Globalisierung – eine Schimäre?

18. Mai 2007 | von | Kategorie: Politisches Buch

Buchcover_Cohen_zur_Rezension_von_Kranich.jpgIn unseren Köpfen geht seit geraumer Zeit ein unbestimmter, vielschichtiger Begriff um: Globalisierung. Welch polarisierende Kraft er entfaltet, werden wir spätestens im Juni dieses Jahres beim G8-Gipfel in Heiligendamm beobachten können. Daniel Cohens Buch kann bei der eigenen Standpunktsuche hilfreich sein. Von Karin Kranich

Globalisierung als politische Herausforderung nennt die Europäische Verlagsanstalt das 2006 erschienene Buch von Daniel Cohen. Er ist als Professor für Wirtschaftswissenschaften in Paris auch Mitglied eines Wirtschaftsbeirats des französischen Premierministers Jospin. Das 2004 in Frankreich herausgekommene Original ist betitelt: La Mondialisation et ses ennemis – somit deutlich konkfliktbetonter akzentuiert.

Daraus entstehen verschiedene Erwartungen für die Lektüre: Wie beschreibt Cohen Globalisierung, wen sieht er als ihre Feinde, welche Denkanstöße und Handlungsimpulse ergeben sich für eine global ausgerichtete Politik?

Globalisierung – kein neues Phänomen

Vor unserer aktuellen Globalisierung macht Cohen zwei weitere Globalisierungswellen in der Geschichte aus: Da sind zum einen die Spanier vor 500 Jahren, die Südamerika entdeckten und eroberten, zum anderen die englische Kaufmannschaft im 19.Jahrhundert mit der Gründung der Kolonien, die bei Cohen „Partnerländer” genannt werden. Wirtschaftsgeschichtlich betrachtet, meint der Verfasser, sei es entgegen damaliger Annahmen nicht möglich geworden, den „großen Reichtum Großbritanniens (….), den englischen Wealth „common” zu machen.” Er sieht hierin eine Parallele zur heutigen Globalisierung und beschreibt anhand von Beispielen, wie Gesellschaften untergehen, die einer höher entwickelten Kultur und Technologie nichts entgegen zu setzen haben.

Globalisierung scheint für Cohen ein wirtschaftlicher Entwicklungsprozess hin zu mehr materiellem Reichtum zu sein. Er stellt fest, dass sich Menschen aufgrund moderner Kommunikationsmittel nach der Globalisierung sehnen. Die Armen sehen auf ihren Fernsehern zwar auch Berichte über die eigene Not, wünschen sich aber dringend den ebenso auf den Bildschirmen erblickten Wohlstand der Industriestaaten. Allerdings liegt der unter den heutigen weltökonomischen Bedingungen noch in weiter Ferne, so der Autor.

Wovor denn Angst haben?

Erstaunlich findet Cohen, dass in den wohlhabenden Industrieländern die Globalisierung als Bedrohung wahrgenommen wird – „eine Vorstellung, die wahrscheinlich nur eine Einbildung ist.” Auch fragt er sich, „warum sich die Globalisierung heute dermaßen in den Köpfen der Menschen festgesetzt hat.” Der Welthandel wirkt sich nämlich seiner Meinung nach nur wenig auf die Arbeitsplätze der Industrieländer aus. Sie haben sich inzwischen zu Dienstleistungsgesellschaften gewandelt, 80% der Arbeitsplätze liegen in diesem Bereich. Der Welthandel erfasst jedoch 80% der Industrie- und Landwirtschaftsprodukte.

Wer sind nun nach Cohens Meinung die Feinde der Globalisierung? Er macht zwei Gruppen aus: die Mullahs, die zum „Kampf der Kulturen” aufrufen, indem sie westliche Werte verwerfen. Die anderen Gegner sind die „Fundamentalfeinde jeder Form des Kapitals”, die zum globalisierten Klassenkampf aufrufen. Sie alle, so Cohen, täuschen sich, wenn sie meinen, die Globalisierung wolle den Völkern ein Modell aufzwingen, das sie selbst ablehnen.

Um solche strittigen Fragen zu klären, bietet er entsprechend seiner Profession politische und volkswirtschaftliche Analysen bezüglich Indien, Japan und China. Er verknüpft sie stets mit den historischen Entwicklungsverläufen. Solcherart blickt er auch auf die muslimischen Staaten und das wirtschaftliche Fiasko der vom Kolonialismus unabhängig gewordenen afrikanischen Entwicklungsländer. Ghana und Tansania rücken dabei in den Focus.

Zündstoff nicht auszuschließen

Cohen diskutiert New Economy und Alte Ökonomie – atypische Kostenkomponente versus Materialwert des Produkts, spart Themen wie die globale Bevölkerungsentwicklung und die Rolle der USA im Verhältnis zu Europa nicht aus: Globalisierung zeigt ein facettenreiches Gesicht.

Auf den letzten zwanzig Seiten liest man schließlich von globalen Krisen, die durch internationalen Kapitalfluss verursacht werden. Der Internationale Währungsfonds wird zitiert, der von destabilisierten Volkswirtschaften armer Länder durch „unkontrollierten Zu- und Abfluss globaler Finanzströme” spricht. Gegenüber der Tobin-Steuer bemerkt Cohen kritisch, dass ihr Nutzen wirtschaftswissenschaftlich nicht erwiesen sei, vielmehr könnte sie ein Alibi für geleistete Entwicklungshilfe der Industrieländer sein.

Schließlich mahnt er an, dass im zwischenstaatlichen Bereich noch kein internationales Konkursmanagement bestehe. Er gibt zu, dass ein Entwicklungsland, das einmal in der Schuldenfalle sitzt, vollständig von den internationalen Geldgebern abhängig bleibt.

Und die politische Herausforderung?

Ohne jegliche Kontrolle agieren bis jetzt WHO (Weltgesundheitsorganisation), IMF (Internationaler Währungsfonds), WTO (Welthandelsorganisation) und Weltbank. Sie arbeiten völlig unabhängig voneinander, nur ihren eigenen Gesetzen verpflichtet. Cohen appelliert: Schaffen wir eine gerechte internationale Ordnung! Schaffen wir eine Institution, die Garant sein kann für rechtmäßiges Handeln in den internationalen Beziehungen! Aber er fragt auch: Wer richtet Institutionen ein, die von Privatkapital unabhängig sind, wo sind Menschen, die eine echte Weltöffentlichkeit herzustellen in der Lage sind?

Cohen schreibt anschaulich und abwechslungsreich mit vielen konkreten Beispielen. Seine Stellungnahmen und Fragestellungen sind manchmal verblüffend, manchmal verwirrend. Er entspricht offensichtlich seiner eigenen Maxime, vereinfachende und eingleisige Argumentationen abzulehnen. Sie würden dem komplizierten Prozess der Globalisierung nicht gerecht. An seinem Stil offenbart sich jedoch der eher vorsichtige, nirgends anecken wollende Zeitgenosse, der Konzernen und Mächtigen in Politik und Wirtschaft nicht zu nahe treten will. Trotzdem kommt er schlussendlich nicht umhin, Stellung zu beziehen angesichts verhungernder Kinder und Kranker, die zum Sterben verurteilt sind, weil sie die helfende Medikamente nicht bezahlen können.

Ein differenziert gegliedertes Inhaltverzeichnis erhellt die sieben Kapitel des 211seitigen Buchs, dem allerdings ein Personen- und Sachverzeichnis fehlt.Politisch Interessierte fordert die Lektüre des Bandes dazu heraus, Globalisierung unter sehr verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten, Verunsicherungen auszuhalten und sich bezüglich der Fakten neu kundig zu machen.

 


Cohen, Daniel,

Globalisierung als politische Herausforderung,

(2006), Europäische Verlagsanstalt,

211 Seiten, Broschur

ISBN: 3-434-50603-9

EUR 19,80 

 


Die Bildrechte liegen bei der Europäischen Verlagsanstalt.


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