Der blasse Zwischenkanzler
Eine dicke Biographie liegt jetzt über Kurt Georg Kiesinger vor und will gelesen werden, was nicht einfach ist. Lohnt es sich die Lektüre von mehr als 800 Seiten über einen Bundeskanzler, den die meisten Deutschen heute kaum noch mit Namen kennen? Kiesinger war Nazi – und das störte damals nur wenige im Westen, er konnte nicht nur in Baden-Württemberg Ministerpräsident, sondern auch Bundeskanzler werden. Kiesingers Justizminister und Nachfolger hieß übrigens Filbinger und der wurde kürzlich zum Nazigegner schöngeredet….. Von Wolfgang Mehlhausen
Der Verfasser dieser Zeilen ist Jahrgang 1948 und kann sich noch gut erinnern, dass Westen Deutschlands ein Bundeskanzler regierte, der von der DDR heftig als Nazi attackiert wurde. Er erhielt sogar 1968 auf einem CDU-Parteitag eine Ohrfeige von einer jungen Dame namens Beate Klarsfeld.
Politisch gebildete Westdeutsche nannten Kurt Georg Kiesinger damals „Silberzunge“, denn zu reden verstand er. Böse Zungen titulierten ihn „Friseur“. Doch seine Spottnamen sucht man vergebens in der wissenschaftlichen Biographie Kurt Georg Kiesinger, Kanzler zwischen den Zeiten von Philip Gassert, der sich wirklich große Mühe machte, diese blasse Persönlichkeit ordentlich darzustellen. Gassert hat sauber recherchiert, schließlich soll dieses Buch Grundlage für eine Dissertation sein. Dabei ist es unterhaltsam geschrieben, was die Lektüre trotz des Umfangs von 800 Seiten (!) etwas erleichtert.
Eine typisch deutsche Biographie
Der Autor zeichnet in dem Buch in sechs Kapiteln das Leben von Kiesinger nach, das 1904 beginnt. Seine Biographie ähnelt der vieler Deutscher. Die Beschreibungen zu Kindheit und Jugend des Kurt Georg sind sehr interessant. So erfährt man, welch enge Grenzen Kinder von Kleinbürgern in der Bildung hatten. Andererseits zeigt Gassert, wie geschickt der junge Kiesinger schließlich durch Ausnützung von Landesbesonderheiten ohne richtiges Abitur Jura studieren konnte.
Mit Spannung erwartet der Leser nach diesem Auftakt, wie Kiesinger schließlich zum Nazi wurde – und warum. Doch hier wird man enttäuscht. Angeblich ist er 1933 in die NSDAP eingetreten, aber hat wohl über Jahre keinen Beitrag bezahlt? Warum es das Jahr 1933 war, als Kiesinger beschloss, in die Nazipartei einzutreten, erklärt Gassert nicht. Für die Jahreszahl spricht der Opportunismus. Gassert versucht, Kiesinger als Mitläufer zu charakterisieren. So verzichtete er nach dem Röhm-Putsch auf eine Richterkarriere. Kiesinger hatte andere Pläne. 1940 wanderte er in die Rundfunkabteilung des Auswärtigen Amtes (AA) in ein feines Büro und war dort anfangs als Zensor für ausländische Korrespondenten tätig, die ihn angeblich mochten.
Spannende Details und langweilige Biographie
Zweifellos mag der Biograph Kiesinger. Die Entscheidung, 1940 zum Auswärtigen Amt zu wechseln, um dort Karriere zu machen, war ganz sicher gut überlegt. Man erhielt dort eine Freistellung vom Militärdienst, den Kiesinger nicht sonderlich schätzte, zumal er seit 1939 wahrhaftig lebensgefährlich war. Was er im AA der Nazis machte, wird nicht genau beschrieben, dafür aber über echte Handgreiflichkeiten zwischen Mitarbeitern und SS-Wachen des Goebbels-Ministeriums und Joachim von Ribbentrops AA berichtet.
Dass zwischen NS-Behörden sogar physisch „Krieg“ herrschte, ist bemerkenswert. Man muss Kiesinger nicht verdenken, dass er sich vor dem Kriegsdienst drückte und stattdessen lieber Rundfunk-Propaganda machte, die in den Zielstaaten sicher kaum jemand hörte geschweige denn glaubte.
Er stieg auf der Karriereleiter und war für die Koordinierung vom Propaganda-Ministerium zum AA verantwortlich, weil kein anderer da war. Peinlich hingegen ist es, dass Kiesinger schon bald nach Kriegsende begann, sich als Nazigegner zu geben. 1945 saß er zwar ein Jahr im Lager Ludwigsburg, allerdings auf Grund einer Verwechselung. Kiesingers Leben verlief in der Bundesrepublik so wie bei vielen anderen. Die Nazi-Vergangenheit war schnell vergessen, man erkannte nun die Vorzüge der freiheitlich- demokratischen Grundordnung, für die man eigentlich schon immer war. Und man stieg auf. 1958 wurde Kiesinger Ministerpräsident von Baden-Württemberg, er engagierte sich besonders in der Bildungspolitik. Aktenstudium war nie seine Stärke, dafür liebte er blumige Reden.
Kanzler zwischen den Zeiten
So lautet der Untertitel des Buches. Kiesinger wurde dritter bundesdeutscher Kanzler, er beerbte den legendären Konrad Adenauer und den Vater des Wirtschaftswunders Ludwig Erhard, der ein schwacher Kanzler, aber beliebt bei den Menschen war. Kiesinger wurde am 1. Dezember 1966 Bundeskanzler der ersten Großen Koalition. In seinem Kabinett waren so unterschiedliche Charaktere, wie Willy Brandt, Herbert Wehner, Karl Schiller und Franz-Josef Strauß versammelt. Dass diese Koalition überhaupt drei Jahre halten sollte, glaubten viele nicht.
Macher der Regierung waren damals schon Helmut Schmidt und der glücklose Rainer Barzel. In dieser Zeit wurden die umstrittenen Notstandsgesetze verabschiedet. Für die SPD war die Koalition mit einem großen Risiko verbunden. Willy Brandt erwarb als Außenminister großes Vertrauen im Ausland und wurde von vielen Bürgern verehrt.
Für Kiesinger war die Bundestagswahl 1969 eine schwere Enttäuschung. Obwohl die CDU/CSU wieder die stärkste Kraft wurde, verfehlte sie wegen der 4,3 Prozent für die NPD die absolute Mehrheit. Willy Brandt und die SPD schmiedeten die Koalition mit der FDP und verbannten die CDU für 13 lange Jahre in die Opposition. Für Kiesinger endete der Parteivorsitz 1971. Er war noch über Jahre Ehrenvorsitzender der CDU und Abgeordneter. Mit 83 Jahren starb er.
Gassert (Foto rechts) entwirft von Kiesinger kein „komplexes Bild“. Persönliches findet man in dem Buch praktisch nicht. Es gibt nichts, was einem diesen Kurt Georg näher bringen könnte. Vermutlich war er eben nur ein Durchschnittsmensch, der mit sehr viel Ehrgeiz seine Ziele verfolgte und mit Glück sogar das Amt des Bundeskanzlers erreichen konnte. Die Nazimitgliedschaft störte in der damaligen Bundesrepublik kaum jemanden, er selbst hat auch nie an der Aufarbeitung mitgewirkt, sondern eher jede Mitarbeit verweigert.
So wird Kiesinger als „Zwischenkanzler“ nur noch wenigen politisch Interessierten in Erinnerung bleiben. Diese sollten dieses umfangreiche Buch auch lesen. Junge Leute können getrost auf diese Lektüre verzichten, denn es gibt wahrlich Wichtigeres zu lesen.
Gassert, Philipp,
Kurt Georg Kiesinger 1904 -1988, Kanzler zwischen den Zeiten,
(2006), Stuttgart, DVA,
894 S., ISBN 3421058245, 39,90 Euro
Die Bildrechte liegen bei der deutschen Verlags-Anstalt. Der Verlag im Internet.
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Ich finde diese Biographie gar nicht so langweilig wie sie sagen!
Es ist spannend zu erfahren, wie Kiesinger zum Kanzleramt
kam und wie er sich als Kanzler machte… zweifelsohne:
Viele Menschen interessieren sich nicht für Politik und erst
recht nicht für Bundeskanzler Mitte des 20.Jahrhunderts