Die andere Geschichte des deutschen Terrorismus

03. Apr 2007 | von | Kategorie: Politisches Buch

Cover_Siemens.jpgAnne Siemens reflektiert die Geschichte des deutschen Terrorismus aus ungewohnter Sicht. Erstmals melden sich Entführungsopfer und deren Familien zu Wort und räumen mit dem Mythos des „richtigen und gerechten Opfers“ auf. Von Immanuel Petermeier

Die Geschichte des deutschen Terrorismus hält die Menschen nach wie vor in Bann. Die Gnadengesuche der „Ex“-Terroristen Christian Klar und Birgit Mohnhaupt sorgen aktuell für rege Diskussionen. Und zugegebenermaßen, der Mythos Rote Armee Fraktion (RAF) hat kaum an Reiz verloren. Er spielt sicherlich keine politisch relevante Rolle mehr, die Glorifizierung der Täter als Freiheitskämpfer bleibt jedoch ungebrochen.

All zu leicht vergisst man dabei die Opfer. Das mag daran liegen, dass diese allgemein mehr Zurückhaltung üben – nicht zuletzt zu ihrem eigenen Schutz. Bis zum heutigen Tage fehlt jedoch vielen die Kraft an die Öffentlichkeit zu treten, um über Leid und Verlust zu sprechen. Allein dass mit diesem Schweigen gebrochen wird macht Anne Siemens Buch Für die RAF war er das System, für mich der Vater interessant – dass die gewährten Einblicke tiefgründig und überraschend offen sind macht es zur Pflichtlektüre für jeden der sich mit dem Thema RAF beschäftigt.

Mit insgesamt sechs Zeitzeugenberichten, sowie einer Stellungnahme Helmut Schmidts führt Siemens durch eines der dunkelsten Kapitel bundesdeutscher Geschichte. Gezielte Einschübe der Autorin vermitteln notwendige Hintergrundinformationen, dass Hauptaugenmerk liegt aber stets auf den Opfern. Für die RAF war er das System, für mich der Vater ist aber mehr als nur eine Anklageplattform – vielmehr beabsichtigt es der Wahrheit ein Stück näher zu kommen.

Portrait_Siemens.jpgAnne Siemens (Foto links) hat Politische Wissenschaft studiert und ist als freie Autorin für die Süddeutsche Zeitung und den Tagesspiegel tätig. Sie beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem deutschen Terrorismus; auch ihre Doktorarbeit handelt davon.

Die Idee zu dem Buch entstand nach dem dritten Interview mit „Deutschlands dienstältestem Terroristen“ Johannes Weinrich. Auch die RAF-Ausstellung in den Berliner „Kunstwerken“ trug dazu bei, dass Siemens Interesse für die Opfer geweckt wurde. Alles Bisherige war einfach zu „täterlastig“.

Blutige Geiselnahme in Stockholm

Dass die RAF mit der Geiselnahme des Berliner CDU-Politikers Peter Lorenz erfolgreich Genossen freipressen konnte, legte die Befürchtung nahe, dass weitere Anschläge und Geiselnahmen folgen könnten. Leider nahm diese Vorahnung schreckliche Wahrheit an. Am 24. April 1975 stürmen mittags sechs mit Pistolen und Sprengstoff bewaffnete Personen die deutsche Botschaft in Stockholm. Mit elf Geiseln besetzen die Terroristen das obere Stockwerk und fordern die Freilassung von Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof und 23 weiteren Terroristen. Die Geiselnehmer nennen sich Kommando Holger Meins und drohen mit der Sprengung der Botschaft im Falle eines Eingreifens der Polizei.

Unter den Geiseln befinden sich neben dem Botschafter Dr. Dietrich Stoecker auch Verteidigungsattaché Andreas Baron von Mirbach (44) und Botschaftsrat für Wirtschaft Dr. Heinz Hillegaart (64).

Während sich die schwedische Polizei auf die Stürmung vorbereitet, wird Oberstleutnant von Mirbach von zwei maskierten RAF Mitgliedern ins Treppenhaus geführt. „Ich bin der Verteidigungsattaché. Bitte ziehen Sie sich zurück, sonst werde ich erschossen.“ Kurz darauf fallen Schüsse. Von Mirbach liegt schwer verletzt im Treppenhaus. Die Terroristen hatten ihn heimtückisch von hinten niedergeschossen. Es dauert noch Stunden bis er von der Polizei geborgen werden kann. Von Mirbach verstirbt später in der Stockholmer Universitätsklinik.

Als offensichtlich wird, dass die RAF-Terroristen ihre Forderung nicht durchsetzten können erschießen sie gegen 22.30 Uhr den Botschaftsrat Hillegaart. Kurz darauf explodieren die von der RAF gelegten Sprengsätze. Die näheren Umstände sind bis heute ungeklärt.

Die schrecklichen Geschehnisse des 24. April werden sehr bewegend kommentiert von Christa Baronin von Mirbach, Clais Baron von Mirbach, Claudia Hillegaart und Dr. Viveka Hillegaart. Die menschlichen und fachlichen Versäumnisse der Einsatzkräfte, die Hoffnung und Ängste der Angehörigen und nicht zuletzt das Leben der Opfer geht unter die Haut. Wäre die Wahrheit nicht so erdrückend bitter, hätte die Geschichte alles was einen brillanten Thriller ausmacht.

Das gerechte Opfer

Die Geiselhaft und Ermordung Hanns Martin Schleyers wird von der RAF bis zum heutigen Tage gerechtfertigt. „Hanns Martin Schleyer sei das richtige Opfer, sein Tod sei gerecht“. Bewiesenermaßen, Herr Schleyer war Mitglied der NSDAP. Die Gerüchte er sei die Rechte Hand Reinhard Heydrichs gewesen sind jedoch nichts als gezielte Propaganda. Dass sich die Studentenbewegung für die Aufklärung der Verbrechen im Dritten Reich einsetzte, begrüßte Hanns Martin Schleyer stets. Er gestand auch ganz offen seine persönlichen Fehler ein. Doch war er zugleich entschiedener Gegner der zunehmenden Gewalttätigkeit der Studentenbewegung. Die Bundesrepublik war zu keinem Zeitpunkt ein repressiver Staat. Die Demonstrationen waren doch erst überhaupt durch die Meinungs- und Versammlungsfreiheit möglich geworden.

Dass der gewaltsame Tod Hanns Martin Schleyers schlichtweg ein weiteres Verbrechen der RAF ist zeigt auch dessen Brutalität. Polizisten und Fahrer wurden kaltblütig hingerichtet. Betrachtet man zusätzlich die zeitliche Nähe zur Landshut-Entführung liegt die Einsicht nahe dass die Ermordung nichts als Vergeltung aus niederen Motiven ist.

Ein großer Schritt nach vorne

Anne Siemens gelingt es eindrucksvoll die menschlichen Verluste der RAF-Attentate zu schildern. Die teilweise stark emotionalen Berichte von Opfern bzw. Verwandten sind von nüchternen Kommentaren der Autorin begleitet. Gerade diese Spannung zwischen Emotionalität und sachlicher Schilderung aber birgt den besonderen Reiz. Lediglich das sehr unterschiedliche Layout der einzelnen Berichte irritiert – behindert den Lesefluss erfreulicherweise aber nicht zu gravierend.

Die Absicht der Autorin mit der opferlastigen Ursachenforschung und Geschichtsschreibung zu brechen ist somit durchaus Erfolg versprechend. Man kann nur hoffen das zukünftig mehr Opfer den Mut fassen an die Öffentlichkeit zu treten und ihre Sicht der Dinge zu erzählen. Dies würde nicht zuletzt auch zu einer Entzerrung der Berichterstattung führen. Für die RAF war er das System, für mich der Vater lässt jedenfalls weiter hoffen.

Siemens, Anne,

Für die RAF war er das System, für mich der Vater,

(2007), München, Piper Verlag, München,

287 S., ISBN 978-3-492-05024-1, 19,90 Euro


Die Bildrechte liegen bei Kaveh (Portrait) und dem Piper-Verlag (Cover). Der Verlag im Internet


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