Frauen im Zweiten Weltkrieg
“Absprung über Feindesland” heißt das Büchlein der Historikerin Monika Siedentopf, doch der Titel trifft nur bedingt zu. Es geht um Agentinnen der Sektion “F”, die während des Zweiten Weltkriegs von britischen Flugzeugen über dem besetzten Frankreich abgesetzt wurden. Von Wolfgang Mehlhausen
Spionagefilme und Romane gehören nach den „Krimis“ zum beliebtesten Genre der Unterhaltungsbranche, aber in Absprung über Feindesland der Historikerin Monika Siedentopf, die als Lektorin und Übersetzerin beim Westdeutschen Rundfunk (WDR) tätig ist, geht es nicht um James Bond-Stories, sondern um wahrhaftige Geschichte.
Geheime „SOE“ gegen Naziregime
Kein geringerer als Winston Churchill gestattete den Aufbau der geheimen Special Operations Executive (SOE). Er versprach sich etwas davon, etwa 6.000 Agenten mit Spionage- und auch Sabotageauftrag ausbilden zu lassen, die aus dem Hinterhalt im besetzten Frankreich gegen die Naziokkupanten kämpfen sollten. Ihre Mission war nicht nur sehr gefährlich, sondern am Rande der Legalität der Haager Konvention. Ab 1942 kamen auch Frauen zum Einsatz, für die eigentlich kein Platz in den kämpfenden Einheiten des Empire vorgesehen war.
Unterschiedlichste Motive für verschiedenste Menschen
Monika Siedentopf beschreibt die Geschichte von 39 Agentinnen der so genannten Sektion „F“, wie „Frankreich“, die mit Flugzeugen über dem besetzten Frankreich abgesetzt wurden. Der Titel Absprung über Feindesland ist nur aus britischer Perspektive einigermaßen zutreffend, für viele der Frauen, die diese Aufgabe übernahmen, war Frankreich kein Feindesland, sondern Heimat, besetzt von deutschen Truppen und in der Hand des Vichy-Regimes, das mit den Okkupanten kooperierte.
Die meisten Agentinnen der Sektion „F“ waren keine britischen Staatsbürger, sondern vornehmlich Französinnen, sogar eine indische Prinzessin war dabei. Noor Inayat Khan war ihr Name, sie lebte in London und Paris. Aus Hass gegen die deutschen Okkupanten ging sie als Funkerin nach Frankreich und wurde als lebensfremde Idealistin eingeschätzt. Dennoch war sie sehr erfolgreich, unwahrscheinlich geduldig, auch sehr mutig, so unternahm sie gewagte Fluchtversuche aus den Gestapo-Gefängnissen. Nach monatelanger Haft kam auch sie in ein KZ, wo sie vermutlich ermordet wurde.
Die Beschreibung der Schicksale von einzelnen Frauen oder Gruppen erfolgt unspektakulär, sachlich und dennoch spannend und ergreifend. Einer Agentin beispielsweise fiel eine Handtasche herunter, in der sich eine Schusswaffe befand. Ein deutscher Offizier bückte sich und reichte ihr diese, sie dankte nur mit einem knappen „merci“. Oft wird der tragische oder gute Ausgang ihrer Mission der Beschreibung vorangestellt. Welche Motive die Frauen hatten, sich auf ein solch gefährliches Abenteuer einzulassen, versucht die Autorin zu klären. Bei den Agentinnen und Saboteurinnen gab es auch solche, die Familie und Kinder in England zurückließen. Alle einte der Wunsch, gegen die Nazis etwas tun zu wollen.
Nadelstiche gegen einen übermächtigen Feind
Die Aktionen im Untergrund hatten verschiedene Ziele. Die vorhandenen Strukturen der Widerstandsbewegung sollten gestärkt und mit Waffen und Sprengstoff versorgt werden. Zugleich musste Aufklärungsarbeit geleistet werden, die besonders in Vorbereitung auf den D-Day, die Eröffnung einer Zweiten Front in Frankreich große Bedeutung erlangte.
Immer wieder kommt in den Aussagen auch zum Ausdruck, dass die Kämpfer im Untergrund, die Résistance, eine Minderheit war, und keinesfalls ganz Frankreich Front gegen die Okkupanten machte. Viele Menschen wollten nur in Ruhe weiterarbeiten, den Krieg überleben und ihr Leben nicht für den Sieg der Alliierten opfern.
Die Frauen der Sektion „F“ hingegen waren dazu bereit und 13 von den 39 Agentinnen fanden einen zum Teil grausamen Tod in den NS-Konzentrationslagern oder Gestapo-Haft, wie die Autorin darstellt (Bild links). Die teilweise mutigen Einsätze stellten in den ersten Monaten und Jahren jedoch nur Nadelstiche gegen die Nazitruppen und Verwaltung dar, spektakuläre Erfolge, wie beispielsweise in Prag bei der Ermordung von Reinhard Heydrich gab es in Frankreich nicht.
Spannende Lektüre
Dieses Büchlein kann sehr empfohlen werden, weil es einen kleinen, bisher nicht sehr intensiv bearbeiteten Aspekt der alliierten Kriegsführung beleuchtet, und zwar sehr aktuell. Der im Dezember 2006 erschienene Band enthält nämlich verschiedene Informationen, die erst seit wenigen Jahren der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden. Die Personalakten einiger Frauen wurden erst seit 2003 zugänglich, da auch in Großbritannien immer noch viele Unterlagen bis heute der Geheimhaltung unterliegen.
Siedentopf, Monika
Absprung über Feindesland – Agentinnen im Zweiten Weltkrieg,
(2006), München, Deutscher Taschenbuch Verlag, München,
200 S., ISBN -3-423-24582-4, 14,50 Euro
Die Bildrechte liegen bei der Autorin (Portrait) und dem Deutscher Taschenbuch Verlag (Cover).
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