Die Angst vor der Ausweisung

26. Jan 2007 | von Sarah Kringe | Kategorie: Flucht und Asyl, Innenpolitik

P8261000.jpgErleichterung und Freude hatte man bei vielen bisher nur geduldeten Ausländern erwartet, als die IMK die neuen Bleiberechtsbeschlüsse veröffentlichte. Doch die Reaktionen sind eher verhalten, wissen doch die meisten noch nicht so richtig, ob sie unter die neue Regelung fallen und welche Folgen diese für sie haben könnte. Ein betroffenes bosnisches Ehepaar ohne dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung schildert seine Erfahrungen in Deutschland und die Angst vor einer Rückkehr in die Heimat. Von Sarah Kringe

Laut Beschluss der IMK vom 17. November 2006 können alle Ausländer, die „faktisch und wirtschaftlich im Bundesgebiet integriert sind“, Antrag auf eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung stellen. Das betrifft Ausländer, die seit mindestens acht Jahren in Deutschland leben, Arbeit sowie eine Wohnung haben und über ausreichende Deutschkenntnisse verfügen. Was im ersten Moment wie ein durchaus annehmbarer und realistischer Kompromiss wirkt, erweist sich jedoch in der Praxis als wirklichkeitsfern. Nach Angabe des Flüchtlingsrates in Baden-Württemberg kommt die neue Regelung lediglich einem Zehntel aller in Deutschland geduldeten Ausländer zugute.

Asylsuche in Deutschland

Unter denen, die aus der Regelung herausfallen, weil sie einen oder mehrere der Punkte nicht erfüllen können, sind auch Mujo und Nadia Osic (Namen von der Redaktion geändert). Seit 1993 leben die beiden in Deutschland, damals kamen sie als Kriegsflüchtlinge aus Bosnien-Herzegowina hierher. Über mehrere Auffanglager und Asylbewerberheime gelangten sie schließlich in einer Kleinstadt im Südwesten Deutschlands, wo sie auch heute noch leben. Anfänglich lief für das Ehepaar hier alles relativ problemlos, Mujo fand bald Arbeit und sie konnten vom Asylbewerberheim in eine kleine Wohnung ziehen. Nach drei Jahren als Baumaschinenfahrer erhielt er jedoch die Kündigung, seitdem ist er arbeitslos. „Ich habe immer versucht, neue Arbeit zu finden“ sagt der 54-Jährige, „aber keiner wollte mich einstellen. Bei fast allen Firmen in der Stadt habe ich gefragt. Ich bin zu alt, haben sie mir immer gesagt“.

Seither lebt er mit seiner Frau von Arbeitslosengeld II und Schwarzarbeit. Gelegenheitsjobs als Gärtner oder Putzfrau sind es, die dem Ehepaar über die Jahre ermöglicht haben nicht nur sich selbst zu versorgen, sondern auch der Großfamilie in Bosnien finanzielle Unterstützung und Hilfe für den Wiederaufbau zu gewähren. Die Geschwister von Nadia, die zusammen mit den Osics nach Deutschland geflohen waren, sind 1998 der Abschiebung zuvor gekommen und freiwillig wieder in ihr Heimatland zurückgekehrt. Dort haben sie sich mühevoll eine neue Existenz aufgebaut, ein Schritt, der Mujo und Nadia vermutlich nun auch bevorsteht. Kaum einer der Zurückgekehrten übt noch seinen ursprünglichen Beruf aus, viele haben in ihren alten Heimatorten nicht mehr Fuß fassen können und mussten in andere Städte ziehen, um dort ihr Glück zu versuchen.

„Schlupfloch Kriegstrauma“

Mujo und Nadia haben keine Kinder, die in Deutschland zur Schule gehen und keine Arbeit, die ihnen die Aufenthaltserlaubnis sichern würde. Dass Mujo bis zum Stichtag im September legale Arbeit findet, hält er für wenig wahrscheinlich. „Ich habe doch schon überall gefragt, wo ich konnte“. Dazu kommen gesundheitliche Probleme, vor allem Schädigungen im Rücken, die schwere körperliche Arbeit in seinem Fall von vornherein ausschließen.

Bisher konnten die beiden durch eine Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland bleiben, ausgestellt für zwei Jahre und aufgrund eines Traumas, das Nadia durch die Kriegsgeschehnisse erlitten hatte. Diese Art von Genehmigung fällt jedoch unter „humanitäre Hilfe“ und um sie verlängern zu lassen, ist alle zwei Jahre ein zähes Ringen mit den Behörden sowie ein wahrer Bürokratiekrieg erforderlich. Das Ende dieses „Schlupfloches“ ist absehbar.

„Albtraum Heimat“

„Wir würden gern für immer hierbleiben“ sagt Nadia. Sie fühle sich wohl in Deutschland und durchaus gut integriert.  „Wir haben hier viele gute Freunde gefunden, das Land gefällt uns und alle sind sehr nett und hilfsbereit“ beschreibt sie ihre Erfahrungen mit der deutschen Bevölkerung. Für Nadia wäre es ein großer Rückschritt, wieder in das bosnische, streng patriarchalisch organisierte Familienleben zurückkehren zu müssen. Ehefrauen gelten dort nach wie vor nicht viel und sie müsste sich wieder dem strengen Regiment von Schwiegereltern und Schwägerin beugen, ein Albtraum, den sie beim jährlichen Besuch in der Heimat zu hassen gelernt hat. In Deutschland lebt sie frei und relativ unabhängig. Durch ihre Schwarzarbeit als Reinigungskraft hat sie sogar ein eigenes Einkommen, von dem die Behörden natürlich nichts wissen dürfen. Vor einigen Jahren gestattete Mujo ihr schließlich den Führerschein zu machen – in Bosnien wäre das undenkbar gewesen.

Rückkehr ins alte Leben?

P8240880.jpgFalls die Osics nach Bosnien zurückkehren müssen, wollen sie versuchen, ihr altes Leben wieder aufzunehmen. Vor Kriegsbeginn lebten sie in dem kleinen Dorf Domanovici, in der Nähe von Mostar, von der Landwirtschaft. Hauptsächlich Obst und Gemüse haben sie dort angebaut und zum Eigenverbrauch einige Tiere gehalten. „Vor dem Krieg war das eine sehr schöne Arbeit“ sagt Mujo, „aber jetzt ist dort alles kaputt.“ Die Felder vermint und die Höfe zerbombt, so präsentierte sich ihr Dorf noch lange Jahre nach dem Krieg. Mittlerweile ist immerhin ihr Wohnhaus wieder aufgebaut, von dem Geld, das sie hier mit der Schwarzarbeit  verdient haben. Dort leben die Eltern von Mujo und dorthin würden auch die beiden wieder ziehen, sollten sie tatsächlich ausgewiesen werden. Die Neubewirtschaftung würde sehr schwer werden, meint Mujo, „das ganze Land ist noch kaputt vom Krieg. Aber was willst du machen? Es muss ja weitergehen!“

Stolperstein legale Arbeit

Ähnlich wie den Osics ergeht es vielen, laut Flüchtlingsrat sogar den meisten geduldeten Ausländern. Trotz guter Deutschkenntnissse und jahrelangem Aufenthalt in der Bundesrepublik, droht ihnen nun die Ausweisung. Der entscheidende Faktor ist hierbei fast immer die Arbeit. Dabei sind deutsche Arbeitgeber oftmals durchaus bereit, Ausländer einzustellen – schwarz. Damit sparen sie die Versicherungsbeiträge und gewinnen billige Arbeitskräfte. Die Ausländer nehmen diese Angebote an, meist bleibt ihnen auch nicht viel anderes übrig, haben doch die meisten von ihnen Großfamilien zu ernähren. Darauf kommt es jedoch nicht an. Legal muss die Arbeit sein um das Bleiberecht zu erhalten, sonst nichts, und genau das ist der Stolperstein, der den meisten Ausländern im Weg liegt oder sie sogar zu Fall bringt. Verständlich, dass die Freudenbekundungen bisher eher zurückhaltend sind.


Die Bildrechte liegen bei der Autorin


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