Deutschlands letzter Wille

06. Feb 2007 | von | Kategorie: Politisches Buch

Cover_Hauff_Bachmann.jpgDie Studie Unterm Strich. Erbschaften und Erblasten für das Deutschland von morgen. Eine Generationenbilanz zieht eine Bilanz der Hinterlassenschaften deutscher Politik bis heute, die eigentlich den Erbverzicht nahe legt. Von Susanne Henck

Da dies für eine gesamte Nation leider keine Qption darstellt – außer für die vielen hoch qualifizierten Republikflüchtlinge – liefert die Studie auch gleich einen Ausblick in eine erstklassige Zukunft à la Mad Max, der zufolge im Deutschland des Jahres 2050 nicht nur in “McPom” die Wüstenbüsche durch top-sanierte Geisterstädte rollen.

Soll und Haben – Deutschland in Schuldturm

In einem Rundumschlag kriegen es deutsche Politik und Nation um die Ohren gehauen. Es sieht rundum schlecht aus. In jeweils einem Kapitel werden die Bereiche Siedlung, Bildung, Zuwanderung, Naturschutz, Energie, Arbeit und Einkommen sowie Mobilität durchexerziert. Auf der einen Seite: Was wurde bisher angerichtet, oder positiv gewendet, was wurde erarbeitet? Andererseits: Was kommt auf Deutschland zu, wenn wir so weiter machen, oder positiv ausgedrückt; was können wir tun, um dies zu verhindern? Lesefreundlich wird diese Übersicht jeweils zu Kapitelbeginn bilanzartig in Stichpunkten aufgelistet und anschließend vertieft.

Bilanz wie Aussichten sind bekannt: Die Unlust der Deutschen, Erben für die nicht generationengerechte Politik der letzten Jahrzehnte in die Welt zu setzen (wenigstens da sind sie verantwortlich) versetzt den Staat in Finanzierungsnöte. Ganz schlecht, wenn Deutschland mehr denn je hervorragende Bildungssysteme benötigt, um die hohen Lohnnebenkosten deutscher Arbeitnehmer zu rechtfertigen.

Mögliche Beitrags- und Steuerzahler mit Migrationshintergrund werden durch die Integrationspolitik geflissentlich ignoriert. Bestimmte Regionen entvölkern sich heute schon, weil sie ihren Einwohnern keine Arbeit bieten können, der verbleibende Rest geht irgendwann den Weg aller Dinge. Es bleibt die märkische Endmoräne.

Der Süden hingegen floriert und mehrt sich ganz unanständig fröhlich. Und überhaupt, dann ist da auch noch das Klima, mit all seinen Implikationen für Sitzgruppen aus Regenwaldteakholz und Motoren für Kuhscheiße, Korrektsprech: Biomasse.

Ariadne oder Alexander? Verknüpfte Lösungen für den gordischen Knoten

Aber: Nach Dafürhalten der Studie scheint der gordische Knoten der Politik- und Problemverflechtung doch nur ein verheddertes Wollknäuel zu sein, das einmal ordentlich aufgerollt gehört. Tatsächlich bietet der Band für jeden Bereich – sei es Energie, Bildung oder Siedlung – ein Pfeildiagramm, das das Dickicht der Interdependenzen auf ein hübsches Faktoren- und Aspektegärtchen zurechtstutzt.

Die Interdependenz der Themen untereinander wird umgesetzt durch ein Verweissystem im Text auf andere Kapitel des Buches. Ein Lösungsansatz, der dementsprechend zugleich wohl durchdacht die Folgephänomene für diesen wie die anderen Bereiche mit einbezieht, wird auch präsentiert.

McPom als Themenpark

So werden die entvölkerten Landstriche als Chance gewertet: Immerhin nehme doch der “Landschaftsnutzungsdruck” ab. Landschaft könne dann als Ort der Erholung und Persönlichkeitsentwicklung, als wirtschaftliche Ressource des stadtnahen Tourismus, der Bewahrung von Naturerbe wie zum Gewinnung nachhaltiger Energie durch so genannte Energiepflanzen neu verstanden werden. In diesen rosigen Gutmenschen-Szenarien wird dann auch der konventionelle Landwirt vom subventionierten “Raubbauern” zum Pfleger der Landschaft, Kommissionär nachhaltiger Natur- und Kulturlandschaft und wesentlichen Akteur im globalen Klimawechsel bekehrt.

Durch die zunehmende Besiedelungsdichte der Städte hingegen könnte die Rückbesinnung auf die Idee der Stadt der kurzen Wege auch der Integration der Generationen, der Einkommensschichten wie der Kulturen dienen und damit brachliegende Potentiale aktivieren. Zudem würde das Staatssäckel entlastet, weil die Kosten öffentlicher Versorgung wie auch der Ressourcenverbrauch pro Kopf sinken. In Zeiten ukrainisch-russischer Zicken spricht einiges für Energieeinsparungen durch die Verkürzung der Transportwege.

Pflanzt Bäume und lasst Seelen wachsen

Was die Studie lesenswert macht, ist nicht unbedingt die Originalität oder die realistische Aussicht der Lösungsvorschläge auf politische Umsetzung. Angesichts der allgemeinen Entwicklung des 21. Jahrhunderts zum Jahrhundert der Städte erscheint eine Rückbesinnung auf die Stadt als Siedlungskonzept nun eher lauwarm einfallsreich. Gerade der Aspekt der Integration durch Dichte der Besiedlung bedarf nach der Rütli-Diskussion eher differenzierter Ansätze.

Bukolische Phantasien von nun doch noch blühenden Landschaften im Osten sind wiederum verfrüht. Wer weiß, ob sich Mecklenburg-Vorpommern in einem durch die östliche Ausweitung Schengens unbeschränkten Europa trotz aller kapitalistischen Umerziehung im Wohlwollen der Touristen gegenüber den stillen Wäldern Transsylvaniens durchsetzen kann?

Ob der massenproduktionsgewöhnte “Raubbauer” tatsächlich zum selbst Brot backenden Landschaftspfleger mutiert, darf bezweifelt werden. Insbesondere lässt es Böses ahnen, wenn das internationale Kapital sich gerade vom Saulus zum Paulus wandelt, weil es entdeckt, dass man mit Produkten, die mit moralisch-ökologischem Mehrwert aufgeladen sind, Profit machen kann.

Der Anspruch der Autoren geht allerdings auch darüber hinaus, bloßes Sammelsurium zeitgeistgenehmer Lösungen zu sein: Sei es die Forderung als neuem Bildungsideal “Seelen wachsen zu lassen”, der Vorschlag durch Besteuerung nicht nachhaltigen Konsums menschenarbeitsintensive und nachhaltige Produkte zu fördern oder die Empfehlung durch einen GrundEinheitsLohn für Deutschland (GELD) Einkommen und Tätigkeit zu entkoppeln.

Diese Studie will den Weg aufzeigen, wie eine neue Gesellschaft möglich ist, in der Menschen nicht unter Existenzangst am Markt teilnehmen, sondern um der Entfaltung ihrer Fähigkeiten im Dienst der Gesellschaft willen, an einem Markt, der um seine Abhängigkeit von den natürlichen Ressourcen weiß.

Abendlektüre für die Aussterbenden

Selbst wenn dieser Anspruch ein wenig hoch gegriffen erscheinen mag: Die Lektüre empfiehlt sich dennoch aus mehreren Gründen. Für die schwindende Anzahl politisch Interessierter bietet es einen an einem Abend lesbaren Überblick über die wesentlichen Problematiken Deutschlands in den nächsten zwanzig Jahren.

Die Inhalte selbst mögen daher aus Presse oder anderen Veröffentlichungen bekannt sein – in dieser komprimierten Darstellung (132 Seiten!) werden sie wohl aber schwerlich noch einmal zu finden sein. Die Texte sind prägnant und leicht verständlich formuliert, die Komplexität des Themas wird ohne nennenswerte Verluste auf ein eingängiges Niveau reduziert, was vor allem der hervorragenden graphischen Gestaltung zu verdanken ist.

Pflichtstoff für Zyniker

Die erfrischende Zuversicht, die zwischen den Zeilen schimmert, der Wunsch, mitzugestalten und Lösungen zu finden und der Ansatz auch radikale Positionen mit wenig Aussicht auf Umsetzung zu thematisieren, machen den Band zur Pflichtlektüre für jeden Zyniker.

Portrait_Bachmann.jpgDass diese Zuversicht als naiv abgetan wird, verhindern die Herausgeber Günther Bachmann (Foto rechts) und Volker Hauff zum einen dadurch, dass sie in essayistischen Einschüben Probleme der Metaebene diskutieren – durchaus nicht blind gegen die politische Realität: Welche Faktoren verhindern nachhaltige Politik? Schluss mit dem Gebot des Wachstums für ein offensichtlich stagnierendes, ja im Niedergang befindliches System wie Deutschland.


Auch Jared Diamonds Bestseller Kollaps lauert um die Ecke: Die Verdrängung von Problemen, wie sie gesamtgesellschaftlich auch gegenüber dem Klimawandel geübt wurde, kann keine Antwort auf die düsteren Zukunftsszenarien sein. Politischer Wille zur Gestaltung ist gefordert.

Der Gedanke zählt?

Portrait_Hauff.jpgGerade in Hinblick auf die eindeutige Stellungnahme des Instituts für den GELD ist auch der Entstehungszusammenhang des Buches interessant. Der Band beruht auf den Beiträgen verschiedener Autoren zur Generationenbilanz Nachhaltigkeit, die vom Rat für Nachhaltige Entwicklung initiiert wurde und vom Herausgeberpaar Günther Bachmann (Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung) sowie Volker Hauff (Ecologic, Institut für Internationale und Europäische Umweltpolitik) (Foto links) erstellt wurde. Es bleibt zu hoffen, dass dem Wissen Taten folgen.

Hauff, Volker; Bachmann, Günther (Hrsg.),

Unterm Strich. Erbschaften und Erblasten für das Deutschland von morgen. Eine Generationenbilanz.

(2006) Oekom verlag, München,

132 S., ISBN 3-86581-041-1, 14,80 Euro


Die Bildrechte liegen beim Oekom Verlag (Cover), dem Forum Internationale Zusammenarbeit für Nachhaltige Entwicklung (Portrait Bachmannn) und http://www.nachhaltigkeit-neu-denken.de (Portrait Hauff). Der Verlag im Internet.


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