Gesprächspartnerin des Weltgeistes

07. Mai 2007 | von | Kategorie: Politisches Buch

Cover_Vollmer.jpgAntje Vollmer ist eine der bekanntesten Grünen und war bis zum Ende von Rot-Grün Vizepräsidentin des deutschen Bundestages. Im Gespräch mit SZ-Chefredakteur Hans Werner Kilz erklärt sie, was bleibt und warum es sich lohnt daran festzuhalten. Von Markus Lang

Joschka Fischer nannte Antje Vollmer einmal spöttisch „Gesprächspartnerin des Weltgeistes“ und liefert damit zugleich einen alternativen Titel für dieses Buch. In Eingewandert ins eigene Land, Was von Rot-Grün bleibt wird auf 255 Seiten eine Vielzahl von Themen behandelt, die von den Anfängen der Grünen, über den Dialog mit der RAF bis zu einer Bilanz von Rot-Grün reicht. Die Vielfalt ist so groß, dass man sich an manchen Stellen ein Ausharren wünscht. Denn die stärksten Momente hat das Buch da, wo es innehält. Etwa wenn Antje Vollmer über das Innenleben deutscher und islamischer Terroristen nachdenkt und eigene pazifistische Überzeugungen dagegenhält. Hans Werner Klitz nennt dies die „Methode Vollmer“, die versucht Ideen in die Köpfe zu pflanzen, wo andere bereits keinen Ausweg mehr sehen.

Die Ausgangsidee des Buches war, das „beredte Schweigen“, welches nach sieben Jahren Rot-Grün entstanden ist, zu brechen. Seltsam ruhig, war es plötzlich um die Zeit von 1998 bis 2005 geworden. In der Konstellation Politikerin und Journalist wollten Antje Vollmer und Hans Werner Klitz eine erste vorsichtige Bilanz wagen. Herausgekommen ist ein höchst lesenswerter Streifzug durch die Geschichte der jüngeren Bundesrepublik.

Einwanderung auf Raten

Begonnen hatte Vollmers politische Karriere 1983, als sie erstmals mit den Grünen in den deutschen Bundestag einzog. Zuvor hatte sie an der Studentenbewegung geschnuppert, war Pfarrerin im Berliner Wedding und engagierte Bildungsdozentin im ländlichen Bielefeld-Bethel. Folglich war sie also auch keine „Urgrüne“ aus dem Dunstkreis der 68er, sondern verdankte Mandat der Agraropposition.

Hans Werner Klitz gebraucht für sie häufig das Bild der „Grenzgängerin“: Einerseits bürgerlich und wertkonservativ, anderseits radikal-demokratische Reformerin mit dem „kleinen Mao“ im Kopf. Letztlich macht das Gespräch nicht ganz klar, was Inszenierung und was Realität für Vollmer und die Grünen dieser Anfangszeit war. Gut hinein passt ein Zitat von Rudi Dutschke, der früh geraten haben soll: „Macht etwas ganz Neues und belastet das nicht mit den vielen Zersetzungs- und Spaltungsprozessen der linken Gruppierungen und Sekten, die Nachläufer der Studentenbewegung sind.“ Es kam jedoch anders. Antje Vollmer unterscheidet in ihrer „kleinen Geschichte der Grünen“ vier Generationen: Charismatiker, 68er, Pragmatiker und die Kinder der Macht. Jede Generation hat neue Umstände vorgefunden, so auch die jungen Grünen, denen nun die Aufgabe obliegt, die Zeit nach Joschka Fischer zu gestalten. Dem Leser bleibt ein prägnanter Eindruck von Auseinandersetzungen zwischen Realos, Fundis und dem Kampf in den Menschen, die diese Partei aus den Windeln holten.

Nie aus denselben kam die RAF, weil Terrorismus immer nur Kompensation und Anmaßung ist, neue Räume hingegen nur durch Dialog zu erschließen sind. Das predigte und danach versuchte Antje Vollmer Politik zu machen. So schrieb sie einst mit Christa Nickels Briefe an die inhaftieren Frauen der RAF oder erinnerte, lange vor Ausbruch des Kosovo-Krieges an die Friedensbewegung um Ibrahim Rugova. Die Suche nach dem dritten Weg ist eines der Hauptmotive von Antje Vollmer. Lediglich ihn zu finden und andere davon zu überzeugen, scheint mehr zu sein als eine Lebensaufgabe.

Mit Joschka auf dem Sofa

Aufgeregter wird das Buch immer, wenn der Name Joschka Fischer fällt. Dann ist von der „Fischer-Gang“ die Rede oder gar vom „Fischer-Imperium“. So soll er etwa Vollmer, als es um die Vertrauensfrage in der Afghanistan-Debatte ging, auf ein Sofa gebeten haben, um dann mit dem Hinweis, er habe ja auch schon mal was für sie getan, ihr „ja“ einzutreiben.

Gemeint war die Unterstützung von Vollmer als Vizepräsidentin des Bundestages. Wobei sie selbst sagt, dass sie das Amt wenn, dann Wolfgang Schäuble zu verdanken habe, der damals Vorsitzender der CDU/CSU Fraktion im deutschen Bundestag war. Anders als die Sozialdemokraten, die damals nicht bereit waren Vollmer zu wählen, versuchte Schäuble wohl schon damals ein vorsichtiges Zeichen Richtung Schwarz-Grün zu setzen. Einigen Unionsabgeordneten soll es bei ihrer Wahl dann auch regelrecht Vergnügen bereitet haben, eine Grüne zu wählen, um nach Meinung ihrer Kinder „endlich mal etwas richtig“ zu machen. Womit wir auch bei Vollmers Bild von Politik wären: Wertkonservativ und bürgerlich, aber ganz anders als bei der Union.



Schwarz-Grünes Tête-à-tête?

Falsch verstanden, sieht sie genau das bei Angela Merkel, welche den konservativen Bodensatz der Bundesrepublik jenseits der Mauer gar nicht mitbekommen zu haben scheint. Fast könnte man denken, Vollmer hält sie für die verlorene Tochter der Grünen. Da Merkel die Studentenbewegung nur aus der Ferne beobachtet hat, könne sie Fischers Verhalten von einst nicht beurteilen, ja die ganze westdeutsche Entwicklung nicht begreifen. Der Untersuchungsausschuss gegen Fischer sei nur der Versuch gewesen, eine hochmoralische Debatte zu eröffnen.

Hingegen, dass eine Frau, die wie Merkel am Anfang der 90er in wilder Ehe lebte, Ministerin oder gar Bundeskanzlerin werden könne, habe sie im Grunde ihren politischen Gegnern zu verdanken. Alles bekannte Argumente der Grünen, die aufgrund der Ähnlichkeit beider Frauen aber neu nachdenken lassen. Zugleich aber auch Stück historischer Ironie sind: Helmut Kohl profitiert von der Ostpolitik und wird zum Kanzler der Einheit. Angela Merkel profitiert vom gesellschaftlichen Wandel und wird die erste Frau im Kanzleramt, während Rot-Grün in der Öffentlichkeit nur Männer dominierten. Antje Vollmer verwundert dies bei Merkels Klugheit aber auch gar nicht weiter. Allein ziemlich verwirrt schienen die Genossen und ihr Kanzler.

Nicht so hingegen Antje Vollmers Grüne, denn die sind mittlerweile eingewandert ins eigene Land, haben sich mustergültig integriert und verbreiten Langeweile im Warten auf eine neue Generation. Dieses Buch jedoch nicht, auch wenn es ein Stückchen mehr Selbstkritik vertragen hätte.

Vollmer, Antje,

Eingewandert ins eigene Land. Was von Rot-Grün bleibt, Antje Vollmer im Gespräch mit Hans Werner Kilz,

(2006),München, Pantheon Verlag,

283 S., ISBN-10: 3-570-55015-X, 12,95€


Die Bildrechte liegen beim Pantheon Verlag. Der Verlag im Internet.


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