Wiederbelebungsversuch einer durchgehechelten Debatte
In Berlin wurde zum 25. Mal der Buchpreis der Friedrich-Ebert-Stiftung verliehen. Diesjährige Preisträger sind die Berliner Autorin Nadja Klinger und Jens König, Leiter des Parlamentsbüros der taz, mit ihrem Buch Einfach abgehängt – Ein wahrer Bericht über die neue Armut in Deutschland. Von Susanne Henck
Es ist der 10. Mai. 1933 fand an diesem Tag auf dem Bebelplatz in Berlin die Bücherverbrennung statt. Heute regnet es in Strömen. In Erinnerung an eben jenen Akt der Verachtung akademischer Analyse werden von der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) seit 1982 wichtige politische Bücher ausgezeichnet.
Nadja Klinger und Jens König, die beiden diesjährigen Preisträger, haben für ihr Buch „Einfach abgehängt – Ein wahrer Bericht über die neue Armut in Deutschland“ Menschen aufgesucht, die ins soziale Abseits geraten sind. Sie sind mit ihrem Band wesentlicher Teil der in den letzten Monaten abschwellenden Unterschichten-Debatte geworden, die im Herbst durch SPD-Chef Kurt Beck und die FES-Studie Politische Milieus in Deutschland angestoßen wurde. Inzwischen haben andere Themen die Debatte aus dem medialen Aufmerksamkeitsfokus verdrängt.
Dies ist auch Kritikpunkt der Autoren: Viel zu schnell wolle sich die mediale wie private Öffentlichkeit des unbequemen Themas wieder entledigen, auch aus Unfähigkeit Armut – sei es auch bei anderen – auszuhalten. Nach den Reden der beiden Preisträger meint man in einer Zeit der Themenverbrennung zu leben.
Die Kritik ist berechtigt, aber nicht neu: Wie jede anderer Markt erzeugt auch der Debattenmarkt Konjunkturen und Moden. Themen verfliegen im Wind des Blätterwaldes. Die Intention der Preisverleiher, die Autoren nicht nur retrospektiv zu würdigen, sondern die ersterbende Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit am Leben zu halten, erscheint angesichts einer Profit orientierten Medienlandschaft ein wenig naiv: Wird eine Debatte durch eine sicher würdige, aber kaum medienattraktive Buchpreisverleihung wie ein Phoenix aus der Asche auferstehen?
Ein Kammerspiel mit Klezmer-Kombo
Trotz des Wetters haben knapp einhundert Menschen den Weg zur Stiftung am Tiergarten gefunden. Das Publikum ist gemischt. Verstreut finden sich ein paar junge Leute; die meisten sind eher älteren Jahrganges, eine Frau sitzt gelehnt an ihren vollgestopften Einkaufsbuggy, Menschen, die um 18.00 Uhr an einem Donnerstag Zeit haben; manche sind vielleicht auch nur wegen des Buffets danach da.
Das Programm ist vieraktig mit musikalischer Umrahmung durch eine Jazz-Klezmer-Kombo: Die melodisch dissonante Mischung des jazzigen Klezmer von Vitold Rek und Jaroslaw Bester soll wohl das musikalische Gegenstück zum Buch sein: von einem Leben zwischen Dur und Moll, das zum Heulen ist und in dem man deshalb gerade versucht sein Lachen zu bewahren.
Eröffnet wird das Kammerspiel durch Anke Fuchs, die FES-Vorstandsvorsitzende. Sie führt das Publikum durch die Geschichte des Preises (erzählt von ausgezeichneten Büchern, vorangegangen Preisträgern und Festrednern.
Auftritt des Lokal-Matadors
Mit Anke Fuchs ist sich der heutige Festredner Matthias Platzeck einig. Einen Blick auf die preisgekrönten Themen von 1982 bis heute wirft die eine, ein Blick auf die Arbeitmarktstatistiken seit 1975 nimmt der andere als Beweis: Die neue Armut ist gar nicht so neu, jedenfalls nicht Resultat der Deutschen Einheit oder jüngster Reformen. Doch während die Preisträger wie Anke Fuchs hervorheben, dass möglicherweise ein Lebenskonzept ohne Arbeit entwickelt werden muss, erteilt Platzeck – die Parteilinie haltend – dem Konzept des voraussetzungslosen Grundeinkommens eine klare Absage. In der „Partei des Arbeitsplatzes“ wird Vollbeschäftigung noch immer für möglich gehalten.
Platzecks Rede ist ein buntes Potpourri der aktuellen Parteiposition in der Unterschichtendebatte: rückläufiger Aufstiegswille und Defätismus einerseits, mangelnde Bildungs- und Betreuungsangebote, nachlassende soziale Durchlässigkeit und ungleiche Aufstiegschancen andererseits seien Schuld an der Arbeitslosigkeit. Seine Rede ist inhaltlich angereichert durch seinen Vorschlag des vorsorgenden Sozialstaates und persönlich sympathisch eingefärbt durch seinen Humor und sein Geständnis, die Naivität zu besitzen, „durch Politik Menschen glücklicher machen zu wollen“. Zumindest das sozialdemokratisch interessierte Publikum scheint glücklicher, als er die Bühne verlässt.
In der Medienfalle
Die Laudatio vom Jury-Sprecher Klaus Hohlfeld hebt neben dem thematischen Verdienst insbesondere Wortwahl und Stil des Buches hervor. Es sei „gradlinig und gut lesbar in der Sprache, nicht agitierend, aber äußerst engagiert in der Sache“. Dass dieses Lob mehr als gerechtfertigt ist, beweisen die beiden Autoren in ihren bemerkenswerten Dankesreden. Während man noch heiter-gerührt von Platzecks „We can do it“ ist, nehmen die beiden Autoren in ihren nachdenklichen Reden das Publikum mit auf ihre Besuche bei den Menschen ihrer Essays, auf ihre Vorlesereisen durch Deutschland und schließlich auch auf ihre Medienodyssee.
Durch einige Positionierungen der Preisträger quer zur Rede Platzecks, – die genau das bietet, was man erwartet – erhält die bis dahin voraussehbare Veranstaltung unerwartet Spannung.
Während Platzeck insbesondere das Kapitel lobt, in dem die Autoren, konkrete Vorschläge für eine intelligentere Arbeitsmarktpolitik machen, erzählen die Preisträger von ihrer Irritation, bei Lesungen nach Lösungsansätzen gefragt zu werden. Sie hätten sich dem Problem doch gerade erst genähert. Diese etwas verwirrende Selbstbeschreibung soll wohl dem Misstrauen Ausdruck verleihen, dass sich derartige Fragen häufig darauf richten, sich komplexer Probleme, kaum wahrgenommen, durch handliche knackige Lösungsformeln zu entledigen.
Vexierspiegel
Klinger/König werfen den Blick in eine Nische der Gesellschaft und finden dort einen Spiegel: Es gehe gar nicht so sehr um die ins Abseits Gerateten, sondern darum, wie die Gesellschaft mit diesen umginge. In einer Mediengesellschaft ist dies wohl eher ein verzerrter Jahrmarktsspiegel: eine gehypte Debatte, komplexe soziale Wirklichkeit formatgerecht zurechtgestutzt auf fünf bis sechs Sätze, gut ausgeleuchtet und mit Make Up abgetönt. Die Hoffnung der beiden Preisträger sei es, dass Bücher ein Eigenleben entfalteten, das sich abseits der Debatten abspielt. Als die Autoren danach halbironisch für die Fotos posieren, ist dem Betrachter ob die quer verlaufenden Positionen dennoch ein wenig seltsam zu Mute.
Der Widerspenstigen Zähmung?
Alles strömt zum Buffet, das Kammerstück ist zu Ende. Was ist von dieser Preisverleihung zu halten? Gespielt von einem Politiker, der die Preisträger gerade dafür lobt, was die am wenigsten interessiert, ein Preis vergeben, um eine an Dynamik verlierende Debatte wiederanzukurbeln, ohne die Muskelkraft dafür zu haben, und dadurch gerade die Abhängigkeit von Bucherfolgen von medialer Präsenz deutlich macht; eine Debatte, die auf eine Weise geführt wurde, dass sich die ein wenig widerspenstigen Preisträger deren Wiederbelebung eigentlich gar nicht wünschen, sondern sich lieber ein Eigenleben des Buches daneben vorstellen.
Das Medienecho auf die Verleihung – erwünscht oder nicht – ist dürftig. In den überregionalen Zeitungen der folgenden Tage findet sich nichts. Die Internetseiten der regionalen Blätter beinhalten nur die Nachricht; die Debatte ist abgesoffen, das Thema verbrannt?
Die Hoffnung der Autoren auf ein Bucheigenleben abseits der Scheinwerfer war wohl der Grund, aus dem die Autoren auf die von ihnen selbst so gescholtene Ochsentour durch die Talkshows nicht verzichtet haben. In der Flut an politischen Büchern finden Buch und Leser als Massenphänomen nur dann zueinander, wenn das Buch vom Focus der Medien erfasst wird. Die Debatte wurde eigentlich angestoßen von der oben erwähnten FES-Studie, nicht von diesem Buch. Wer weiß, ob dieses – ohne Frage höchst lesenswerte Buch – überhaupt so viele Leser erreicht hätte, wenn es nicht in diese Debatte hineinpubliziert worden wäre? Nun, nach der Debatte, findet es seine Leser vielleicht durch Mundpropaganda und Buschtrommeln.
Klinger, Nadja; König, Jens,
Einfach abgehängt, Ein wahrer Bericht über die neue Armut in Deutschland,
(2006), Berlin, Rowohlt,
256. S., ISBN 3871345520, 14,90 Euro
Die Bildrechte liegen beim Rowohlt Verlag. Der Verlag im Internet.
Nadja Klinger und Jens König wurden für ihr Buch Einfach abgehängt mit dem diesjährigen Buchpreis der Friedrich-Ebert-Stiftung ausgezeichnet. /e-politik.de/ dokumentiert die Dankesrede der Autoren.
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