Kuba – schwer zu packen!
Was nehmen wir mit auf die Insel? Hut und Sonnencreme, Waschlotion und Olivenöl für die Gastgeber, ein Visum als Eintrittskarte und bare Devisen für zwei Wochen, den Traum vom real existierenden Sozialismus, das Idealbild von Che Guevara und tausend Fragen. Quo vadis? – Nach Kuba! Von Nona Schulte-Römer
Am Flughafen werfen die landestypischen Palmen lange, scharf gestochene Schatten auf den Asphalt. Vor dem Geldwechselschalter hat sich eine lange Schlange gebildet. Wir tauschen Euro in konvertible Pesos, dann geht es im Taxi nach Havanna. „Willkommen in der Hauptstadt aller Kubaner!“ steht auf einem Schild am Straßenrand. Wir fahren durch die ehemals prächtigen Straßen, vorbei an ruinösen Kolonialpalästen, und unterhalten uns neugierig mit unserem Taxifahrer: Ob es denn immer genug Benzin gäbe? – Gasolina sei kein Problem. Wir begreifen langsam, dass wir uns besser auf Kubas Widersprüche einlassen, als klare Antworten zu suchen.
Hören und staunen
Auf den ersten Blick wirkt Kuba, wie es auf Bildern nach außen transportiert wird – türkisfarbene Häuserwände, rosa Chevrolets und Zigarrenläden. Wir hören das Loblied auf die Revolution, die verschwindend geringe Analphabetenrate und die kubanische Gesundheitsversorgung. Wir – weiblich, ledig, jung – schlendern durch die Gassen, registrieren die obligatorischen Komplimente oder Anzüglichkeiten und werden von freundlichen Kubanerinnen vor Taschendieben gewarnt. Wir genießen karibische Entspanntheit und Buena-Vista-Klänge. Doch die Sanierungsmaßnahmen in der touristischen Altstadt Havannas können nicht über den Zerfall hinwegtäuschen, der hinter den heruntergekommenen Fassaden regiert.
An den Hauptverkehrsstraßen warten die Einheimischen, um sich noch irgendwie in die überfüllten Busse und Taxis hineinzuzwängen. Ein alter Mann sitzt an eine Mauer gelehnt und döst neben der Fahrbahn. Er war schon gestern da und sieht sehr abgerissen aus. Obdachlosigkeit in Fidel Castros Sozialismus? Die Armut ist offensichtlich, die Einmischung des Staates allgegenwärtig. Castros revolutionärer Siegeszug mag historisch beeindrucken und idealistische Hoffnungen wecken, doch hier ist er zum Zerrbild erstarrt.
Spielgeld statt Schmierseife
Durch die deutsch-deutsche Brille erscheint die Karibikinsel im Retrolook: Glücklich, wer auf Schecks und Kleiderpakete aus Miami hoffen kann. US- statt Westverwandtschaft scheint die kubanische Antwort auf die staatlich verwaltete Mangelwirtschaft. Bohnen, Mehl, Zigarren und Öl werden gegen Vorlage personalisierter Lebensmittelkarten (Bild rechts) über den Ladentisch ausgehändigt. Selbstbedienung, Spülmittel, Wasserflaschen, Papiertaschentücher oder kubanischen Kaffee gibt es nur in „Dollarläden“.
Seit Castro 2004 den US-Dollar des Landes verwies, gilt neben dem kubanischen Peso der konvertible Peso (CUC) als harte Währung. Der festgelegte Wechselkurs orientiert sich am Dollar. Damit entspricht ein CUC etwa 24 Pesos der kubanischen moneda national – dem Stoff aus dem die Löhne sind, die der kubanische Staat an die Genossinnen und Genossen zahlt. Die kubanische Zweiklassengesellschaft unterscheidet somit die Besitzer von CUC und jene, die mit nationalen Pesos auskommen müssen.
Julio arbeitet im Hotel und kann somit wenigstens auf konvertibles Trinkgeld hoffen. Zuzüglich zu seinem Monatsgehalt in nationaler Währung erhält er zehn CUC, „damit er sich Duschlotion und Seife kaufen kann,“ erklärt seine Mutter Eloisa – staatliches Schmiergeld im wörtlichen Sinne. Auf der Straße sprechen uns unbekannte Menschen an und bitten um Kugelschreiber, Kleider- oder Seifenspenden. Das ist kein Klischee – das ist Kuba.
Politisch korrekte Handelsbeziehungen
Auf dem Land erfahren wir mehr zur Geschichte des Seifenmangels: „Als vor zehn Jahren die Wirtschaft zusammenbrach, benutzen wir eine giftige Pflanzenmilch zum Wäsche waschen“, erinnert sich Alfonso. Der Zerfall des Handelspartners Sowjetunion Anfang der 90er Jahre stürzte Kuba in eine tief greifende Versorgungskrise. Inzwischen konnten die schlimmsten Nahrungs- und Energieengpässe der „Spezialperiode“, so die offizielle Bezeichnung, mit lateinamerikanisch vereinten Kräften behoben werden: Um die Hungersnot zu lindern, erlaubte Castro die Einrichtung von Bauernmärkten und das Öl kommt jetzt aus Venezuela. Kuba dankt Hugo Chavez mit Grußbotschaften an Hauswänden und leistet Entwicklungshilfe im Gesundheitsbereich.
Aus ganz Südamerika und Afrika kommen Jugendliche, um in Kuba Medizin zu studieren. „Die Ärzte leisten hier wirklich gute Arbeit“, berichtet eine deutsche Medizinstudentin, „dabei haben sie keine moderne medizinische Technik, müssen blind diagnostizieren oder mit veralteten Geräten und Werkzeugen aus Sowjetzeiten operieren. Und Keimfreiheit kann man vergessen.“ Auf den Patiententoiletten gibt es weder Toillettenpapier noch fließendes Wasser.
Besser Bohnensuppe als Bildung
Der Herzspezialist Alvaro und seine Frau vermieten im Weltkulturerbe-Städtchen Trinidad ein Zimmer an Touristen. Zusammen verdient das Ehepaar nicht einmal 40 CUC im Monat. Wir betrachten die Fotos der beiden Kinder im Flur und die Ernennungsurkunde der Gastgeberin zur Krankenschwester, während sie selbst in der Küche eine köstliche, schwarze Bohnensuppe kocht. Die Suppe finanziert die Ausbildung der Tochter in der Stadt, denn Touristen wie wir zahlen ihr Abendessen in CUC.
Selbst bei voll belegten Betten werden wir in keiner Pension abgewiesen, sondern geschickt und im Handumdrehen an befreundete Vermieter weitergereicht. Ein Plussummenspiel für alle Beteiligten: Die ausländischen Gäste können sich die Suche nach Alternativen ersparen und ihre pesos convertibles bleiben unter Freunden und in der Nachbarschaft.
Von Tourismusgeschäften lässt es sich besser leben als von einer akademischen Ausbildung und staatsdienlicher Arbeit. Drei Damen im Rentenalter verdienen sich etwas dazu, indem sie folkloristisch mit Zigarren und Kopfschmuck für Touristenkameras posieren. Gleich daneben verkauft der Literaturkenner Rolando an seinem Straßenstand gebrauchte Bücher. Früher hat er in Moskau Maschinenbau studiert und spricht darum fließend russisch. Später begegnen wir Pedro und unterhalten uns mit ihm auf Englisch. Pedro ist eigentlich Ingenieur. Da es in diesem Metier gerade keine Arbeit gibt, hat der Staat ihm einen Bauarbeiterjob samt Schubkarre zugeteilt, die er nun gut gelaunt durch Havannas Straßen schiebt.
Siegessicher von Charisma umhüllt
Zwischen den Tabakplantagen im Westen der Insel in dem kleinen Ort Vinales erzählt uns Henri mit leuchtenden Augen jede Revolutionsgeschichte der 50er Jahren, als sei er dabei gewesen – dabei wurde er selbst erst 1963 geboren. Che Guevara ist hier ein wahrer Held, nicht bloß eine Teenager-Ikone. Auch der allgegenwärtige Präsenz Fidel Castros im Einparteienstaat kann Henri nur Positives abgewinnen: „Wenn es brenzlig wird, ist er immer höchstpersönlich bei den Menschen“, egal ob 1961 in der Schweinebucht oder 2003 im Auge des Wirbelsturms Michelle.
Castro hat Kuba 1959 vom Diktator Batista befreit. Darum darf er jetzt bestimmen, wo es lang geht, und die Menschen auf der Insel in einem Zustand der Erstarrung und Unfreiheit festhalten. Das kubanische Staatsfernsehen sorgt für Unterhaltung: stundenlange Propagandareden und Hasstiraden gegen das „Imperium“ USA und die exilkubanische Bedrohung - oder die neusten Hollywoodfilme und american football. Die ideologische Verführungskraft und polizeistaatliche Macht des Commandante ist so groß, dass Menschen eher auf Booten gegen Haie und das offene Meer anschwimmen und Florida erreichen, als Castro die Absolution seiner Geschichte zu rauben und ihn doch noch einmal schuldig zu sprechen.
Die Revolution im Gepäck
„Was kommt nach Fidel?“, löchern wir unsere fröhliche Wirtin in Vinales? „Was soll schon sein? Es geht weiter wie bisher!“ ruft sie sichtlich belustigt über unsere Frage. „Hasta la victoria siempre!“ Wie konnten wir Zweifel haben? So steht es doch an allen Wänden. Der kleine Ort ist übersäht von festgenagelten Parolen und siegessicheren Bannern an Hauswänden und Strommasten. „Revolución“ lesen wir auf einem abgefallenen Holzschild am Straßenrand. Ob wir es mitnehmen dürfen? – „Na klar“, meint eine Passantin.
Nach zwei Wochen nehmen wir Abschied von der Insel. Am Malecón, der berühmten Uferpromenade Havannas, bricht sich das Meer an den Ufermauern, peitscht hoch und ergießt sich über Passanten auf dem Gehweg. Sie lassen es über sich ergehen, sitzen weiter gelassen in der Sonne oder warten geduldig auf einen Bus. Nachts ist der Malecón ein Ort für Musik, Tanz und Liebe. Am Tag lärmen Abgas schleudernde Busse und Taxis vorbei. Eigentlich ist Havannas Uferpromenade eher stark befahren als romantisch. Nach einem letzten Blick auf das Meer in Richtung Miami geht es im Touristentaxi zum Flughafen. Die authentisch revolutionäre Holzplanke aus Vinales kommt selbstverständlich mit – ein Souvenir, ein Stück kubanischer Aufbruch und Gestaltungswille, fast schon Geschichte. Quo vadis Kuba?
Weiterführende Literatur:
Wulffen, Bernd,
Eiszeit in den Tropen. Botschafter bei Fidel Castro,
(2006), Berlin, Ch. Links Verlag,
ISBN 9 783861 534068, 300 S., 19,90 Euro
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Der alte Mann und die Revolution
Die Bildrechte liegen bei der Autorin.
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