Erst Verschlafen, dann Überholen
Die USA haben das Drive-Through Restaurant und die Drive-Through Bank erfunden. Ihren verschlafenen Einstieg in den Automarkt für Hybridmodelle könnten sie bald durch Aufholen wettmachen. Von Iris Pufe
“Wir lieben Autos so, dass wir mehr Autos als Fahrer haben”, sagt Jim Motavalli, Autor des Buches Forward Drive: The Race to Build Clean Cars for the Future. Die Statistik gibt ihm Recht: In den USA kommen 204 Millionen PKWs auf 191 Millionen Fahrer. Allein zwischen 1970 und 1990 hat sich die Zahl an Autos um die Hälfte erhöht. Mit angestiegen ist die Strecke, die die durchschnittliche US-amerikanische Familie pro Jahr zurücklegt. Waren es 1983 noch 23.000 Meilen sind es 1995 bereits 35.000 Meilen.
In neun von zehn Fällen mit dem Auto
Das Problem liegt nicht an der Quantität allein, sondern auch in der Art der Autonutzung: In mehr als 90 Prozent aller Fälle nehmen Amerikaner, wenn sie das Haus verlassen, das Auto. Öffentliche Verkehrsmittel machen nur vier Prozent aus; zudem sind knapp die Hälfte, 40 Prozent, aller Fahrten unter drei Kilometer. Die meisten US-Bürgern wissen um ihre Natioanalrekorde: dass sie der größte Pro-Kopf-Konsument von Öl weltweit sind, mit bis zu acht Millionen Barrels davon pro Tag, und der größte Pro-Kopf-Produzent von Kohlendioxid.
Autofahren ist Teil der US-amerikanischen Alltagskultur. Die Chancen, dass sich die Art der Autonutzung innerhalb kurzer Zeit ändert, stehen schlecht. Allerdings werden entstehende Schäden immer besser messbar. Das Bewusstsein über das Ausmaß von Emissionschäden setzt sich langsam durch, und auch, welche Schritte dagegen unternommen werden können.
Jährlich 200 Milliarden gegen Luftverschmutzung
Wissenschaftler der Universität von Kalifornien in Davis haben die Kosten für die landesweite Luftverschmutzung auf 200 Millliarden Dollar jährlich berechnet. Eine Lösung sehen Politiker und Autohersteller in der Produktionsart von Automobilen. Wenn schon nicht beeinflusst werden kann, wie viel sich Bürger und Konsumenten fortbewegen, dann vielleicht zumindest die Umweltfreundlichkeit des Fortbewegungsmittels. Unter jenen, die sich für Umweltschutz interessieren, ist besonders der Toyota Prius beliebt.
“Ich liebe dieses Auto”, sagt Sridevi Jones, die ihren Mann zum Kauf des Prius überredet hat. “Es ist geräumig, hat eine Top-Innenausstattung, fährt genauso wie jedes andere Auto und ist gut für die Umwelt. Ich komme auf 47,5 mpg (Miles per Gallon), mein Mann, mit seinen optimierten Fahrstil, sogar auf 53. Das ist doppelt so sparsam wie ein normales Auto.” Jones hat beides im Blick, Ökologie und Ökonomie.
Superstar Toyota Prius
Wartezeiten für Modelle wie den Toyota Prius (Foto links) von einem halben Jahr sind keine Ausnahme. Für den Prius gab es bereits 10.000 Bestellungen bevor der Wagen erstmals ausgeliefert wurde. Ihre Nachfrage stieg von knapp 10.000 im Jahr 2000 um das Fünffache innerhalb von drei Jahren.
Bereits der letzte Wagen der Mutter von vier Söhnen, die mittlerweile alle selbst mobil sind, war ein Hybridmodell. Heute fährt einer von ihren alten Honda Civic Hybrid. “Jedes Wochenende 60 Dollar für die Fahrt vom College hierher und zurück, da kommt einiges an Kosten zusammen”, so Jones. “Der höhere Anschaffungspreis, rund 24.000 Dollar, amortisiert sich da bald.”
Erst spät kommen, dann aufholen
Experten sagen den Herstellern von Hybridautos eine rosige Zukunft voraus. Automobilanalysten J.D.Power and Associates prognostizieren jährliche Absatzzahlen von insgesamt 350.000 Modellen bereits im Jahr 2008, was zwei Prozent am Gesamtautoverkauf entspricht. Sollte Bürgermeister Michael Bloomberg seine Regelung für New York durchbekommen, könnten die 13.000 Taxis der Stadt bald auf Hybrid umgestellt sein.
Jason Mark vom Clean Vehicle Program der Union of Concerned Scientists bezeichnet Hybridmodelle wie den Prius “als strahlendes Beispiel dafür, was mit fortgeschrittener Technologie möglich ist”. Roland Hwang vom Natural Resources Defense Council meint, das Auto verursache nur die Hälfte an Verschmutzung und an Benzinkosten.
Flagschiff statt Zwergenauto
Andere sehen die Lage kritischer. “Die Zahl der Leute, die sich so ein Auto kaufen ist an der Gesamtzahl an Autos verschwindend gering!” sagt Harris Blackwell, ein Elektrotechniker, der für ein halbes Jahr bei Bosch in Deutschland gearbeitet hat. “Die Leute sind an ihre Jeeps und Chryslers gewöhnt, die wollen keine Zwergenautos!” Daran könne langfristig nur ein wirtschaftlicher Vorteil etwas ändern, nämlich, wenn Hybridmodelle spürbar günstiger werden als gewöhnliche.
Tatsächlich ist Jones Haltung nicht repräsentativ, wenn man zwei Hybrids auf 100 Autos als realistisch annimmt. Gerade beim Thema Mobilität wollen die Amerikaner keine Einbußen hinnehmen. Dies lässt sich an Prioritäten ablesen, wie der, dass die amerikanische Durchschnittsfamilie jährlich mehr Geld für Transport als für Lebensmittel ausgibt.
Starker Highway-Lobbyismus
Zwar sind Hybridmodelle derzeit in den USA in starkem Auftrieb. Verkehrs- und Energiepolitik werden aber wohl fürs Erste dem Einfluss von Straßenbauern und Autoherstellern ausgesetzt bleiben. Ihre Chancen, den US-Markt zu erobern, stehen gut. Von ihren Vorteilen müssen Hybridmodelle die Amerikaner jedoch erst noch überzeugen. Bis dahin bleiben Fälle wie der Jones eine erfreuliche Ausnahme. “Für das nächste Auto, das wir durch ein neues ersetzen, nehmen wir wieder einen Hybridwagen”, so Jones (Foto rechts), deren Fünfpersonenhaushalt auf fünf Autos kommt.
Die Bildrechte liegen bei Iris Pufe (Foto Jones) und sind Public Domain (Prius, Teaserbild).
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