Die Gnade der Geburt

30. Okt 2007 | von Stefanie Dowe | Kategorie: Innenpolitik

cover_kinderstudien.jpgGewalterfahrungen, Mobbing, mangelnde Zuwendung und fehlende Motivation beeinflussen die Zukunftsperspektiven der Kinder aus sozial benachteiligten Schichten. Die erste Kinderstudie erläutert die Lebenssituation von Acht- bis Elfjährigen in Deutschland und bestätigt die ständig wachsenden Klassenunterschiede. Von Stefanie Dowe

Durchschnittlich zwei Kinder pro Grundschulklasse in Deutschland machen im Alltag nach eigenen Angaben oft Mobbing- oder Gewalterfahrungen. Rund zwei Prozent aller Kinder wurden innerhalb der letzten zwölf Monate „oft“ bedroht oder geschlagen und weitere sieben Prozent „manchmal“. Zusätzlich ist ein Viertel aller Kinder Opfer von Hänseleien. Das sind Ergebnisse einer Kinderstudie des christlichen Hilfswerks „Worldvision“. Dabei handelt es sich um die erste deutsche repräsentative Kinderstudie, deren Ergebnisse hauptsächlich auf Gesprächen mit den Kindern selbst beruhen. Befragt wurden 1600 Kinder. Die Sammlung der Daten erfolgte durch das Institut TNS Infratest Sozialforschung. Aufgearbeitet und analysiert wurden die Ergebnisse von Prof. Dr. Klaus Hurrelmann und von Prof. Dr. Sabine Andresen, einer Erziehungswissenschaftlerin von der Universität Bielefeld.

Schlechte Chancen für die Unterschicht

Für Kinder aus Familien mit hohem Einkommen sind Gewalt und Hänseleien allerdings ein nicht so gravierendes Problem wie für Kinder aus Haushalten mit niedrigem Einkommen: Kinder aus armen Familien werden doppelt so oft zu Opfern. Keine entscheidende Rolle spielen laut der Studie Faktoren wie Familienform, Migrationshintergrund, Region (Ost-West, Stadt-Land) oder die Arbeitssituation der Eltern.

Hurrelmann_portrait_klein.jpgIm Gegensatz dazu besteht zwischen der Erwerbssituation der Eltern und dem Geborgenheitsgefühl der Kinder ein Zusammenhang: Der Großteil der Kinder mit zwei arbeitenden Eltern hat nicht das Gefühl, zu wenig Zeit und Aufmerksamkeit zu bekommen. Über ein Defizit an Zuwendung beklagen sich vielmehr eher Kinder aus Familien, die von Arbeitslosigkeit betroffen sind oder Kinder von alleinerziehenden Erwerbstätigen. Dies ist hauptsächlich darauf zurückzuführen, dass die Elternteile oftmals überfordert sind und kein strukturierter Tagesablauf gewährleistet wird, erklärt Prof. Dr. Klaus Hurrelmann, Sozialwissenschaftler an der Universität Bielefeld und Studienleiter.

Hurrelmann ist so etwas wie der König der Jugendforschung in Deutschland: Als Autor der Shell-Jugendstudien der letzten Jahre hat er sich bereits ausführlich mit den Lebenssituationen von Jugendlichen in Deutschland befasst. Die neue Worldvision Kinderstudie ist aus seiner Sicht „die kleine Schwester“ der Shell-Jugendstudie. Während sich die bereits etablierte Jugendstudie mit 12- bis 25-Jährigen befasst, widmet sich die Worldvision Studie Kindern zwischen acht und elf Jahren.

Bereits Achtjährige erkennen Klassenunterschiede

Es zeigt sich, dass bereits Achtjährige ein sehr klares und bewusstes Empfinden für ihre Lebenssituation haben. Auch wenn die Gründe nicht unbedingt rational zugeordnet werden können, ist den Kindern aus sozial benachteiligten Schichten bereits früh klar, dass ihre Entwicklungsperspektiven deutlich negativer sind, als die manch anderer Gleichaltriger. Nur 20 Prozent der Kinder aus Niedriglohnhaushalten gehen davon aus, dass sie die Schule mit einem Abitur verlassen. Kinder aus der so genannten Mittelschicht sind zu 80 Prozent davon überzeugt.

Die Erkenntnisse der Studie bestätigen bereits bekannte Auswirkungen von Klassenunterschieden. Individuelle Zukunftschancen hängen nicht nur von den persönlichen geistigen Fähigkeiten der Kinder ab, sondern auch vom Einkommen und den intellektuellen Voraussetzungen der Eltern. So hat ein Kind aus einer bildungsfernen Familie bei gleicher Begabung und gleicher Intelligenz sechsmal schlechtere Chancen, das Abitur zu machen, als ein Kind aus einer bildungsnahen Familie.

Kinder auf Gedeih und Verderb den Eltern ausgeliefert

„Für die Erziehung eines Kindes braucht man ein ganzes Dorf“ so das Motto der ersten Kinderstudie. Sie bietet Leuten, die an der Lebenssituation der Kinder in Deutschland interessiert sind, eine umfassende Analyse von Zahlen, Meinungen, Wünschen, Perspektiven und Ängsten der jüngsten Generation. Die Kinderstudie kritisiert die heutige Familienzentriertheit des Kinderlebens, wodurch Kinder auf Gedeih und Verderb den Voraussetzungen ihres Elternhauses ausgeliefert sind, und unterstützt die frühzeitige Förderung und Stimulation durch externe Faktoren wie beispielsweise Ganztagsschulen und Freizeitaktivitäten.

logo_worldvision.jpgDie Studie wurde auf Initiative von World Vision Deutschland e.V. erstellt. Das christliche Hilfswerk unterstützt Kinder und Familien im Kampf gegen Armut. Bekannt ist der Verein hauptsächlich durch seine Entwicklungsarbeit und seine humanitären Hilfsprojekte im Ausland. Zusätzlich führt Worldvision Kampagnen-, Bildungs- und Aufklärungsarbeit durch. Zu dieser Aufklärungsarbeit gehört auch die Kinderstudie. Ziel war es, „den Kindern Gehör zu verleihen, auch den Kindern Deutschlands eine Stimme zu geben“, so Dr. Hartmut Kopf von World Vision Deutschland.

Kinderstudie: nichts Neues, aber trotzdem wichtig

Weder die gesammelten Zahlen noch die daraus hervorgehenden Analysen beinhalten wirklich neue Erkenntnisse. Die Gnade der Geburt ist eine bereits bekannte Charakteristik unserer Gesellschaft. Dennoch ist die Arbeit der Wissenschaftler lobenswert. „Kinder stellen nur noch zehn Prozent der Bevölkerung, aber sie sind einhundert Prozent unserer Zukunft“ so ein Zitat aus der Einleitung der Studie. Gerade unter diesem Gesichtspunkt wurde es Zeit, Kinder als wichtigen und ernstzunehmenden Bestandteil unserer Gesellschaft zu respektieren, nicht nur über sie zu schreiben, sondern mit ihnen zu arbeiten.

Die Studie unterbreitet der Politik klare Handlungsvorschläge. Sie unterstreicht, wie wichtig es ist, die Kinder nicht nur den Eltern zu überlassen, sondern durch unterstützende Angebote für die Förderung und Integration der Kinder zu sorgen, unabhängig von Klassenzugehörigkeit. Auf der Pressekonferenz zur Veröffentlichung der Kinderstudie bestätigte die anwesende Bundestagsabgeordnete Miriam Gruß, Vorsitzende der Kinderkommission des Deutschen Bundestages, die Dringlichkeit der Integration von Kinderrechten in die Verfassung. Auf diese Weise sollen die Interessen von Kindern und Jugendlichen stärker von der Politik berücksichtigt werden. Laut Aussage von Gruß soll dies noch innerhalb dieser Legislaturperiode geschehen. Es bleibt abzuwarten, ob es sich hierbei um leere Versprechungen handelt. Angesichts der Tatsache, dass ein Teil der Eltern mit dem Schutz und der Erziehung ihrer Kinder überfordert ist, ist es absolut notwendig, dass die Verantwortung für Kinder nicht nur von deren eigenen Eltern übernommen wird, sondern als eine gesellschaftliche Pflicht verstanden wird.


Die Bildrechte liegen bei World Vision Deutschland e.V..


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