Die Rolle von Parteien in der Demokratie

15. Jul 2007 | von | Kategorie: Politisches Buch

saalfeld_parteien_wahlen.jpgDie Parteienforschung ist nicht nur ein zentrales Thema politikwissenschaftlicher Forschung, sondern stellt auch in der Ausbildung einen Schwerpunkt dar. Dementsprechend vielfältig ist das Angebot an einführenden Lehrbüchern. Mit der engen Verzahnung theoretischer Ansätze mit Forschungsergebnissen versucht ein neues Lehrbuch einen Platz im studentischen Buchregal zu finden – mit Erfolg. Von Jochen Groß

An Lehrbüchern zur vergleichenden Politikforschung mangelt es nicht. Insofern erscheint es mutig, dass sich Thomas Saalfeld, Dozent für Politikwissenschaft an der Universität Kent, auf dieses Terrain gewagt hat – insbesondere da es maßgeblich von fast klassischen Werken (etwa Vergleichende Regierungslehre von Lehner und Widmaier oder Vergleichende Politikwissenschaft von Berg-Schlosser und Müller-Rommel) dominiert wird und auch hier die von Saalfeld herausgehobene Thematisierung von Parteien und Wahlen eine zentrale Rolle einnimmt. Und hierzwischen – um dies vorweg zu nehmen – ist dieses, in der Reihe „Studienkurs Politikwissenschaft“ erschienene, Buch eine erfrischende Wohltat im Lehrbuchblätterwald.

Parteien und Wähler

Die Frische des Buches gründet nicht nur auf einer klaren thematischen Fokussierung, sondern auch auf der präzisen und schnörkellosen Sprache Saalfelds. Darüber hinaus erscheint insbesondere das Interesse des Autors an einer konsequenten Ausrichtung auf theoriegeleitetes Arbeiten, aktuelle Forschungsergebnisse und deren Verknüpfung miteinander als zentrales Merkmal dieser Einführung. Einsteiger werden rasch an den Forschungsstand heranführt und bereits eingearbeitete Leser mit neuen Erkenntnissen gelockt.

Thematisch fokussiert sich das Buch auf die vielfältigen Beziehungen von Parteien zu anderen Akteuren und Institutionen in Demokratien. Dabei richtet Saalfeld seinen vergleichenden Blick zunächst auf das Wahlrecht und Wahlsysteme, die maßgeblich das Verhältnis zwischen Wählern und Parteien strukturieren. Hierbei werden nicht einzelne Wahlsysteme herausgegriffen und im Detail beschrieben, sondern zentrale Unterscheidungsmerkmale wie etwa die Ausgestaltung des Stimmgebungs- und -verrechnungsverfahrens identifiziert. Anhand dessen werden Typologien vorgestellt und in vergleichender Perspektive demokratische politische Systeme eingeordnet. Erkenntnisreich sind hier darüber hinaus Saalfelds Ausführungen zu den Folgen verschiedener Wahlsysteme, die hier systematisch und auch hinsichtlich der empirischen Aufdeckung ihrer kausalen Wirkung problematisiert werden.

Das Verhältnis zwischen Wähler und Parteien kann jedoch auch aus weniger systemischer Perspektive analysiert werden, weswegen das zweite Kapitel des Buches Erklärungsansätzen und empirischen Befunden zum Wahlverhalten gewidmet ist. Auch hier gelingt Saalfeld eine dichte, aber dennoch Bogen spannende Darstellung von klassischen zu modernen Ansätzen, die stetig mit empirischem Material konfrontiert werden. Dies liefert nicht nur beschreibende Kennzahlen zu den Elektoraten konsolidierter Demokratien, sondern stellt  zugleich die angesprochenen Theorieansätze auf den Prüfstand.

Die innere Organisation von Parteien

Bevor der Blick vom Verhältnis der Parteien zu den Wählern auf deren Beziehung zum Staatsapparat gelenkt wird, thematisiert Saalfeld die innere Organisation der Parteien eingehender. Auch in diesem Abschnitt werden wieder theoretische Zugänge (vor allem der Organisationssoziologie) empirisch angewandt und wesentliche Befunde der umfangreichen Parteienorganisationsforschung seit dem frühen 20. Jahrhundert kompakt präsentiert. Der Autor geht dabei nicht nur auf verschiedene Parteitypen ein und zeichnet deren Entwicklung vergleichend und im zeitlichen Ablauf nach, sondern fokussiert auch die Parteienfinanzierung und Aspekte innerparteilicher Demokratie.

Parteien und Staat

Die Beleuchtung der Beziehung von Parteien zum Staatsapparat wird durch eine methodisch geprägte Einführung in das Instrumentarium der vergleichenden Parteiensystemanalyse eingeleitet. Diese Methoden werden sodann auf die Interaktionen von Parteien mit Regierung sowie der Ministerialbürokratie angewandt. Hierbei zeigt sich schnell sowohl die Komplexität des Forschungsfeldes – gerade bei einer ländervergleichenden Betrachtung – als auch der zunehmende Anspruch des Autors an den Leser. Während das Buch bis zu diesem Abschnitt weitgehend als grundlegendes Lehrbuch aufgefasst werden konnte, verlangen vor allem die Ausführungen zu Koalitionsregierungen dem Leser weitaus größere Konzentration und stellenweise auch fundierter Vorkenntnisse der empirischen Sozialforschung ab.

Jedoch zeigt sich gerade in diesen Abschnitten die enorme Stärke des Bandes: Saalfeld gelingt es den Leser langsam an die hier berichteten Forschungsbefunde heranzuführen – und dies ohne den Eindruck zu vermitteln, dass auf die Präsentation wesentlicher Einsichten zu Beginn zugunsten einer einfacheren Darstellung verzichtet worden wäre, oder nun hier unverhältnismäßig am Komplexitätsgrad gedreht worden wäre.

Die Leistungsfähigkeit von Parteien

Abschließend wagt das Buch noch einen Ausflug hin zu der Frage, welchen „Output“ Parteien liefern. Dies führt insofern etwas von der Grundkonzeption des Buches weg, da nicht mehr die Beziehung zwischen verschiedenen Akteuren im Mittelpunkt der Betrachtung stehen. Dennoch hätte man dem Autor einen Verzicht der Berücksichtigung dieses Aspekts weniger verziehen als man den Bruch mit der Struktur verschmerzen kann. Auch wenn Saalfeld hier eher schlagwortartig und erstmals verkürzend nur Ansätze und Befunde anreißt anstatt ausführt, wird auch hier der Überblick über zentrale Erkenntnisse und zumindest auch weitere Vertiefungsmöglichkeiten mit Bravour geliefert. Dies erreicht der Autor nicht zuletzt durch das gelungene Konzept jedem Kapitel eine stichwortartige Zusammenfassung, die zentralen weiterführenden Literaturtitel und Weblinks zum Thema und auch Wiederholungsfragen anzustellen.

Die besten deutschen Lehrbücher aus Angelsachsen?

Parteien und Wahlen ist eine rundum gelungene Darstellung der Beziehungen von Parteien zu Wählern und dem Staat sowie allen direkt angrenzenden Themenkomplexen und damit ein für viele Bereiche der vergleichenden Politikforschung wertvolles Begleitmaterial. Denn Thomas Saalfeld hat weder eine rein theoretische Grundlegung vorgelegt, noch eine ausschließlich beschreibende Datenflut geliefert.

Vielmehr überzeugt dieses Buch durch eine konsequente Bindung von Theorie an die Empirie und anders herum – eine Liaison, die man – auch auf diesem hohen methodischen Niveau – bis heute allzu häufig in der deutschen Politikwissenschaft vermisst. Vielleicht sticht das Lehrbuch auch deshalb heraus, da Thomas Saalfeld sich am britischen und internationalen Stand der Forschung und Forschungspräsentation orientiert und nicht den hier noch häufig üblichen Gepflogenheiten der Trennung von Theorie und Empirie anheim fällt.

Saalfeld, Thomas,

Parteien und Wahlen,

(2007), Baden-Baden, Nomos,

350 S., ISBN 978-3-8329-1064-8, 21,90  Euro


Die Bildrechte liegen beim Nomos Verlag (Cover). Der Verlag im Internet.


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Alles Angie, oder was? (Das Deutsche Parteiensystem)

Links zu weiteren Rezensionen der Reihe „Studienkurs Politikwissenschaft“ bei /e-politik.de/:

Nadine Lindner: Eine Bank (Parlamentarismus)

Bert Große: Echt lehrreich (Politik und Massenmedien)


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