Gewieft und erfolgreich

12. Sep 2007 | von freier Autor | Kategorie: Politisches Buch

Cover_Biermann.jpgDer Münchener Flughafen trägt seinen Namen. Er war auf einer 2-DM-Münze abgebildet. Auch sein Kürzel FJS ist vielen bekannt. Franz Josef Strauß wurde gleichermaßen verehrt wie gehasst. Werner Biermann stellt sein Leben spannend dar. Von Wolfgang Mehlhausen

Es war einmal… – eine Bundesrepublik, die 1949 gegründet wurde und eine klare Parteilandschaft hatte, in der es keine „neue Mitte“ gab. Einige Parteien sind lange vergessen, aber rechts war rechts, das war die CDU, und links war die SPD, die einst eine Arbeiterpartei war und dann zur „Partei der kleinen Leute“ wurde. Ganz links war DDR- und Moskautreu die KPD, doch sie wurde bald verboten. Die FDP war anfangs ganz rechts und rückte dann in die Mitte, durch die Fünfprozent-Hürde immer vom Untergang bedroht und immer mit viel mehr Einfluss, als die paar Prozent Stimmen ihr hätten verleihen dürfen. Im Freistaat Bayern gab es keine CDU, sondern die CSU. Und in München wurde 1915 ein Metzgersohn namens Franz Josef Strauß geboren, der 1962 Vorsitzender der CSU werden sollte und gern noch mehr geworden wäre: Bundeskanzler. Doch das wollten die Deutschen nicht und so blieb er dann „Bayerischer Herrscher“ bis zu seinem Lebensende.

Der „Franz“ machte eine märchenhafte Karriere in der Bundesrepublik. Die Biographie Strauß – Aufstieg und Fall einer Familie von Werner Biermann beschreibt das Leben jenes Mannes, der aus kleinen Verhältnissen kam und sich hocharbeitete. Wer bereits andere Biographien und Die Erinnerungen von Strauß kennt, wird feststellen, dass bei der Lektüre dieses neuen Werkes scheinbar wieder „entlastendes“ über FJS zutage kommt.

Strauß – der ideale Gegner

Das politische System der Adenauerzeit mit muffigen Moralvorstellungen und heute kaum vorstellbaren Straftatbeständen, so für Ehebruch, homosexuelle Handlungen und Kuppelei war einfach gestrickt. Rechts bekämpfte links und links kämpfte gegen rechts, dabei waren die Mittel häufig nicht fein. Schlammschlachten und Rededuelle im Parlament gipfelten nicht selten in persönlichen Beleidgungen.

Im Kalten Krieg schoss man mit Lügen, Gerüchten und auch Wahrheiten von Ost nach West und zurück. Die ganz unterschiedliche Einstellung der beiden Systeme in Ost und West in Bezug auf die Nazizeit trennte die Gemüter. Mit der Eingliederung der alten Nazis, auch Verbrechern und der Übernahme fragwürdiger Persönlichkeiten in hohe und höchste politische Ämter machte sich die junge Demokratie angreifbar, von links und vom Osten.

Der Autor zeigt sehr genau, dass die Familie Strauß nichts mit den Nazis zu tun haben wollte, auch wenn sie keine „Widerstandskämpfer“ waren. FJS wurde jedoch von der DDR geschickt verleumdet, so dass viele Ältere heute noch glauben, er war NS-Führungsoffizier.

Nach Biermann (und weiteren Autoren) soll er während des Krieges zum „Offizier für wehrgeistige Führung“ an der Flak-Schule im oberbayerischen Altenstadt benannt worden sein, eben weil man eben keinen Nazi in dieser Funktion wollte. Werner Biermann verweist auf die Karriere, die kluge junge Leute bei den Nationalsozialisten machen konnten, auch wenn sie sich nicht politisch engagierten. Strauß machte ein hervorragendes Abitur, das beste in Bayern. Er studierte und wurde zur Wehrmacht eingezogen. Während der Militärzeit konnte er weitere Examen ablegen und wurde bald auch Offizier, so wie Helmut Schmidt und andere. Von der Universität wurde Strauß zunächst abgelehnt, weil er keiner Naziorganisation angehörte. Er trat dem NSKK, dem Nationalsozialistischen Kraftfahrerkorps bei, das vergleichsweise harmlos war.

Doch selbst bei Wikipedia steht heute wieder „NS-Führungsoffizier“, was nach dem 20. Juni 1944 eine Art „Nazi-Politoffizier“ war. Strauß mag man „Rechten“ nennen, aber er war nie Nazi und lehnte diese konsequent ab.

Der scheinbar unaufhaltsame Aufstieg des FJS

Die politische Karriere begann als Kommunalpolitiker. 1945 wurde er Landrat in Schongau, 1949 in den ersten Deutschen Bundestag gewählt und bereits 1953 Minister unter Kanzler Konrad Adenauer. Allerdings „für besondere Aufgaben“, was bedeutete: Eine Aufgabe hatte er eigentlich nicht. Er sollte ruhig gestellt werden. Das ärgerte Strauß, der dann sehr schnell Minister für Atomfragen (1955) wurde, seine Intelligenz und sein Selbstvertrauen führten dazu, dass er dieses Amt mit Leben ausfüllte. Er wünschte die Atombombe für die Bundeswehr. Sein Traumziel war Verteidigungsminister, doch dagegen sträubte sich Adenauer.

Schließlich erreichte er auch dieses Ziel und stürzte 1962 über die Spiegel-Affäre. Der Verleger Rudolf Augstein war schon lange sein Intimfeind, doch irgendwann schlossen sie Frieden und Augstein blätterte eine Million DM für die Memoiren hin. Schon vor der Spiegel-Affäre gab es viele Affären und Skandale, doch auch wenn der „Geruch der Korruption“ an ihm haftete, bewiesen wurde nichts. Die Spiegel-Affäre hingegen bereitete seinen ehrgeizigen Plänen erstmal ein Ende. Der Rechtsstaat hatte gesiegt und der Spiegel wurde zu einer moralischen Instanz in Deutschland.

Persönliches und Politisches

Der Leser erfährt neben bekannten Dingen auch Pikantes, so dass FJS als älterer Herr noch kurzzeitig ein Schulmädchen zur Freundin hatte. Neu ist die Geschichte nicht, doch fast vergessen. Dass ein gestandener katholischer Minister mit drei Kindern und netter Frau eine Abiturientin zur Freundin hatte, der er einen alten VW zum Abi schenkte, das verschlug den prüden Westdeutschen beider Konfessionen den Atem. Als FJS in New York ausgeraubt wurde, so waren gleich wieder „Mädchen“ im Spiel und die wildesten Gerüchte. Dass er während der ersten Großen Koalition (1966 – 1969) zu den erfolgreichsten Finanzministern der Republik gehörte, erschien nicht so spektakulär und geriet in Vergessenheit.

Strauß war immer wieder für Überraschungen gut. Als alle Welt mit Südafrika nichts zu tun haben wollte, fuhr er dorthin. Dass er sich für Nelson Mandela einsetzte, erfuhr man erst viel später. Dass der Mann, der sein Leben lang den Antikommunismus zu seinem Hauptziel erklärte, laufend die DDR und deren selbsternannte Elite besuchte, verwunderte echte Linke wie eingefleischte Rechte. Und dass es da auch immer um Geld und Geschäfte ging, erklärt vieles.

Eine politische Bilanz

Die Biografie von Biermann ist eine „gerechte Abrechnung“ mit Strauß und seiner Zeit sowie eine Bilanz der schwierigen 2. Hälfte des 20.Jahrhunderts. Wer die Bundesrepublik verstehen will, muss sich mit den wichtigsten Politikern dieser Zeit beschäftigen, zu denen FJS in jedem Fall gehört. Strauß starb am 3. Oktober 1988, genau zwei Jahre vor der Wiedervereinigung Deutschlands. Er hat diese nicht vorausgeahnt, ebenso wie andere Politiker, aber er hat Bedrängten in der DDR geholfen. Zwar fädelte er Geschäfte mit Honecker ein, doch hätte er es nicht getan, wären möglicherweise andere dazu bereit gewesen. FJS war auch hier der Schnellere und Bessere.

Ein ausgezeichnetes Buch

Biermann versteht es, Stimmungen in ein politisches Buch zu verfrachten, man fühlt fast mit bei der Beschreibung der Wetterlage am Geburtstag des FJS im September 1915. Auch andere Begebenheiten werden in blumigen Worten beschrieben.

Seinem Titel wird das Buch letztlich auch gerecht, denn nach der umfangreichen FJS-Lebensgeschichte wird zudem beschrieben, dass Tochter Monika Hohlmeier es bis zur Kultusministerin in Bayern brachte, doch alles „versiebte“, ebenso wie der dicke Sohn Max, der als Anwalt versagte, psychisch krank und vorbestraft ist, auch wenn er dieser Tage vom Vorwurf der Steuerhinterziehung freigesprochen wurde. Er wollte auch „fliegen lernen“, wie sein Vater, konnte aber nur flattern, sagte sein Anwalt bei Gericht.

FJS Machenschaften sind eben nicht alle bekannt geworden, ein Teil des Bestechungssystems wurde erst nach seinem Tod durch zufälligen Aktenfund entdeckt. FJS hat gemacht, was er für richtig hielt, nur erwischen ließ er sich (fast) nie.

Biermann, Werner,
Strauß – Aufstieg und Fall einer Familie
(2006), Berlin, Rowohlt Berlin, 2. Auflage,
352 S., ISBN 10: 3 87 134 542 3, 19,90 Euro


Die Bildrechte liegen beim Verlag Rowohlt Berlin.


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