Gerechtere Globalisierung
Joseph Stiglitz hat der Globalisierungsdebatte eine weitere spannende Episode hinzugefügt. In seinem neuen Buch erweist er sich nicht als Besserwisser, sondern zeigt Gegenkonzeptionen zu bestehenden Praktiken auf. Von Christoph Rohde
Joseph Stiglitz, Nobelpreisträger der Wirtschaftswissenschaften, ehemaliger Chefökonom der Weltbank sowie Wirtschaftsberater der Clinton-Administration, hat seinem aufrüttelnden Werk Die Schatten der Globalisierung eine Studie folgen lassen, die es ebenfalls in sich hat. Die Chancen der Globalisierung balanciert Kritik an der bestehenden Globalisierungspraxis mit konstruktiven Veränderungsvorschlägen.
Stiglitz gelingt es, komplexe wirtschaftswissenschaftliche Zusammenhänge für eine breite Öffentlichkeit verständlich darzustellen. Vor allem überzeugt sein Buch durch eine differenzierte Darstellungsweise. Im Gegensatz zu manch anderem (amerikanischen) Autor besteht seine Welt nicht aus gut und böse, sondern aus vernünftigen und weniger sinnvollen ökonomischen Strukturen und Praktiken. Zentral sind Gedanken, die Stiglitz mit Ökonomen wie Paul Krugman teilt: Die Ökonomie funktioniert nur in stabilen sozialen Kontexten. Der Markt muss in klare ordnungspolitische Strukturen eingebettet sein. Mit anderen Worten – der Staat hat bei ihm eine aktivere Rolle als bei den Marktfundamentalisten, die ihm nur eine Nachtwächterfunktion zugestehen.
Kritik an den globalen Wirtschaftsinstitutionen
Der Nobelpreisträger spart nicht mit Kritik an den westlich dominierten Institutionen, die den Anspruch haben, die Weltwirtschaft zu steuern. Besonders der Internationale Währungsfonds (IWF) bekommt sein Fett ab. Denn diese US-dominierte Institution fordert von ihren Mitgliedern extreme Marktöffnungen, die der Binnenstruktur vieler Länder schade und geschadet habe. Die bedingungslose Kapitalöffnung habe die Asienkrise vom Ende der neunziger Jahre ausgelöst, weil Spekulanten ihre Investitionen nur kurzfristig tätigten. Dies habe zu einer Destabilisierung ganzer Volkswirtschaften geführt, weil die Investoren ihr Kapital schnell abgezogen hätten. Die Institutionen wie der IWF, die Weltbank oder die Welthandelsorganisation (WTO) schützten die Interessen großer Kapitalgeber und gefährdeten damit den Entwicklungsprozess vieler Länder.
Gute Beispiele in Asien
Dort, wo der Staat eine aktive Rolle in der Wirtschaftspolitik einnimmt, gelingt die Globalisierung, behauptet Stiglitz. China, Singapur oder Südkorea seien Beispiele dafür, wie eine koordinierte, aber marktfreundliche Industriepolitik zu einem stetigen und sozial verträglichen Wachstum führen könne. Gerade im Bereich Forschung und Entwicklung seien strategische Entscheidungen des Staates von Nöten, von denen die freie Wirtschaft profitieren könne. Etwas sehr positiv zeichnet Stiglitz die Entwicklung Chinas. In den Buch findet sich wenig über die missbräuchlichen Praktiken des kommunistischen Staatswesens in China – Stiglitz nennt hier lediglich die positiven Wachstumspotenziale der chinesischen Wirtschaft.
Eine faire Weltwirtschaftsordnung wird vom Verfasser gefordert. Er belässt es jedoch nicht bei moralischen Imperativen, sondern macht konkrete Vorschläge, wie mehr Fairness zu erlangen sei. Neben einem gezielten Schuldenerlass fordert Stiglitz eine höhere Bewertung von Rohstoffen. Den rohstoffreichen Staaten müsse rechtlich eine hohe prozentuale Beteiligung an den Erträgen der Ausbeutung der Ressourcen garantiert werden. Diese Beteiligung müsse von internationalen Organisationen überwacht werden. In die Kritik geraten amerikanische Konzerne, die auch im Bereich des Patentrechts das KnowHow der Entwicklungsländer ausnutzen, ohne entsprechend dafür zu bezahlen. Beispielsweise lassen sich große US-Pharmakonzerne Wirkstoffe aus Heilpflanzen patentieren, so dass Entwicklungsländer diese nicht mehr – wie Jahrhunderte lang praktiziert – für das eigene Gesundheitssystem nutzen können, und wenn, dann zu horrenden Preisen.
Klimapolitik zentralisieren
Auch in der Klimapolitik diagnostiziert Stiglitz (Bild links) großen Regelungsbedarf. Es sei nicht hinzunehmen, dass gerade die USA als Hauptverursacher des Klimawandels sich so wenig an Maßnahmen zur Verbesserung des Umweltschutzes beteiligten. Hier fordert der Ökonom eine globale Umweltsteuer, die von den einzelnen Nationalstaaten erhoben werden müsse. Bei Verstößen sollten Handelssanktionen von der Staatengemeinschaft verhängt werden können. Das Kyoto-Protokoll hält Stiglitz für nicht weitreichend genug. Aber hier kommt das Problem ins Spiel, das ökonomische Macht regelmäßig das Recht bricht. Wer hat schon den Mut, Handelssanktionen gegen die USA zu verhängen? Wie antworten diese? Wie hoch sind die Kosten? Auch wenn Stiglitz viele Hoffnungen auf die Europäische Union setzt, fragt sich doch, wie die Vorschläge in die Praxis umzusetzen sind.
Soziale Verantwortung der Multinationals
Stiglitz argumentiert intelligent und stringent. Multinationale Konzerne hätten für die globale ökonomische Entwicklung eine bedeutende Rolle gespielt – Kapital, Expertise und Ideen in die Entwicklungsländer exportiert. Aber er findet auch mahnende Worte. Denn Unternehmen nutzten die Möglichkeiten der Gastländer wie niedrige Löhne, niedrige Sozialstandards und Kinderarbeit teilweise schonungslos aus. Auch Kapitalhaftungsstandards beschränkten sich oft unzulässigerweise auf die Gastländer. Hier seien die Konsumenten gefragt, die den Raubtierkapitalismus skrupellos praktizierenden Konzerne durch Konsumboykotte abstrafen sollten. Die Politik müsse aber Anreize für die Konzerne zu Wohlverhalten geben: „Es kommt auf die Anreize an, und sowohl die nationalen Regierungen als auch die Staatengemeinschaft müssen sich intensiver darum bemühen, die Anreize für Großunternehmen besser auf die Anliegen derjenigen auszurichten, die vom Handeln der Konzerne betroffen sind – insbesondere in den Entwicklungsländern…“
Wichtige Stellungnahme
Stiglitz’ Buch ist anspruchsvoll und einfach zugleich. Diese gelungene Synthese macht es zu einem Meilenstein auf der Suche nach einer besseren Version der Globalisierung. Zwar wirken manche seiner Vorschläge etwas illusorisch – als Ausgangspunkte für weitreichende Diskurse sind sie jedoch sehr gut geeignet. Deshalb ist die Abhandlung für ein breites Publikum zu empfehlen, vor allem aber auch für ökonomische Praktiker.
Stiglitz, Joseph,
Die Chancen der Globalisierung,
(2006), München, Siedler Verlag, München,
448 S., ISBN 978-3-88680-841-6, 24,95 Euro
Die Bildrechte liegen beim Siedler Verlag. Der Verlag im Internet.
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