Ideologische Horizonte abstecken
In seinem aktuellen Buch wendet sich Wolfgang Benz den Diskursen über das Gewaltgeschehen des 20.Jahrhunderts zu. Sie sollen darüber Aufschluss geben, wie Ausgrenzung, Vertreibung und Völkermord gerade in diesem Zeitalter möglich wurden. Er vergleicht, kritisiert und appelliert. Von Samuel Müller
Ausgrenzung, Vertreibung, Völkermord. Genozid im 20. Jahrhundert, lautet der Titel des aktuellen Buchs von Wolfgang Benz. In kurzen Aufsätzen schreitet der Berliner Historiker darin die Gräueltaten des vergangenen Jahrhunderts chronologisch ab.
Dabei geht es Benz weniger darum, die jeweilige Ereignisgeschichte der Gewalthandlungen zu beschreiben. Stattdessen möchte er das „Reden und Schreiben über Katastrophen der Bevölkerungspolitik“ beleuchten. Denn diese Diskurse geben über die Entwicklungsmöglichkeiten von Kultur und Zivilisation sowie über das Demokratiepotenzial verschiedener Gesellschaften Aufschluss, so Benz.
Ausschnitthaft und doch übergreifend
Eine Besonderheit des Buches besteht darin, dass sich Benz auch den weniger bekannten Gewaltszenarien des letzten Jahrhunderts zuwendet. So diskutiert er unter anderem die Judenverfolgung in Russland um die Wende vom 19. zum 20.Jahrhundert und geht auf den Völkermord an Sinti und Roma während des Zweiten Weltkriegs ein.
Hinsichtlich des Holocaust fokussiert er die Ideologie des Antijudaismus und Antisemitismus. Zudem hebt er die Vertreibung der Juden aus Deutschland unter dem Aspekt der restriktiven Einwanderungspolitik im britischen Mandatsgebiet Palästina hervor.
Die Zwangsmigration von Volksdeutschen während und nach dem Zweiten Weltkrieg wird von Benz ebenfalls thematisiert. Die Vertreibung der Deutschen aus Ostmitteleuropa war kein Genozid, wie Benz deutlich macht. Nichtsdestoweniger sei es berechtigt, diese „traurigen Ereignisse der Nachkriegszeit“ aufzuarbeiten. Unredlich sei es hingegen, sie in die Nähe des Holocaust zu rücken. Ein Zentrum gegen Vertreibung zu errichten sei der Versuch, Unvergleichbares gleichzusetzen, wobei Ursachen gegenüber ihren Wirkungen verschwiegen werden.
Der ideologische Kontext
Seinem vorangestellten Anspruch, jenes „Reden und Schreiben über Katastrophen“ als Kontext für das Gewaltgeschehen auszulegen, wird der Autor insbesondere in seinen Abhandlungen zur Vernichtung der Hereros - als „erste(n) Völkermord des 20. Jahrhunderts“ – sowie zu den Armeniern gerecht.
In Deutsch-Südwestafrika wurden tausende Hereros – Männer, Frauen und Kinder – im August 1904 nach einem blutigen Kolonialkrieg in die wasserlose Omaheke-Wüste getrieben. Sie verdursteten, nachdem ihnen die kaiserlichen Schutztruppen der Kolonie den Rückweg abgeschnitten hatten. Benz schreibt in diesem Zusammenhang von 80.000 Opfern: dies bedeutete die Ausrottung fast des gesamten Volks.
Der Autor richtet sein Augenmerk hierbei ausführlich auf die Kolonialliteratur, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Deutschland der „Einübung genozidalen Denkens“ diente. Gustav Frenssens Roman Peter Moors Fahrt nach Südwest oder Veröffentlichungen Adda von Liliencrons wurden zu Bestsellern, in denen Rassismus selbstverständlich und selbstgerecht propagiert wurde.
Die Rhetorik in Dichtung, Presse und Öffentlichkeit schuf und untermauerte die Überzeugung, „dass Menschen auf Grund ethnischer, zivilisatorischer oder kultureller Unterschiede als Kollektiv vernichtet werden dürfen, wenn sie Unterordnung, Ausbeutung, Versklavung (praktiziert unter beliebigem ideologischen Anspruch) verweigern“. Im „genozidalen Denken“, so Benz, liegt eine der Kontinuitäten des 20.Jahrhunderts, die in der bisherigen Forschung noch kaum zur Kenntnis genommen wurde.
„Nimm Deine Fahne, komm nach Berlin“
Einen ebenfalls aufschlussreichen diskursiven Kontext bildet die aktuelle, immer wieder aufflammende Debatte um den Völkermord an den Armeniern. Auch hier wendet sich Benz weniger den Ereignissen von 1915 zu, als mehr als eine Million Armenier im Osmanischen Reich den Tod durch Massaker und Deportationen fanden. Stattdessen beschreibt er das Spannungsfeld zwischen Negation und Anerkennung des Verbrechens innerhalb heutiger politischer Auseinandersetzungen.
Neben der strikten Nichtanerkennung der Fakten durch die türkische Regierung weist Benz auch auf die deutsche Bundesregierung hin, die es nicht vermochte, eindeutig Stellung zu beziehen. In einer Resolution vom 21. April 2005 heißt es lediglich, dass zahlreiche unabhängige Historiker die Ereignisse als Völkermord bezeichnen würden.
Dabei gibt es in Deutschland keinen Grund zur Selbstgerechtigkeit, wie Benz feststellt. Denn die kaiserliche deutsche Regierung, die im Ersten Weltkrieg mit dem Osmanischen Reich verbündet war, ordnete das Wissen um die Gräueltaten den strategischen Interessen nach und verhängte strenge Sprachregelungen für Journalisten, anstatt den Bündnispartner in die Schranken zu weisen.
„Gedächtnisverlust und Realitätsverweigerung“ spiegeln sich nach Benz auch in den nationalistischen Aufwallungen türkischer Vereinigungen in Deutschland wider. So wurde im März 2006 zu Kundgebungen zum Todestag Talaat Paschas aufgerufen. Talaat war unter anderem hauptverantwortlich für den Genozid und fiel im März 1921 in Berlin einem armenischen Attentat zum Opfer. „Nimm Deine Fahne, komm nach Berlin“ lautete das nationalistische Credo. Die Proteste, die schlussendlich nur sehr klein ausfielen, sollten sich beispielsweise gegen die Aufnahme der „Massaker-Lüge“ in deutschen Schulbüchern richten.
Normativ reflektiert
Benz bezieht in seinen Aufsätzen eindeutig Position gegen das Vergessen und die Negation, aber für die Aufarbeitung und Anerkennung von Leid und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Sein somit normativer Ansatz lässt dabei jedoch keine Gegendarstellungen oder Reizthemen aus, wie beispielsweise die Diskussion über Zwangsmigration und Vertreibung der Deutschen im Zuge des Zweiten Weltkriegs zeigt.
Angesichts des Themas ist es nachvollziehbar, dass der Wissenschaftler immer wieder die eigene Meinung durchblicken lässt und Gegenstimmen auch hin und wieder „Gedächtnisverlust“ vorwirft. Denn schon in dem Moment, in dem man sich für den Begriff Genozid entscheidet, ist letztlich die normative Aussage enthalten, dass es Täter gibt, die es zu verurteilen, und Opfer, deren Leid es anzuerkennen gilt.
Zudem ist eine rein wissenschaftliche Debatte um Genozid, in der sich ein jeder Forscher selbstredend kühle „Objektivität“ zuspricht, äußerst schwierig, da zumeist heftige politische Kontroversen daran anknüpfen – getragen von kollektiven Emotionen. Benz’ sorgfältig belegte Argumentation erscheint somit als berechtigt.
Da es sich um eine Sammlung eigener Aufsätze handelt, präsentiert sich der theoretische Rahmen jedoch nur unvollständig. Dass beispielsweise die Genoziddefinition der Vereinten Nationen den Aufsätzen zu Grunde liegen soll, offenbart sich erst im letzten Kapitel, andere Definitionen der vergleichenden Genozidforschung werden nicht diskutiert. Auch den Begriff der ethnischen Säuberung, den Benz kritisiert und stets in Anführungszeichen setzt, oder Begriffe wie Massaker oder Pogrom werden nur im Zuge der einzelnen Abhandlungen erklärt, jedoch nicht in eine zentrale Theorie eingebunden.
Dennoch ist der kurze Band aufschlussreich. Die Fokussierung auf die Diskurse, in denen sich die Kehrseite der „zivilisierten Gesellschaft“ des 20. Jahrhunderts offenbart, macht das Buch zu einem innovativen Beitrag der Genozidforschung. Hier werden Hintergrundinformationen und historische Randthemen in den Vordergrund gerückt, die bisherige Forschungsergebnisse ergänzen und erweitern. In seiner verständlichen Sprache ist das Buch allen Interessierten zu empfehlen.
Benz, Wolfgang,
Ausgrenzung, Vertreibung, Völkermord. Genozid im 20. Jahrhundert,
(2006) München, Deutscher Taschenbuch Verlag,
192 S., ISBN 978-3-423-34370-1, 10,00 Euro
Die Bildrechte liegen beim Deutschen Taschenbuch Verlag. Der Verlag im Internet.
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