Liberia zwischen Hoffnung und Zweifel
Liberia hat 15 Jahre Bürgerkrieg, mehr als ein Jahrhundert innerer Konflikte und Unterdrückung hinter sich. Unter Präsidentin Ellen Johnson-Sirleaf wurden erste kleine Schritte Richtung Normalität geschafft. Doch der Weg dorthin ist noch lang. Von Lennart Faix
Seit dem Amtsantritt von Ellen Johnson-Sirleaf im Jahr 2006 keimt neue Hoffnung in Liberia. Die erste Frau, die Regierungsoberhaupt eines afrikanischen Staates wurde, erntet viel Lob und Respekt von der internationalen Gemeinschaft.
Das Vertrauen bei ausländischen Regierungen hat sie sich vor allem mit ihrem harten Vorgehen gegen Korruption und Misswirtschaft erworben. Bundeskanzlerin Angela Merkel machte auf ihrer Afrikareise Anfang Oktober demonstrativ Halt in der Hauptstadt Monrovia und forderte einen vollständigen Schuldenerlass für den westafrikanischen Staat. Das „Land der Freien“ kann jede Unterstützung gebrauchen, denn noch immer sind die zu bewältigenden Aufgaben enorm.
Erste Erfolge trotz schwierigem Start
Die Ausgangslage für Johnson-Sirleaf (Foto links) war denkbar schwierig: Bis ins Jahr 2003 tobte fünfzehn Jahre lang ein furchtbarer Bürgerkrieg in Liberia. Söldnertruppen und Kindersoldaten zogen mordend und plündernd umher, mindestens eine Viertelmillion Menschen kam ums Leben. Zwei von drei Frauen, so inoffizielle Schätzungen, wurden während des Konfliktes vergewaltigt. Wirtschaft und Infrastruktur des Landes waren praktisch nicht mehr vorhanden.
Trotzdem gehe es nun langsam aufwärts, so die Einschätzung des ARD-Korrespondenten im Oktober. 15.000 Blauhelmsoldaten sorgen für Sicherheit, Wirtschaft und Infrastruktur werden langsam wieder aufgebaut. Auf internationaler Ebene konnte die Regierung hauptsächlich mit ihrem Kampf gegen die weit verbreitete Korruption im Land punkten. So wurden beispielsweise alle 300 Beamten des Finanzministeriums wegen Bestechlichkeit entlassen. Erstmals fließen wieder Entwicklungshilfen. Die von der UN verhängten Wirtschaftssanktionen wurden aufgehoben. Exporte sind für das rohstoffreiche Liberia wieder möglich.
Frauen und Bildung
Beim Wiederaufbau setzt Präsidentin Johnson-Sirleaf bewusst auf Liberias Frauen. In ihrem Kabinett gibt es eine Justiz- und eine Finanzministerin – in keinem anderen afrikanischen Land ist der Frauenanteil in der Regierung höher. Auch die Polizei steht unter weiblicher Führung.
„Wir sind ganz zufrieden mit dem, was wir erreicht haben“, zitierte die ARD die Präsidentin während des Merkel-Besuchs. Diese weiß aber auch: „Die Herausforderungen bleiben gewaltig.“ Noch immer sollen bis zu 80 Prozent der Liberianer ohne Arbeit sein. Ausgebildete Handwerker unter 45 Jahren, die dringend zum Wiederaufbau des Landes benötigt würden, sind praktisch nicht vorhanden. Bis zu 90 Prozent der Liberianer sind unter 20 Jahre alt. Eine schulische oder berufliche Ausbildung hat während des Bürgerkrieges kaum einer von ihnen genossen.
Ethnische Zugehörigkeit bestimmte gesellschaftliche Position
Neben dem Aufbau einer funktionierenden Gesellschaft steht die Regierung noch vor einem weiteren Problem. Aus verfeindeten Volksgruppen muss sie wieder ein liberianisches Volk machen. Seit der Gründung des Staates 1847 durch freigelassene Sklaven aus den Vereinigten Staaten von Amerika war die gesellschaftliche Position eines liberianischen Bürgers stets durch seine ethnische Zugehörigkeit bestimmt.
Bereits in der Anfangsphase der liberianischen Geschichte, als die ehemaligen Sklaven aus den USA die politische Elite darstellten, wurde die indigene Bevölkerung größtenteils ausgeschlossen. Wer auch immer an der Macht war, versuchte stets ein Patronagesystem nach ethnischen Kriterien zu etablieren. Die „eigenen Leute“ wurden bevorzugt, der Rest unterdrückt. 160 Jahre organisierter Ungerechtigkeiten haben tiefe Gräben durch die liberianische Bevölkerung gezogen. Johnson-Sirleaf hat deshalb eine Versöhnungskommission eingerichtet. Täter und Opfer aus der Zeit des Bürgerkriegs sollen sich gegenüber stehen, sich gegenseitig ihre Erlebnisse schildern und sich vergeben.
Zweifel an der „eisernen Lady“
Trotz aller Fortschritte ist „Ma Ellen“, wie Johnson-Sirleaf von ihren Anhängern genannt wird, nicht unumstritten. Auch sie war einmal Teil des alten Systems, werfen ihr Kritiker vor. Bereits in den 70er-Jahren war sie eine Zeit lang Ministerin, ihr werden ein unbeugsamer Wille und ein ausgeprägtes Machtbewusstsein attestiert. Manche befürchten daher, sie könne zu allzu einsamen Entscheidungen neigen.
Dass die „eiserne Lady von Liberia“ – auch so wird die Präsidentin oft betitelt – ihr Land im Alleingang aus der Krise führen kann, muss allerdings bezweifelt werden. Nach dem offiziellen Ende des Bürgerkrieges 2003 dauerten die Kämpfe zwischen irregulären Verbänden so genannter warlords vor allem im Norden des Landes an. Auch kurz nach Johnson-Sirleafs Wahlsieg im November 2005 stellte die BBC fest, weite Teile Liberias würden von solchen lokalen Kriegsherren kontrolliert. Inwieweit der Einflussbereich der derzeitigen Regierung über das Gebiet um die Hauptstadt Monrovia hinausreicht, blendet die aktuelle Berichterstattung weitgehend aus. Immerhin garantiert der kostspielige Einsatz von 15.000 UNO-Soldaten ein Minimum an Sicherheit. Doch auch diese Maßnahme greift möglicherweise zu kurz.
Regionale Verstrickungen
In jeden innerliberianischen Konflikt waren stets umliegende Staaten verwickelt. Je nachdem, wer gerade an der Macht war, dienten bestimmte Nachbarländer als Unterstützer der Regierung oder Rückzugsgebiete der Rebellenverbände. Auch diese Länder waren über lange Zeiträume politisch destabil. Kriegswirtschaft und Söldnertruppen ließen sich zu keiner Zeit von nationalen Grenzen aufhalten. In der Gegenrichtung beeinträchtigte Liberias Situation ebenso die seiner Nachbarn.
Auch die Vereinten Nationen haben erkannt, dass das Schicksal Liberias eng mit dem der gesamten westafrikanischen Region verknüpft ist. Die Resolution 1509 aus dem September 2003, die dem derzeitigen Blauhelm-Einsatz zugrunde liegt, erklärt, politische Stabilität in Liberia hänge in großem Maße vom Frieden in Westafrika ab. Die Regierungen der umliegenden Staaten werden zur Zusammenarbeit aufgerufen. Das direkte Engagement der UN beschränkt sich allerdings auf Liberia als einzelnen Staat.
Die Bildrechte liegen bei UN Photo/Evan Schneider (Foto Johnson-Sirleaf), UN Photo/Eric Kanalstein (Foto Elections), UN Photo/Eskinder Debebe (Foto Sicherheitsrat) und sind gemeinfrei (Flagge, Soldat).
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