Der Untergang des Abendlandes

23. Aug 2007 | von freier Autor | Kategorie: Politisches Buch

Cover_Opoczysnki.jpgMichael Opoczynski beschreibt in seinem neuen Buch aktuelle Verfallsprozesse in Wirtschaft und Gesellschaft der Bundesrepublik. Dem eigenen Anspruch, zu zeigen, “welche Schritte zur Rettung unternommen werden müssen”, hält der Band jedoch nicht stand. Von Andre Budke

Die Geschichte der Bundesrepublik wird von vielen in wirtschaftlicher Hinsicht als Erfolgsstory wahrgenommen. Michael Opoczynski, Moderator des Wirtschaftsmagazins WISO beim ZDF, konstatiert in seinem neuen Buch Wunderland ist abgebrannt jedoch einen Niedergang. Über die Jahre und Jahrzehnte hat man sich laut Opoczynski an wirtschaftlichen Überfluss und einen hohen privaten Lebensstandard gewöhnt. Eben hierin liege die Gefahr.

Das Problem: Das “Wunderland” verfällt

Inzwischen würden uns Länder wie Indien und China wirtschaftlich zunehmend den Rang ablaufen. Es stellt sich die Frage, ob Deutschland und die Deutschen nach all den fetten Jahren noch in der Lage sind, auf die Herausforderungen der Zukunft zu reagieren und die nötigen Einschnitte vorzunehmen. Hiergegen führt Opoczynski das Boiled-Frog-Experiment an: Demzufolge würde ein Frosch, den man in einen Topf setzt, welchen man langsam erhitzt, untätig bleiben und damit gekocht werden. Genauso ergehe es den Deutschen: Der schleichende Verfall hierzulande werde zwar wahrgenommen, aber von den meisten Menschen ignoriert. Als letztendliche Gefahr formuliert Opoczynski, “dass Deutschland auf Dritte-Welt-Niveau sinkt.”

Die Analyse: Spaltung der Gesellschaft

Seiner Beschreibung des allgemeinen Niedergangs in Deutschland räumt Opoczynski einen breiten Raum ein. Er beginnt mit der Feststellung, dass die deutsche Gesellschaft von Spaltungen geprägt ist. Die Ungleichheit der materiellen Lebensbedingungen sei offensichtlich, wenn man feststelle, dass zum Beispiel 10 Prozent der Bevölkerung circa 47 Prozent des Nettovermögens besäßen. Hier sagt Opoczynski jedoch nichts Neues. Die Verschiedenartigkeit der Existenzbedingungen in Deutschland besteht schon seit längerer Zeit.

Portrait_Opoczynski.jpgDes weiteren beschreibt er die Problematik der neuen Armut in Deutschland, indem er die Diskussion um das Prekariat und die neue deutsche Unterschicht wiedergibt. In diesem Zusammenhang unterläuft Opoczynski ein Fehler. Zum Einen beschreibt er, dass zur neuen Unterschicht auch Akademiker und andere Hochqualifizierte gehören, deren Lebensverhältnisse von Unsicherheit geprägt sind. Zum Anderen moniert Opoczynski (Bild links), dass es der Unterschicht an “Disziplin, Zuverlässigkeit, Durchhaltevermögen und Leistungsorientierung” fehle. Mit solchen Verallgemeinerungen bedient der Autor platte Ressentiments gegenüber sozial Schwachen, die an ihrer Misere selbst Schuld seien.

In weiteren Abschnitten thematisiert Opoczynski Entwicklungen im Bereich von Bildung, Alterssicherung und Arbeitsmarkt. Der Krisentenor bleibt erhalten.

Fragwürdige Methodik

Hinsichtlich der Methodik lassen sich in dem Band einige Kritikpunkte aufführen. Naturgemäß arbeitet Opoczynski, da er allgemeine Entwicklungslinien aufzeigen will, an vielen Stellen seines Buches mit Daten und Statistiken. Leider versäumt er es, die Herkunft seiner Daten aufzuzeigen. Opoczynskis Quellenverzeichnis weist die Herkunft von gerade fünf Zitaten nach. Hiermit wird dem Leser die Möglichkeit genommen, Daten und ihre Interpretation im Zweifelsfall zu überprüfen.

Das eine Überprüfung zum Teil sinnvoll ist, zeigt sich auf Seite 207. Hier vergleicht Opoczynski die Steuerquoten einiger europäischer Staaten und kommt zu dem Schluss, dass die Steuerquote in Deutschland vergleichsweise niedrig ist. Damit sei doch Spielraum für Steuererhöhungen gegeben. Unberücksichtigt lässt Opoczynski, dass in den meisten Staaten Europas die sozialen Sicherungssysteme steuerfinanziert sind, daher sind dort die Steuerquoten relativ hoch. Ein Vergleich der Steuerquoten allerdings ist nicht aussagekräftig und gleicht einem Vergleich von Äpfeln und Birnen. Sinnvoller wäre hier ein Vergleich der Steuer- und Abgabenquote gewesen.

Eine andere Problematik zeigt sich an den vermeintlich typischen Fallbeispielen, die Opoczynski anführt. Gleich auf Seite 9, zu Beginn des Kapitels über die Spaltung der deutschen Gesellschaft, beschreibt Opoczynski einen imaginären 25-jährigen Hochschulabsolventen aus reichem Hause mit guten Zukunftsaussichten und stellt diesen einem arbeitslosen Hauptschulabgänger gegenüber, um nach ihren Gemeinsamkeiten zu fragen. Solcherlei Illustrationen finden sich oft in Opoczynskis Buch. Sie unterstützen die Lebendigkeit des Textes, gleichzeitig stellt sich aber die Frage, welchen inhaltlichen, über die Emotionalisierung der Argumentation Opoczynskis hinausgehenden, Wert sie haben.

Die Lösung: Das Prinzip Verantwortung

Obwohl Opoczynski ein negatives Bild der Gegenwart zeichnet, hält er ein erfolgreiches Aufhalten des Verfalls in Deutschland für möglich. Vorraussetzung hierfür sei eine Entwicklung hin zum gesellschaftlichen Diskurs. Wie diese Entwicklung aussehen und wodurch sie angestossen werden könnte, lässt Opoczynski aus.

Er stellt vielmehr thesenartig fest, dass die Bürger sich in der Zukunft nicht mehr mit bloßen Parolen aus der Politik zufrieden geben würden. Die Bevölkerung sei reformwillig, Ziel der gesellschaftlichen Reformen müsse eine “soziale Leistungsgesellschaft” sein, in der zum Einen private Leistung honoriert würde; die aber auf der anderen Seite durch Staatstätigkeit soziale Ungleichheiten überbrücke.

Der Bürger der Zukunft werde in dieser Gesellschaft nicht nur arbeiten, sondern auch Verantwortung für sich, für andere und für die Politik übernehmen. In diesem Zusammenhang würden Gemeinsinn und Nächstenliebe wieder entdeckt werden und das bürgerschaftliche Engagement zusätzlich fördern.

Opoczynski gibt der Analyse der gegenwärtigen Krise breiten Raum in seinem Buch. Er versucht sie mit verschiedenen Daten, Statistiken und Einzelbeispielen zu belegen. Sein Lösungsansatz für die Krise hingegen – das “Prinzip Verantwortung” – tritt unvermittelt auf und wird in erster Linie durch Thesen gestützt und nicht durch eine logische Argumentation. Daher wird Wunderland ist abgebrannt dem selbst formulierten Anspruch, ein “Wegweiser” zun sein “für alle, die nicht aufgeben wollen”, nicht gerecht.

Opoczynski, Michael,

Wunderland ist abgebrannt, Wie wir noch zu retten sind,

(2007), München, Droemer,

272 S., ISBN 3-426-27417-5, 16,90 Euro


Die Bildrechte liegen beim ZDF / Carola Sauerbruch (Portrait) und dem Droemer Verlag (Cover). Der Verlag im Internet


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