Berlinale 2007: Eröffnungstag

09. Feb 2007 | von Konrad Kögler | Kategorie: Politischer Film

logo_Berlinale.gifVom 8. bis zum 18.02.2007 finden in Berlin die 57. Internationalen Filmfestspielen statt. Während den folgenden zehn Tagen bespielt die Berlinale knapp fünfzig Leinwände in der ganzen Stadt mit 373 Filmen aus aller Welt. /e-politik.de/ ist dabei. Von Konrad Kögler

Anne Will hat es mit kokett hochgezogener Augenbraue mal wieder auf den Punkt gebracht: “Die Berlinale beginnt – und es wird Winter.” In den vergangenen, zum Teil frühlingshaft-milden Wochen hatten wir gehofft, endlich mal eine Berlinale ohne Matsch, Pfützen und Schneegestöber am Potsdamer Platz erleben zu dürfen. Aber auch dieses Jahr macht uns das Wetter leider wieder einen Strich durch die Rechnung. Fragt sich nur, ob George Clooney, der kurzfristig abgesagt hat, oder all die anderen Stars inzwischen fälschlicherweise glauben, dass in Berlin das ganze Jahr über so ein grauenhaftes Schmuddelwetter herrscht.

Ob wenigstens die Filme halten, was sie versprechen, und auch sonst viel Wissenswertes über die Höhen und Tiefen der 57. Berliner Filmfestspiele erfahren Sie in den nächsten Tagen im /e-politik.de/-Blog.

Absolut sehenswert: “Jagdhunde”

“In Brandenburg ist heute Nacht wieder jemand gegen den Baum gegurkt – was will man auch anderes machen in Brandenburg?!”

Jagdhunde.jpgNein, in Ann-Kristin Reyels Regiedebüt “Jagdhunde” (Foto links) kommt niemand bei einem Autounfall ums Leben. Aber ansonsten eignet sich diese inoffiziele Brandenburg-Hymne leider nur allzu gut zur Einstimmung auf dieses kleine, filmische Meisterwerk.

Auch der 16-jährige Lars (glänzend gespielt von Constantin von Jascheroff) leidet unter der Tristesse seines Daseins in der Uckermark. Schlimmer noch als die mangelnden Freizeitmöglichkeiten, die sich auf Waldspaziergänge mit den Jagdhunden beschränken, ist die Sprachlosigkeit und emotionale Verkümmerung der Erwachsenen. Während seine Eltern in komplizierten Patchwork-Konstellationen ihr Leben überhaupt nicht im Griff haben, ist die stumme Marie der einzige Lichtblick in dieser stillen, tragikomischen Milieustudie.

Wer den genau beobachtenden und unaufgeregt erzählenden Stil der jungen deutschen Regisseure, die gemeinhin das Label “Berliner Schule” aufgeklebt bekommen, zu schätzen weiß, kommt in diesem Abschlussfilm der Absolventin der Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam Babelsberg Ann-Kristin Reyels auf seine Kosten. Spätestens im Rahmen des “Kleinen Fernsehspiels” im ZDF wird man den Film auch außerhalb der Berlinale sehen können, falls er es nicht auch in die deutschen Kinos schaffen sollte.

Deshalb die /e-politik.de/-Empfehlung: Unbedingt ansehen!

Allein die Schauspielkunst des Hauptdarstellers Constantin von Jascheroff, der trotz seiner Jugend eine erstaunliche darstellerische Reife zeigt, lohnt den Kinobesuch. Kurioserweise ist er in seiner Heimat hierzulande noch viel zu wenig bekannt, während das französische Publikum bereits von seiner Leistung im Film “Falsche Bekenner” sehr begeistert war, der im schwarz-rot-goldenen WM-Sommermärchen eher unterging.

Koreanisches Kino mal ganz konventionell: “Aju teukbyeolhan sonnim”/”Ad Lib night”

Ad_lib_Night.jpgDie Sektion “Forum” der Berlinale ist eigentlich dafür bekannt, gerade an den ersten Tagen asiatische Filme zu präsentieren, die bewusst provozieren und europäische Sehgewohnheiten radikal in Frage stellen. Also konnte man sich auf einiges gefasst machen, als Lee Yeon – Kis “Aju teukbyeolhan sonnim” (Foto rechts) angekündigt wurde: Von Naheinstellungen sich permanent übergebender Kinder bis hin zu inzestuösen Familienverhältnissen war auch dieses Jahr wieder mit allerlei für zarte Gemüter schwer Verdaulichem zu rechnen.

Aber wie so oft kommt es dann doch anders, als man denkt: Der südkoreanische Regisseur Lee- Yeon Ki(Jahrgang 1965) ist wesentlich gesetzter als seine jungen Kolleginnen und Kollegen in früheren Jahren. Der Film fließt ruhig dahin und widmet sich anhand einer sehr linear erzählten Geschichte dem Problem der Isolation in einer Megalopolis wie Seoul und dem Zerfall der traditionellen Familienstrukturen in der koreanischen Gesellschaft.

Die /e-politik.de/-Kritik: Durchaus interessant, aber wegen einiger Längen und Redundanzen wohl keiner der stärkeren Filme dieses Festivals.

Die Kultur Japans – “Sakuran” von Mika Ninagawa

Die junge Modefotografin Mika Ninagawa (Jahrgang 1972), deren Bilder regelmäßig in Vogue und Esquire oder demnächst auch in einer Berliner Galerie zu sehen sind, widmete sich in ihrem Regie-Debüt “Sakuran” dem Milieu der japanischen Geishas.

Die /e-politik.de/-Kritik: Es wäre das Beste gewesen, wenn sie bei der Fotografie geblieben wäre.

Independent-Experiment aus Kanada – “The Tracey Fragments”

Als Wieland Speck den kanadischen Regisseur Bruce McDonald zur Eröffnung der Reihe “Panorama” vorstellte, konnte man sich auf einiges gefasst machen: Mit seinem überdimensionalen Cowboy-Hut gab er das ideale Klischeebild eines hartgesottenen Texaners ab – und das, obwohl er aus dem liberalen Kanada stammt.

tracey.jpgSein Film “The Tracey Fragments” (Bild links) war dann auch eher schwere Kost und führte dazu, dass das Publikum in Scharen abwanderte, die gegen Ende des Films schon fast Castorffsche Volksbühnen-Ausmaße annahm.

Das lag wohl vor allem daran, dass die schwierige Situation der 15-jährigen Tracey in sehr experimenteller Film-Technik geschildert wurde: ständige Sprünge durch Raum und Zeit der Handlung, permanente Split-Screens in z.T. acht Varianten machen es nicht gerade leicht, dem Film zu folgen.

Dennoch kann man dem Regisseur zugestehen, dass er immer wieder stimmige Bilder findet und mit dem Klassiker “Horses” von Patti Smith auch eine sehr gelungene musikalische Untermalung von Traceys Pubertätswirren, die vom “abgehängten Prekariat” einer Alokoholiker-Unterschichtsfamilie noch weiter in die Traufe gerät.

Die /e-politik.de/-Kritik: Wenn man weiß, worauf man sich einlässt, kann man Gewinn aus dem Film ziehen.


Die Berlinale 2007 bei /e-politik.de/:

Berlinale – Der Eröffnungstag

Berlinale – Der 2. Tag: 9.2.2007

Berlinale – Der 3. Tag: 10.2.2007

Berlinale – Der 4. Tag: 11.2.2007

Berlinale – Der 5. Tag: 12.2.2007

Berlinale – Der 6. Tag: 13.2.2007

Berlinale – Der 7. Tag: 14.2.2007

Berlinale – Der 8. Tag: 15.2.2007

Berlinale – Der 9. Tag: 16.2.2007

Berlinale – Der Schlusstag


Die Bildrechte liegen bei der Berlinale.


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