Hand. Aber das Ritterkostüm kann im Schrank bleiben. In diesem Sinn – ‚Hands high, Fist to the Air, together wie stand against the World. We’re fighting the holy War’. Von Hip Hop war übrigens hinterher keine Rede mehr. Aber trotzdem – gut, dass wir keine 16 mehr sind. War schon ´ne schwere Zeit…
Manowar
Gods of War – Live,
(2007), 2 CD, 16,95 Euro
Weiterführende Links:
The Worlds Greatest Manowar-Collection (und das ist ernst gemeint)
Lesen Sie mehr /e-politik.de/:
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