Die Wiederentdeckung eines Nachbarn

02. Dez 2007 | von | Kategorie: Politisches Buch

Cover_Afrika.jpgVerliert Afrika an Relevanz? In einer Ringvorlesung versuchten namhafte Kenner des Kontinents, dessen Schicksal wieder auf die akademische Agenda zu setzen. Ein Sammelband fasst jetzt die Inhalte der Vortragsreihe zusammen. Von Helmut Pusl

Afrika ist ein Kontinent, mit dem Europa seit Jahrhunderten mehr oder weniger stark verbunden ist. Aber es ist auch der Erdteil, der heutzutage zuerst als Krisenherd und Problemfall wahrgenommen wird. Diese oftmals einseitige Perspektive, die vor allem von der öffentlichen und veröffentlichten Meinung in Europa definiert wird, beeinflusst auch die wechselseitigen Beziehungen in gesellschaftlicher, kultureller, politischer, staatlicher und ökonomischer Hinsicht. Diese Feststellung gilt in gewisser Weise auch für den akademischen Bereich. So ist die Perspektive auf Afrika in vielerlei Hinsicht geprägt von mangelnden Kenntnissen, Stereotypen und Klischees.

Afrika hat in der deutschen Politikwissenschaft in den letzten Jahren an Relevanz verloren. Diese Entwicklung wird am Beispiel des Otto-Suhr-Instituts deutlich. Dort wurde der Lehrstuhl „Arbeitsstelle Politik Afrikas“ in den 90er Jahren als Forschungs- und Lehrangebot nicht mehr fortgeführt. Um diesen akademischen Missstand in gewissem Maße zu beheben, entschloss sich der OSI-Club, für dieses brachliegende Thema initiativ zu werden. Es ist seinem Engagement und auch den Referenten zu verdanken, dass Europas südlicher Nachbar wieder akademisch präsent ist. Davon zeugt auch der vorliegende Sammelband Afrika. Europas verkannter Nachbar.

Inhaltlich weist er ein breites Themenspektrum auf. Die Beiträge stammen von Wissenschaftlern, Politikern und Ökonomen, die in unterschiedlicher Art und Weise mit dem Thema Afrika persönlich verbunden sind. Aus diesem Sammelband sollen einige, für den Rezensenten wichtige, inhaltliche Aspekte herausgestellt und näher erläutert werden.

Fatale Entwicklungspolitik durch fehlendes Verständnis

Jacob Emmanuel Mabe (Kamerun) weist auf die Rolle und Funktion der europäischen Entwicklungspolitik sowie ihren Einfluss auf die afrikanisch-europäischen Beziehungen hin, wobei er den bisherigen, gängigen Entwicklungsbegriff und dessen konkrete Politik infrage stellt und ihn auf die kulturelle Dimension erweitert sehen möchte. Die bisherige Entwicklungspolitik ist nach Meinung des Autors geprägt durch soziale Ungerechtigkeit und ökonomische Ungleichheit zwischen den beiden Kontinenten, die primär auch auf gegenseitigen kulturellen Missverständnissen beruhen. Dieses mangelnde kulturelle Verständnis hat auch zu einer in großen Stücken verfehlten Entwicklungspolitik geführt, die sich in vielen Regionen als politisch und gesellschaftlich fatal erwiesen hat.

Eine derartige Entwicklungspolitik weist neokoloniale Tendenzen auf, die die Dominanz des Westens manifestieren. Vor allem im Zeichen dieser neokolonialen (Entwicklungs-) Politik wurden und werden weiterhin die ökonomischen Interessen der reichen Länder, mit Hilfe der örtlichen Potentaten, durchgesetzt. Dazu hat eben auch der falsch verstandene, aufs Materielle und Ökonomische ausgerichtete, Entwicklungsbegriff beigetragen. Um diesem Dilemma entgegenzuwirken, sollte nach Meinung des Autors das metaphysisch-ethische Postulat, d. h. die spirituelle Dimension, zum Maßstab allen wirtschaftlichen, politischen und auch kulturellen Handelns und Wirkens gemacht werden. In diesem Sinne kann eine richtig verstandene Entwicklungspolitik realisiert werden.

Die Notwendigkeit von Bildung

Im Kontext der Entwicklungspolitik und des damit zusammenhängenden Entwicklungsweges stellt Charles Yankah (Ghana) die Relevanz der Bildung in den Vordergrund. Bezogen auf Afrika werden die Bedingungen und Wirkungen von Bildungspolitik beschrieben und somit ihre Bedeutung für die Entwicklung von Individuen, sozialen Gruppen, Gesellschaften und Staaten hervorgehoben. Bildung stellt ein Schlüsselelement für eine nachhaltige Entwicklung (Wirtschaftswachstum, Schaffung von Wohlstand, Senkung der Analphabetenrate und Verminderung der Armut) einer Gesellschaft dar. Das Thema umfasst sowohl nationale als auch internationale Aspekte, die der Autor in den Fokus seiner Erläuterung stellt. Er macht dabei auch klar, dass es in Afrika noch großer Anstrengungen nationaler und internationaler Akteure, wie der Weltbank, UN, aber auch NGO, bedarf, um eine entsprechende positive Entwicklung voranzubringen.

Neben den bildungspolitischen Aspekten sind es auch die nationalen und internationalen Rahmenbedingungen, wie ungleiche Handelsbeziehungen, schlechte Regierungsführung, Bestechung oder prekäre sozioökonomische Verhältnisse, die eine nachhaltige Entwicklung der meisten Staaten Afrikas behindern. Durch eine gute Regierungsführung und Bildungspolitik könnte die sozioökonomische Entwicklung in den Ländern Afrikas vorangetrieben werden. Hierzu kann vor allem auch die afrikanische Diaspora beitragen, die ihr bildungsbezogenes berufliches Wissen und Können, das sie in der Emigration erworben hat, für die sozioökonomische Entwicklung ihrer jeweiligen Heimatländer ein- und umsetzt.

Entwicklungshemmnis Aids

aids_afrika.jpgAls humanitäre Katastrophe muss die HIV/Aids-Pandemie im südlichen Afrika bezeichnet werden. Deren Ausbreitung stellt eine große Herausforderung für die Sozialstrukturen der betroffenen Staaten dar. Subsahara-Afrika bleibt mit circa. 26 Millionen Infizierten (Stand 2005) weiterhin die am stärksten betroffene Region der Welt. Im Vergleich zum Jahr 2003 stieg hier die Zahl der HIV-Infizierten um fast eine Million. Zwei Drittel aller HIV-Positiven leben in der Region des südlichen Afrika. Diese Zahlen machen die katastrophale Dimension der Krankheit deutlich.

Diese Pandemie stellt vor allem ein großes gesellschaftliches Entwicklungshemmnis dar, das viele Staaten und Regionen Subsahara-Afrikas mittlerweile existentiell gefährdet. Sie hemmt vor allem auch deren sozioökonomischen Fortschritt. Thomas Kirsch-Woik (GTZ) beschreibt die konkreten Faktoren und Auswirkungen dieser Pandemie und wie sie durch (entwicklungspolitische) Gegenmaßnahmen bekämpft werden kann. In diesem Zusammenhang wäre an entsprechende Aufklärungskampagnen und sozialmedizinische Behandlungs- und Präventionsmaßnahmen zu denken, wie sie durch international tätige Organisationen und Institutionen bereits in großen Teilen Afrikas durchgeführt werden. Dies zu bewerkstelligen bleibt jetzt und auch in Zukunft eine große finanzielle, personelle und organisatorische Herausforderung.

Vorbilder: Mauritius und Namibia

Informativ erscheinen auch die beiden konkreten Länderdarstellungen über Mauritius und Namibia, anhand derer sozioökonomische, politische und gesellschaftliche Faktoren und Entwicklungen beispielhaft beschrieben werden. Vor allem zeigen diese beiden Skizzen, wie engagiert und zielstrebig so genannte Dritte-Welt-Staaten ihren eigenständigen Entwicklungsweg suchen. Sie dienen somit als positive Beispiele für Afrika. Dabei soll aber nicht verdrängt werden, dass sich viele Länder und ihre jeweiligen Bevölkerungen dieses Kontinents in großen gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Schwierigkeiten befinden. Sie verdeutlichen auch, wie stark und abhängig sie in die globalen weltwirtschaftlichen Zusammenhänge und Prozesse integriert sind und von diesen maßgeblich in ihrer Entwicklung bestimmt werden. Die Autoren arbeiten sehr anschaulich heraus, welche nationalen und internationalen Akteure und Organisationen in diese Prozesse und Zusammenhänge involviert sind.

Vielfältige Perspektiven

Die Themenvielfalt macht das Buch inhaltlich so interessant wie informativ und das nicht nur für Politologen, die sich mit dem Thema Afrika wissenschaftlich eingehender beschäftigen. Dieser Band ist für alle interessant, die ein persönliches Interesse an diesem Kontinent und seinen allgemeinen, unter anderem politischen, Entwicklungen hegen. Hervorzuheben sind dabei auch die vielfältigen gegenwartsbezogenen, aber auch teilweise historisch ausgerichteten Perspektiven der jeweiligen Autoren. Dieser Sammelband kann auf jeden Fall als fachlicher Einstieg für Politikwissenschaftler in das Thema Afrika angesehen werden. Dabei sei auch auf die jeweiligen Literaturhinweise verwiesen, die dem interessierten Leser weitere profunde Informationsquellen benennen.

Es bleibt sowohl den Initiatoren dieser Ringvorlesung als auch dem Verlag zu wünschen, dass ihre erste Publikation zu diesem Themenbereich eine weite und interessierte Leserschaft findet. Auf jeden Fall ist ihnen für diese Veröffentlichung zu danken und man kann nur hoffen, dass sie eine entsprechende, thematisch vielfältige Fortsetzung finden wird.

Däubler-Gmelin, Herta; Münzing, Ekkehard; Walther, Christian (Hrsg.),

Afrika. Europas verkannter Nachbar, Band 1, Ansichten und Einsichten aus Theorie und Praxis, Edition OSI Club,

(2007), Frankfurt am Main, Peter Lang GmbH,

207 Seiten, ISBN 978-3-631-55543-9, 19,80 Euro


Die Bildrechte liegen beim Peter Lang Verlag (Buch-Cover) und sind gemeinfrei (Aids in Afrika).


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