Grenzerfahrung in Thailand
Thailand – traumhaft und verführerisch, billig, bequem und dennoch exotisch. In Mae Sot nahe der Grenze zu Myanmar-Burma ermöglichen Flüchtlinge und Hilfsorganisationen weit mehr als einen Urlaubstraum: Bildung für burmesische Kinder. Von Nona Schulte-Römer
An Thailands nordwestlicher Grenze zu Myanmar fernab des Massentourismus brennen nicht nur die Wälder. Unter der Militärregierung des State Peace and Development Council (SPDC) schwelt im unwegsamen Grenzgebiet ein Guerillakrieg, der immer wieder aufflackert. Reiseführer warnen Backpacker vor grenznahen Gewehrsalven im Dschungel und Übergriffen auf Touristen. Seit Mitte der 90er-Jahre geben Waffenstillstandsvereinbarungen zwischen SPDC und den Armeen der in Myanmar unterdrückten Bergvölker Grund zur Hoffnung.
Triftige Gründe zu flüchten gibt es jedoch für ethnische Gruppen wie Karen, Arakanesen, Mon, Pa-O, Lahu oder Kachin noch immer, denn das SPDC tritt ihre Menschenrechte mit Füßen. Arbeitslosigkeit, Zerstörung von Lebensraum und Nahrungsgrundlagen, Krankheit und Verfolgung sind dabei nur abstrakte Begriffe, die für Einzelschicksale mehrerer hunderttausend Vertriebener in Burma und Thailand stehen. Ihr Festhalten am Namen “Burma” kommt einer politischen Stellungnahme gleich, nachdem das SPDC ihr Heimatland 1989 offiziell in “Union of Myanmar” umbenannte.
Stadt der Flüchtlinge, Waisen, Volontäre und Hilfsorganisationen
Auf dem Weg in die grenznahe Stadt Mae Sot kontrollieren Thai-Militärs die Ausweise der einheimischen Bevölkerung, Reisende aus dem Westen werden nicht behelligt. Achtzig Prozent der Bevölkerung Mae Sots sind burmesischer Herkunft, viele von ihnen illegal.
Gleich neben dem Abschiebegefängnis für burmesische Flüchtlinge haben internationale Volontäre im “Green House” Gästehaus langfristig Zimmer bezogen. Mae Sot sei ein seltsamer, von Menschenrechtlern bevölkerter Ort, bemerkt ein Engländer, der selbst Montag bis Freitag im 40 km entfernten Flüchtlingslager lebt und arbeitet.
Zahlreiche Nichtregierungsorganisationen engagieren sich für die medizinische und schulische Grundversorgung inner- und außerhalb der Flüchtlingslager im Grenzgebiet. In Mae Sot kümmern sich Organisationen wie Social Action for Women (SAW) in Bildungseinrichtungen, Aids-Krankenstationen und Waisenhäusern um die Kinder burmesischer Frauen.
Illegale Bildung für Burma
Einrichtungen wie die “Boarding Highschool for Orphans and Helpless”, kurz BHSOH, ermöglichen Jugendlichen, die den verfolgten burmesischen Volksgruppen angehören, eine weiterführende Schulbildung. Als Schulleiter übernimmt Khaing Oo Muang
Verantwortung für die Zukunftschancen von 180 Schützlingen. Seit der Lehrer arkanesischer Abstammung erlebte, wie die burmesische Militärregierung seit 1962 immer wieder friedliche Demonstrationen blutig niederschlug, haben ihn weder Flucht noch Folter von seinem Einsatz für die Demokratie und Menschenrechte Burmas in Myanmar abbringen können.
Die BHSOH wurde 1993 im Dschungel ins Leben gerufene. Auf der Flucht vor Gewalt und Verfolgung mussten Schüler- und Lehrerschaft seitdem mehrmals umgesiedelt werden. 1999 zog die illegale Internats- und Bildungseinrichtung ins thailändischen Mae Pa, nahe Mae Sot, wo sie durch das Bildungskomitee burmesischer MigrantInnen (BMWEC) vertreten und von Thailands Regierung toleriert wird.
Grenzüberschreitende Zukunftsvision
In drei provisorisch eingerichteten Holzhütten, durch Stoffvorhänge voneinander getrennt, folgen die Kinder und Jugendlichen auf dem Boden sitzend dem Unterricht. Viele kommen aus Flüchtlingsfamilien in der Umgebung. Fast Vierzig elternlose Mädchen und Jungen leben auch nach Schulschluss noch auf dem beengten Schulgelände.
Ihr Ersatzvater und Schulleiter Khaing Oo Muang motiviert sie nicht nur zu Universitätsbesuch und hoch qualifizierten Jobs, sondern vermittelt ihnen auch seine Hoffnung auf Demokratie in Burma. Er weiß, und erfolgreiche Ehemalige beweisen es: “Wenn meine Schülerinnen und Schüler Englisch, Thai und hoffentlich auch bald den Umgang mit dem Computer lernen, haben sie hervorragende Aussichten auf gut bezahlte Arbeit in Thailand oder sogar im Ausland.”
Hindernisse – banal und frustrierend
Im Falle der BHSOH reichen Stiftungszahlungen und eingetriebene Spendengelder gerade aus, um die Kosten für Verpflegung, Schulbus, Löhne für zwölf Lehrer und Medikamente zu decken. Jede Unterstützung durch ehrenamtliche Lehrtätigkeit oder Spenden wird daher dankbar angenommen.
Aktuell fehlen die finanziellen Mittel, um zwei Computer für die geplanten Ferienkurse im April anzuschaffen. Die dazu benötigten 500 € zahlt jeder europäische Thailandtourist ohne mit der Wimper zu zucken für seinen Flug. Auch Nähmaschinen für den Handarbeitsunterricht und Schuluniformen sind bei dem knappen Budget nicht drin. Dabei würde die hierzulande oftmals umstrittene Einheitskleidung die illegal in Thailand lebenden Kindern vor Militär und Polizei schützen, sie nämlich als Schülerinnen und Schüler einer anerkannten Bildungseinrichtung kenntlich machen.
Touristische Grenzerfahrung
In einem Schüleressay über die touristischen Attraktionen der Region ist die Rede von Wasserfällen und Adventure Rafting, Dschungeltouren und dem guten Klima der Provinz, aber auch von der “Freundschaftsbrücke”: “Die Brücke fördert die Kommunikation zwischen Thais und Burmesen. Deshalb besuchen Touristen die Brücke zum Fotos machen.” Manche kaufen sich am Grenzübergang für ein paar Dollar ein Tagesvisum für die andere Seite – ein Spaziergang, wenn man den richtigen Pass besitzt.
In Mae Sot und Umgebung, wo Freiwillige aus Europa Hand in Hand zusammen arbeiten mit Einheimischen und Flüchtlingen, sieht und spürt man Thailands politische Grenzen aber auch seine humanitären Möglichkeiten ganz deutlich. Den Abstecher an die schattendunklen Ränder eines strahlenden, gastfreundlichen Landes ist die Reise allein schon deshalb wert, weil hier Urlaubstraum und Realität aufeinander treffen.
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