Der Spion, der sich liebte
“Mein Leben bei al-Qaida” erzählt die eindrucksvolle Geschichte des Spions Omar Nasiri, der Undercover die Ausbildung zum Gotteskrieger durchläuft, um das Netzwerk islamistischer Terrororganisationen aufzudecken. Es bleiben Zweifel, ob die zum Teil heldenhaften Anekdoten Nasiris restlos auf Tatsachen beruhen. Doch niemand zuvor beschrieb so detailliert, was in den Ausbildungscamps der al-Qaida vor sich geht – und wie wenig westliche Geheimdienste darüber wussten. Von Maik Henschke
Omar Nasiri, so nennt sich der Autor selbst, ist nur einer seiner Namen auf einer langen Liste. Seine wahre Identität zu veröffentlichen, würde Gefahr bedeuten für ihn und seine Familie, die noch in Marokko lebt. Denn was Nasiri getan hat, könnten radikale Muslime leicht als Verrat ansehen. In seinem Buch plaudert er aus, wie effizient das islamistische Terrornetzwerk funktioniert, angetrieben vom Hass auf die westliche Welt.
Dennoch gibt der Autor anfangs Eckpunkte seines wahren Ichs preis: Der Mann hinter dem Decknamen Omar Nasiri ist Marokkaner, geboren irgendwann in den Sechzigern. Seit sechs Jahren lebt er mit seiner Frau in Deutschland. Nur eine Sache, sagt er, treffe vielleicht uneingeschränkt auf ihn zu: „Ich bin Muslim.”
„Ein Junge ohne Traum ist gefährlich.”
Wie landet einer, der in Marokko und Belgien aufwächst, Jahre später in den Ausbildungscamps einer Terrororganisation? Ein winziger aber folgenschwerer Moment in der Kindheit wirft Nasiris Leben aus der Bahn. Als sich der damals Achtjährige im Kinderzimmer mit einem Wattestäbchen die Ohren säubert, fallen seine ringenden Brüder auf ihn. Das Stäbchen durchbohrt sein Trommelfell. Mit selbigem zerplatzt in einer Sekunde auch sein größter Traum: Jagdflieger beim Militär zu werden. „Ich hatte kein Ziel mehr, für das ich lebte”, erinnert er sich, „Ich hatte alles verloren, was mir wichtig war.”
Während eines Paris-Urlaubs in der Jugend sieht der eigentlich moderate Muslim erstmals Filme über den Krieg in Afghanistan und träumt davon, sich ebenfalls den Mudschahidin, den Gotteskriegern, anzuschließen und das Land gegen die Invasionsmacht Sowjetunion zu verteidigen. Omars älterer Bruder Hakim, ein streng religiöser Muslim, beeinflusst seinen Bruder zunehmend und drängt ihn, auf Alkohol und Rauchen zu verzichten und fünfmal täglich zu beten: „Du musst zu Gott zurückfinden”. Da Omar aus Marokko raus will, fügt er sich und folgt seinem Bruder nach Belgien.
Terrorzelle als Untermieter
Unter der muslimischen Bevölkerung Brüssels ist zu dieser Zeit der Bürgerkrieg in Algerien das bestimmende Thema. Dort kämpft seit 1991 die GIA (Groupe Islamique Armé) mit blutigen Mitteln gegen die algerische Militärregierung, um einen Gottesstaat zu schaffen. Auch Hakim gerät mit seinen radikalen Ansichten an Sympathisanten der GIA.
Mit den gefährlichen Machenschaften seines frommen Bruders und dessen neuen Freunden hat Omar anfangs nichts am Hut. Weil er aber Talent zum Handeln hat und Geld verdienen will, beschafft er von einem dubiosen Händler in Brüssel Waffen für die Gruppe. Zunächst nur vermeintlich harmlose Munition, dann immer regelmäßiger auch Kalaschnikows und gefährlichen Sprengstoff. Ein Großteil der heißen Ware geht direkt an die GIA für den blutigen Bürgerkrieg in Algerien, aber auch andere Länder werden beliefert.
Das Haus der Nasiris in Belgien wird zum regelrechten Schlupfloch einer Terrorzelle, in der Kämpfer und Drahtzieher der islamistischen GIA-Szene ein und aus gehen. Zwei Freunde Hakims drucken im Haus die terroristische Propagandazeitung al-Ansar. Das Blatt verbreitet Neuigkeiten von der algerischen Front in die Moscheen weltweit. Der Dachboden der Familie gleicht einem Waffenlager.
Nasiri wird zum Spion
Anders als sein Bruder Hakim und dessen radikale Glaubensbrüder teilt Omar die Welt nicht in Fromme und Ungläubige, sondern genießt den westlichen Lebensstil, raucht und trinkt weiter. Da er die dubiosen Kumpanen seines Bruders loswerden will, stiehlt er deren Geld und riskiert, von den GIA-Männern ermordet zu werden. Um sein Leben zu retten, bietet er sich dem französischen Auslandsgeheimdienst DGSE (Direction Générale de la Sécurité Extérieure) als Spion an. Fortan betreibt Nasiri pikantes Jobsharing: Er versorgt Bruder Hakim und die GIA-Leute, die auf sein Händlergeschick angewiesen sind, weiter mit hochgefährlichen Waffen und liefert gleichzeitig dem misstrauischen Agenten Gilles brandheiße Informationen über die Terrorzelle im Haus seiner Familie. Nicht aus Hass auf die GIA: „Mein einziges Ziel war zunächst, mich und meine Familie zu schützen.”
Das ändert sich am Weihnachtstag 1994, als vier Mitglieder der GIA eine Air-France-Maschine in Algier kidnappen und Unschuldige verletzt werden. Als im Haus ein Tonband aus dem entführten Flugzeug auftaucht, muss Omar erkennen, wie eng die von ihm bewaffneten Besucher in seinem Haus mit den Terroristen in Kontakt stehen. Von Selbstzweifeln geplagt, verschreibt sich Omar Nasiri nun voll und ganz der Spionage für den französischen Geheimdienst, der mit Nasiris Tipps bei Großrazzien in Belgien zahlreiche GIA-Drahtzieher verhaften kann.
Hinter den Kulissen der Gotteskrieger
Doch der DGSE hat Größeres mit ihm vor. So wird Nasiri 1995 über die Stationen Türkei und Pakistan nach Afghanistan geschleust, um sich in einem der Ausbildungscamps zum Mudschahid, ausbilden zu lassen. Nasiri will den Auftrag nutzen, um seinen “persönlichen Dschihad” zu absolvieren. Vor allem die Massaker der Serben in Bosnien und der Russen in Tschetschenien sind ihm ein Dorn im Auge.
Fast ein Jahr verbringt Omar Nasiri, der nun den Decknamen “Abu Imam” tragen muss, in Khaldan, einem Lager in den Bergen Afghanistans. Die Schüler – einige unter ihnen noch keine vierzehn – stammen aus Nordafrika, dem Nahen und Mittleren Osten oder Zentralasien. Viele waren derart frustriert von den schrecklichen Bildern in ihren Heimatländern, dass sie sich leicht von den Rekrutierern der al-Qaida hatten anwerben lassen. Ununterbrochen schwärmt der Autor vom familiären Zusammenhalt unter den Brüdern. Wenn Nasiri von den umfangreichen Übungsstunden erzählt, klingt er wie ein kleiner, neugieriger Schuljunge, der begeistert seine erste Chemiestunde erlebt und herumspielen darf. Nur ist es eine tödliche Schule.
Vom Feind lernen
Denn so karg das Essen und die Hütten im Lager sind, so professionell wird der Dschihad-Nachwuchs an den Waffen ausgebildet. Nasiri berichtet von akribischen Theoriestunden: Nicht nur die chemische Zusammensetzung explosiver Sprengstoffe berechnen die Schüler. Jede Kalaschnikow, jede Granate wird solange gepaukt, bis Gewicht, Munition und Reichweite im Schlaf aufgesagt werden können. Omar Nasiri blüht auf: „Jede Nacht wurde es schwieriger, mich daran zu erinnern, dass ich ein Spion war.”
Heute weiß man: die Ausbilder arbeiteten mit Handbüchern des US-Militärs. Die Amerikaner selbst stellten sie den Mudschahidin Afghanistans in den 80ern zur Verfügung – für den Kampf gegen die Sowjets. In den Folgemonaten steht Taktik-Training und Minenlegen auf dem Programm. Schließlich wird sogar detailgetreu simuliert, wie ein Attentat in einem Straßencafé durchgezogen wird.
Beim allabendlichen Glaubensunterricht in der Lagermoschee schaut die Gruppe Propagandavideos oder studiert den Koran, der die Gesetze des Dschihad vermittelt. So darf etwa der Mudschahid nur für Gott, nicht aber wegen des materiellen Gewinns oder aus politischen Gründen in den Krieg ziehen. Auch sei es streng verboten, „Unschuldige” zu töten. Im Gegenzug winkt dem tapferen Krieger nach dem Ableben das Paradies.
Laut Nasiri würden die Regeln des Dschihad gar die Menschenrechtskonventionen des Westens übertreffen. Gewagte These, denn die Dschihad-Gesetze sagen auch, dass Journalisten, Frauen und Kinder, die dem Feind helfen, sofort selbst zum Feind werden. Moralische Zweifel überkommen Nasiri erst, als im Sommer 1995 Attentäter eine Bombe in der Pariser Metro hochgehen lassen, wodurch acht Menschen sterben und hunderte verletzt werden. Während das ganze Lager den Anschlag als tapfere Tat der GIA feiert, fragt sich Omar, wie sich diese Bluttat gegen unschuldige Passanten rechtfertigen lässt.
Zurück in den Westen
Nach einem kurzen Abstecher in ein weiteres Lager, wo Nasiri auf Schlüsselfiguren der al-Qaida trifft und lernt, aus Haarfärbemitteln und Kaffee Sprengstoff herzustellen, schicken die Ausbilder ihren Musterschüler “Abu Imam” nach Europa. Von dort aus soll er eine Terrorzelle gründen und regelmäßig Geld in die Lager schicken.
Doch schnell gewöhnt sich Nasiri wieder an das süße Leben im Westen und schlüpft in seine alte Rolle als Spion: „Natürlich war ich kein arabischer Extremist. Ich war Europäer.” Nachdem er seinem französischen Geheimdienstmann Gilles alles über die Erlebnisse in den Ausbildungscamps berichtet, leiht ihn der DGSE an den britischen Inlandsdienst aus.
Über London nach Deutschland
Vom MI5 wird Nasiri auf die hochaktive Islamistenszene in Londons Moscheen angesetzt. Dort knüpft Nasiri Kontakte zu Abu Qatada. Der Geistliche gilt laut Nasiri heute weltweit als geistiger Führer der militanten Islamisten in Europa. Und er trifft den Hassprediger Abu Hamza, der mit seinen Parolen radikale Muslime um sich schart und die Macht in den Moscheen der Stadt übernimmt. Immer tiefer dringt Nasiri ein in die gefährliche Gemeinde und glaubt zu begreifen, wie das globale Netzwerk funktioniert. Oberlehrerhaft predigt der Autor, der Westen werde den Terrorismus nie los, solange er sich mit seinen „Marionettenregierungen” in die Politik der muslimischen Länder einmische.
Nasiris Laune sinkt, denn der britische Geheimdienst nimmt dessen Dienste nur in Anspruch, um Anschläge innerhalb Englands zu verhindern. Die globale Gefahr scheint zweitrangig. Dabei versäumen die Agenten, mit Nasiris Informationen führende Köpfe der GIA und al-Qaida dingfest zu machen. Wütend über die „amateurhaften Pläne” und belustigt von der vermeintlichen Inkompetenz des MI5, verlässt Nasiri London nach zwei Jahren, um in Deutschland ein neues Leben zu beginnen.
Doch die Wirklichkeit in der neuen Heimat ist ernüchternd. Ohne Papiere, Arbeitserlaubnis und Hilfe vom deutschen Geheimdienst lebt Nasiri fünf Jahre lang vom kümmerlichen Einkommen seiner Frau. Die Furcht vor Rache sei allgegenwärtig. Noch immer lebten beide in ständiger Angst, den eigenen Namen zu benutzen. Sein Zorn und die Anschläge vom 11. September 2001 hätten ihn zum Schreiben getrieben: „Wir wissen beide, dass ich durch die Veröffentlichung dieses Buches unser beider leben aufs Spiel setze. Aber wir haben in diesem Leben auch nicht mehr viel zu verlieren.”
Fiktion oder Wirklichkeit?
Viele Darstellungen Nasiris decken sich mit aktuellen Erkenntnissen: Zum Zeitpunkt der Londoner Terroranschläge im Juli 2005 muss der britische Geheimdienst demnach schon ausreichend über die Terrorgefahr gewusst haben. Diese wurde entweder unterschätzt, wie Nasiri es bemängelt, oder aber, wie es im Nachwort heißt, die Regierung wollte schlicht nicht zu hart durchgreifen, um die große muslimische Gemeinde im Land nicht zu verschrecken.
Nasiris eindrucksvolle Berichte aus dem Innenleben der Lager und Geheimdienste sind höchst subjektiv und mit Sicherheit unvollständig. Andauernd fragt man sich, was wahr ist und was Fiktion. Manche seiner Episoden erinnern an schlechte Hollywoodfilme mit einem Superhelden. So behauptet er, verdeckte Ermittler und Geheimdienstler blind auf der Straße erkennen zu können. Stolz wird geschildert, wie er im Lager heldenhaft einen fehlgezündeten Sprengsatz auf eigene Faust entschärft. Und regelmäßig macht er sich über die ach so amateurhaften Geheimdienstler lustig.
Äußerst hilfreich ist daher das 25-seitige Nachwort von Gordon Corera. Der BBC-Sicherheitsexperte ordnet die Anekdoten Nasiris zeitlich ein und schafft Fakten, indem er erklärt, welche Weggefährten Nasiris wo und wann festgenommen wurden und wie der neueste Kenntnisstand zur Terrorgefahr aussieht.
Nasiri, Omar: Mein Leben bei al-Qaida. Die Geschichte eines Spions
Deutsche Verlags-Anstalt, (2006), München, 496 S.,
ISBN: 978-3-421-04271-2, 19,90 Euro
Die Bildrechte liegen bei der Deutschen Verlags-Anstalt. Der Verlag im Internet.
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