Im Sauseschritt durchs Jahrtausend
Als groß angelegte Erzählung präsentiert sich Europas Geschichte in dem neuen Buch Matthias von Hellfelds. Das Werk zeichnet die wechselvolle Vergangenheit des „alten Kontinents“ auf unterhaltsame Weise nach. Von Marcel Böhles
Matthias von Hellfeld präsentiert in seinem neuen Buch, Akte Europa – Geschichte eines Kontinents, die europäische Geschichte als groß angelegte Erzählung. Das Ende letzten Jahres bei dtv erschienene Werk zeichnet die wechselvolle Vergangenheit des „alten Kontinents“ auf unterhaltsame Weise nach. Beginnend am Weihnachtstag anno 800 mit der Kaiserkrönung Karls des Großen bis hin zu Michail Gorbatschows gescheiterter Reform des Sowjetkommunismus breitet der Autor auf knapp 400 Seiten in einem rasanten Schnelldurchgang alle wesentlichen Daten und Entwicklungen der europäischen Historie seit Anbruch des Mittelalters aus.
Großer Bogen über 1000 Jahre Europa
Dass hierbei auf manches Detail und nähere Erklärungen verzichtet werden muss, liegt auf der Hand, doch erhebt das Buch schließlich auch keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Vielmehr geht es dem Autor darum, dem Leser einen lebendigen und möglichst kurzweiligen Überblick zu bieten – ein Vorhaben, das rundherum gelungen ist.
Empfohlen hat sich der 52-jährige Historiker von Hellfeld durch seine langjährige Tätigkeit als Redakteur beim WDR, für den er zahlreiche Rundfunk- und Fernsehbeiträge zu historischen Themen bearbeitete. Entsprechend leicht zugänglich und für jedermann verständlich hält er seine Sprache, mit der er die meist komplizierten Verwicklungen zwischen Kriegs- und Friedenszeiten darlegt. Ein Lob verdient ebenso die übersichtliche und einleuchtende Gliederung des Buches, die es dem Profi wie dem Laien einfach macht, sich sofort zurechtzufinden.
Aufgelockert werden die einzelnen Kapitel darüber hinaus durch kleine Infokästen, in denen der Autor ein Schlaglicht auf bestimmte Ereignisse oder Personen wirft, die für die jeweilige Epoche von besonderer Bedeutung sind. So gelingt es, neben dem chronologisch gehaltenen Erzählfluss auch einmal Schlaglichter auf wichtige Biographien und Nebenschauplätze europäischer Geschichte zu werfen, so z. B. die Landung der Pilgrim Fathers 1620 oder die erst lange nach Kriegsende bekannt gewordene Wannsee-Konferenz von 1942 zur „Endlösung“ der Judenfrage.
Fließende Übergange und große Zäsuren
Erfreulich gelungen sind auch die Übergänge der einzelnen Großkapitel untereinander: Durch einen halbfertigen Satz im Kapitel zuvor spannt von Hellfeld eine Überleitung zum nächsten, wo er den Satz sinngemäß vollendet. Dadurch baut der Autor nicht nur eine elegante Brücke zum Weiterlesen, sondern schafft es damit ebenfalls, die Kontinuitäten und Brüche innerhalb der europäischen Geschichte gleichermaßen herauszuarbeiten. So endet zum Beispiel das Kapitel über den Zerfall des römisch-deutschen Reiches unter dem Ansturm Napoleons mit der neugierig machenden Bemerkung: „Während Frankreich seine europäische Vormachtstellung festigen kann, erblickt weiter im Osten des Kontinents…“, um anschließend mit der Vollendung des Satzes „ein neuer Staat das Licht der Welt“ zum preußisch-österreichischen Dualismus überzuleiten.
Von „dunklen Zeiten“ zu „neuen Ufern“
Prägend für das Buch sind griffige, einprägsame Wertungen und Labels, die der Autor den Epochen gibt, wenn diese vereinzelt auch etwas überspitzt erscheinen. Die spätmittelalterliche Ära zwischen 1316 und dem Beginn der Neuzeit um 1500 kollektiv als „dunkle Zeiten“ zu titulieren, gleichzeitig aber das Aufkommen der Renaissance innerhalb dieser Epoche schon als „Perestroika des Mittelalters“ zu bezeichnen, ist nicht ganz unproblematisch, aber legitim für ein Überblickswerk dieser Art.
Die Neuzeit bildet trotz des umfassenden Anspruchs den inhaltlichen Schwerpunkt des Buches: Während die sieben Jahrhunderte Mittelalter von Karl dem Großen bis zum Anbruch der Reformation 100 Seiten einnehmen, reserviert von Hellfeld für die Zeit von Martin Luther bis 1914 knapp 270. Hier liegen auch die Stärken des Autors, der die große Ereignisgeschichte jener Zeit (Glaubenskriege, Französische Revolution, Wiener Kongress etc.) sehr behutsam mit den langfristigen ideen- und strukturgeschichtlichen Phänomenen (Absolutismus, Industrielle Revolution, Nationalismus usw.) verwebt und in diese einbettet.
Vom Karolingerreich zur EWG – der Kreis schließt sich
Einziger klarer Kritikpunkt an Akte Europa ist allenfalls die etwas dürftige Illustration mit Kartenmaterial, denn gerade einmal zwei Karten verdeutlichen das ganze Geschehen. Bezeichnend aber ist, dass diese beiden ausgerechnet den Stand um 800 einerseits und die Gegenwart andererseits veranschaulichen.
Von Hellfeld ist nämlich darum bemüht, einen historischen Bogen vom Reich Karls des Großen bis zu den sechs Gründungsstaaten der EU zu zeichnen; beide Gebilde umfassten immerhin das fast identische Territorium. Das Buch jedenfalls wirkt durchdacht und intelligent geschrieben. In seiner Konzeption ist es vor allem Schülern der Oberstufe oder Studienanfängern zu empfehlen, die sich ein fundiertes Überblickswissen aneignen wollen – und dies auf unterhaltsame Art und Weise.
von Hellfeld, Matthias,
Akte Europa, Geschichte eines Kontinents,
(2006), München, dtv,
420 S, ISBN 978-3-423-24554-8, 16,50 Euro
Lesen Sie mehr bei /e-politik.de/:
Die Bildrechte liegen beim dtv-Verlag.
Optionen: »Im Sauseschritt durchs Jahrtausend« bewerten | Artikel drucken | Artikel per E-Mail versenden
Artikel in sozialen Netzwerken teilen:


