Erschreckende Wahrheit über ein faszinierendes Land

27. Nov 2007 | von | Kategorie: Politisches Buch

Cover_Afghanistan.jpgAfghanistan kommt nicht zur Ruhe. Sechs Jahre nachdem eine westliche Militärallianz die Herrschaft der Taliban beendete, herrschen zunehmend Anarchie und Gewalt. Mehr denn je sehnen sich die Menschen am Hindukusch deshalb nach Sicherheit und Stabilität. Von Alexander Christoph

Weite Landschaften, tiefe Schluchten und lichtdurchflutete Canyons, aber auch Sanddünen und schneebedeckte Gipfel. Allerorten Gastfreundschaft, Hilfsbereitschaft und mehrmals am Tag der Ruf des Muezzins. Das ist die eine, die schöne und faszinierende Seite Afghanistans. Die andere erschreckt. Eine Welle der Gewalt erschüttert Afghanistan: Geiselnahmen, Terroranschläge und Selbstmordattentate sind ebenso selbstverständlich wie der Anbau von Opium.

Nur wenige Journalisten wagen sich derzeit in das von Gewalt geplagte und von jahrzehntelangen Kriegen gezeichnete Afghanistan. Eine dieser seltenen Ausnahmen sind der 65-jährige Olaf Ihlau, zuletzt Auslandschef beim Spiegel, und seine als Auslands-Reporterin tätige Kollegin Susanne Koelbl. Sie zeichnen in ihrem Buch Geliebtes, dunkles Land. Menschen und Mächte in Afghanistan ein Land voller Gegensätzlichkeiten. Das wird bereits bei der Lektüre von wenigen der über 300 Seiten schnell klar. Dabei haben die beiden Journalisten selbst Erlebtes, geschichtliche Hintergründe und Informationen aus erster Hand zu einem kohärenten Bild des heutigen Afghanistans zusammengesetzt.

Erfahrene Autoren und prominente Interviewpartner

Das lesenswerte und überaus spannende Buch profitiert neben den zahlreichen Anekdoten vor allem auch von jahrzehntelangen Erfahrungen und Kontakten vor Ort. Fundamentalistische Taliban, gefürchtete Kriegsherren und afghanische Stammesführer zählen Ihlau und Koelbl ebenso zu ihren Gesprächspartnern wie westliche Diplomaten, verunsicherte Soldaten oder eine der wenigen afghanischen Polizistinnen. Eine Aufzählung dieser Personen liest sich wie die Creme de la Creme der afghanischen Stammesgesellschaft und Politik. Abdul Raschid Dostum, Gulbuddin Hekmatjar, Mohammed Nadschibullah und der afghanische Präsident Hamid Karzai sind nur einige, aber wohl die bekanntesten Namen. Dieses belastbare Beziehungsgeflecht erklärt, warum sich die zwei Journalisten in diesen unsicheren Zeiten weitgehend frei in Afghanistan bewegen und sogar bis in die gefürchteten „Tribal Areas“ in Pakistan vorwagen können. Darüber hinaus sprachen sie unter anderem mit der ehemaligen pakistanischen Staatspräsidentin Benazir Bhutto, dem aktuellen Staatsoberhaupt Pakistans Pervez Musharraf, dem früheren sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow und dem deutschen Verteidigungsminister Franz Josef Jung.

Deren Berichte und Erzählungen haben die Autoren in ihre eigene bild- und romanhafte Sprache übersetzt. Erst dadurch wird die afghanische Geschichte für den Leser greifbar, ja in gewisser Weise sogar erlebbar und deren Schicksal nachvollziehbar.

Die Drehscheibe des internationalen Terrorismus

Olaf IhlauIhlau (Foto links), einer der besten Kenner Afghanistans und Autor von Weltmacht Indien, schildert zusammen mit Susanne Koelbl (Foto unten rechts), die wie kaum ein anderer deutscher Journalist seit dem Fall der Taliban in Afghanistan unterwegs war, einen von Zerfall bedrohten Staat, bei dem die Regierung schon längst nicht mehr in allen Landesteilen Recht und Ordnung garantieren kann. Gewalt, Kriminalität und Korruption sind zur schrecklichen Normalität geworden. Anschläge, Entführungen und die Gefahr, einem Selbstmordattentäter zum Opfer zu fallen, sind an der Tagesordnung. Auch die Furcht vor den bewaffneten Koalitionstruppen, die nicht als Befreier, sondern im Gegenteil zunehmend als Besatzer wahrgenommen werden, beherrscht den Alltag afghanischer Bürger.

Enttäuschte Hoffnungen auf rasche finanzielle und wirtschaftliche Verbesserungen nach dem Sturz der Taliban prägen das Bild der westlichen Militärallianz. Gerade in diesem Zusammenhang gewähren die Verfasser seltene Einblicke in den Einsatz des Kommandos Spezialkräfte (KSK). Sie berichten, an welchen Operationen die deutsche Elitetruppe teilnahm oder wie sie Jagd auf Osama bin Laden und die Taliban machte. Die mit Nachtsichtgeräten und hochauflösenden Kameras ausgerüsteten KSK-Soldaten überwachten beispielsweise in den paschtunischen Grenzgebieten Schmuggelpfade der Taliban oder spähten – eingegraben in Erdlöchern – verdächtige Objekte aus.

“Blume des Bösen” als letzte Hoffnung

Susanne KoelblDoch das ist bei weitem noch nicht alles, was die Spiegel-Journalisten zu erzählen haben. Berufliche Perspektivlosigkeit treibt die Bevölkerung in die Arme der Taliban, dem derzeitig größten Arbeitgeber Afghanistans. Die Saat der fundamentalistischen Gotteskrieger wächst und gedeiht, wobei das Übel des Terrors auch die angrenzenden Staaten zu befallen droht, allen voran Pakistan. Anschaulich schildern Ihlau / Koelbl die Gegensätze zwischen den Taliban und den Stammesführern, deren unterschiedliche Interessen, aber auch den Zwang, aufgrund der desolaten Wirtschaftslage und des gemeinsamen Feindes zähneknirschend zusammenzuarbeiten. Die Stammesgebiete beiderseits der afghanischen und pakistanischen Grenze konnten so in den vergangenen Jahren zur Drehscheibe des internationalen Terrorismus avancieren.

Oftmals sichert nur die „Blume des Bösen“, der Mohn, den armen Bevölkerungsschichten ein Einkommen. Sie ist mit Abstand die wichtigste Finanzquelle. Kein Wunder, dass unter solchen Umständen Afghanistan seit dem Sturz der Taliban quasi zum Monopolisten im internationalen Opiumanbau und der Heroinproduktion emporstieg. Und dennoch: Trotz der desolaten Versorgungslage der Bevölkerung – nur wenige Menschen verfügen über Wasseranschlüsse oder Elektrizität – lässt sich in Kabul alles besorgen, „von der Panzerfaust bis zum Jahrgangschampagner“.

Demokratie als Schimpfwort

Dass eine Demokratie westlichen Musters in weiter Ferne liegt, ja sogar eine Illusion ist, darüber wird der Leser kein einziges Mal im Zweifel gelassen. Manch afghanischer Bürger empfindet Demokratie laut den Autoren mittlerweile als Schimpfwort. Außerdem scheinen die kulturellen Unterschiede einfach unüberwindbar. Streitfragen werden nicht durch afghanische Gerichte, sondern vielmehr durch das Stammesrecht, den Paschtunwali, beziehungsweise durch die Scharia geregelt.

Bezeichnend und erschreckend zugleich, wie die beiden Afghanistan-Experten eine Episode von einem zehnjährigen zwangsverheirateten Mädchen erzählen. Ihr 25-jähriger Ehemann – Peiniger wäre wohl angebrachter – verprügelt das hilflose Kind brutal, fesselt es und sperrt es ein. Und warum? Weil das Mädchen beim Geschlechtsakt „so heftig schrie und um sich schlug“. Bei uns müssten Kinderschänder mit einer harten Strafe rechnen. Doch Fehlanzeige: Das Mädchen darf lediglich bis zum sechzehnten Lebensjahr bei den Eltern bleiben und muss dann zum Gatten zurück. Kaum zu glauben, dass im gleichen Land in der Hippie-Zeit „selbst junge Afghaninnen statt der Burka den Minirock“ trugen. Aber jetzt, mahnen die beiden, „saugen die Kinder von klein auf den anti-westlichen Geist“ in den Madrassen des Nachbarstaates Pakistan ein.

Schonungslose, fesselnde Lektüre

Nicht nur deshalb hegen die Autoren keinerlei Zweifel, dass Afghanistan „von Frieden und Stabilität noch Lichtjahre entfernt“ ist und „weiter dicht am Abgrund“ steht. Irgendwann wird „dieser explosive Mix aus organisierten Verbrechen, Korruption und Terror in die Luft gehen, auch jenseits des Hindukuschs“. Was sich dagegen machen lässt, vermisst man, ebenso Vorschläge für einen Friedensplan. Doch das stört bei der Lektüre keinesfalls. Geliebtes, dunkles Land erschüttert in seiner schonungslosen Beschreibung der afghanischen Realität. Es fesselt den Leser, der die Gewaltspirale doch so schwer verstehen will. Zweifelsohne das beste Buch, das es derzeit im deutschen Buchhandel über die Region am Hindukusch zu kaufen gibt.

Koelbl, Susanne; Ihlau, Olaf,

Geliebtes, dunkles Land. Menschen und Mächte in Afghanistan,

(2007), Siedler-Verlag, München

319 Seiten, ISBN 978-3-88680-878-6, 22,95 Euro


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Die Bildrechte liegen beim Siedler-Verlag.


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