Das Geschäft mit der Ewigkeit

09. Dez 2007 | von | Kategorie: Politisches Buch

Cover_M__rschel.jpgSeit fast 2000 Jahren existiert das Papsttum. Anachronismus oder erster Global Player, Bremse oder Katalysator der Moderne? Die Urteile könnten nicht kontroverser ausfallen. Das unüberbrückbar scheinende Spektrum wird in einem aktuellen Sammelband in sieben höchst unterschiedlichen Essays mit spannenden Analysen umfassend abgedeckt. Von Sharon Rose

Entstanden anlässlich einer Tagung der Friedrich-Ebert-Stiftung im letzten Jahr beleuchten Politikwissenschaftler, Historiker, Theologen und Kunstgeschichtler in Papsttum und Politik verschiedene Aspekte des Phänomens Papsttum. Themen sind die Funktionsweise der Kirche und ihr staatstheoretischer Charakter, die virtuose Inszenierungskunst des Papsttums sowie sein Beitrag zum modernen interreligiösen Dialog.

Papsttum und Moderne – Katalysator wider Willen

Wolfgang Reinhard formuliert im Essay „Ist das Papsttum schuld an der Moderne?“ die These, dass die Kirche institutionell wie ideologisch erst die Voraussetzung für die Entstehung des modernen Staates geschaffen hat: So sei die notwendige Machtleere für den säkularen Staat erst durch die Verlagerung der göttlicher Allgegenwart aus dem Diesseits ins Jenseits geschaffen worden. Mit ihrem System gewählter Funktionsträger, der hierarchischen Organisation und dem territorialen Ansatz war die mittelalterliche Kirche Vorbild für den modernen Rechts- und Verwaltungsstaat.

Birgit Emrich fokussiert hingegen in „Papsttum und Staatsgewalt“ auf die spätere Reaktion der Kirche auf die selbst miterzeugte Moderne. Während Reinhard die Schwierigkeiten der Kirche mit der beginnenden Moderne maßgeblich mikroinstitutionell auf der Personalebene verortet, sieht Emrich den Grund auf der staatstheoretischen Makroebene: Die mangelnde Fähigkeit der Kirche sich auf das Menschenbild der Aufklärung einzulassen, sei Ursache der Krise des Papsttums im 18./19. Jahrhundert.

Die beiden Aufsätze ergänzen sich nicht nur aufgrund ihrer unterschiedlichen theoretischen Ansatzpunkte gut, sondern auch, weil sich die Dialektik zwischen Papsttum und Moderne auch im Spannungsverhältnis der beiden Beiträge niederschlägt. Während Emrichs Vortrag jedoch gut nachvollziehbar ist und zugegebenermaßen auch einen weniger langen Zeitraum abdeckt, wirkt Reinhards Vortrag zum Teil zu holzschnittartig und fasst gerne mal 800 Jahre Rechtsentwicklung in eine Drittelseite. Beide Beiträge können lediglich als informativer Einstieg verstanden werden.

In Wirklichkeit sind wir doch alle Italiener

Der Band verfällt nicht der Gefahr, in zwei Jahrtausenden Geschichte stecken zu bleiben, sondern stellt mit dem Aufsatz „Sind Barbaren heilsfähig?“ den offensichtlichen Gegenwartsbezug her: Wir sind Papst.

Die aufstrebenden Nationalstaaten des 18./19. Jahrhunderts, auch Deutschland, stellten die Kirche vor eine schwierige Situation: Während sich in den europäischen Staaten partout Nationalstereotypen, „Nationalcharaktere“, zur Stabilisierung der neuen Gebilde herausbilden wollten, ging der christliche Individualismus von der Unmöglichkeit von Gruppeneigenschaften aus. Nichtsdestotrotz erwies sich die Kirche als anpassungsfähig an die Wirklichkeit: Den päpstlichen Gesandten wurden Richtlinien zur Behandlung von „Deutschen“ und „Franzosen“ mitgegeben.

Bei den Deutschen enthielten diese Richtlinien insbesondere die Anweisung, das ein wenig dumme, aber gut meinende Volk durch starke religiöse Fesselung zum Heil zu führen. An sich wurde daher der Deutsche von der italienischen Elite als unbrauchbar für das Klerikertum gehalten. Nicht nur, dass ein Deutscher zum Papst gewählt wurde, sondern auch die jahrhundertealte seltsame Sehnsucht der Nordlichter nach Italien erscheint nach Lektüre des dritten Essays in gänzlich anderem Licht.

Bilderstürmer

„Medienpapst“ Karel Wojtyla stürmte die Herzen mit Bildern. Unvergesslich sind der Bodenkuss, seine Osterpredigten im Fernsehen, schließlich gar die Inszenierung seines Todes. Im Essay „Vom Birett zum Camauro“ untersucht Horst Bredekamp die „Inszenierung päpstlicher Politik“ in Bildern. Mit großem Detailwissen enthüllt der Autor versteckte Botschaften an die Gläubigen sowie die mediatisierte Manipulation der übrigen Welt. Er versäumt es leider, diese Interpretationen in einen größeren geschichtlichen Zusammenhang zu stellen, zumal die Entscheidung, für oder gegen die Verwendung von Bildern zu sein, mehr als einmal Prüfstein für den Fortbestand der katholischen Kirche war.

Die Inszenierung von Mystik durch Bilder basiert zudem nicht zuletzt auf machtpolitischen und organisationsstrukturellen Überlegungen: In einem komplexen hierarchisch organisierten und international ausgebreiteten System wie der katholischen Kirche sind Bilder das effektivste Kommunikationsmittel. Seit Jahrhunderten akkumuliert die Kirche Symbole und verwebt sie durch Selbstbezug zu einem dichten Semantikteppich. In diesem Beitrag werden ein paar Fäden verfolgt, das große Muster muss man sich leider selbst denken.

Päpstlicher Internationalismus

Das Essay von Otto Kallscheuer „Päpstlicher Internationalismus“ knüpft ketzerisch an Reinhards These an: Die Kirche mag beigetragen haben zur Moderne, doch ist sie heute nicht ein Anachronismus? Natürlich um die Frage zu verneinen. Im Gegenteil: Kallscheuer sieht aufgrund der einmaligen eklektizistischen institutionellen Struktur und ihrer langen Erfahrung mit internationalen Konflikten ein enormes Potential in der Kirche.

Die Weltordnung des 21. Jahrhunderts, geprägt durch Globalisierung und Terrorismus, bedürfe eines international agierenden Konfliktvermittlers. Seit ihrem Rückzug auf die religiöse Sinnerzeugungsebene sei die Kirche prädestiniert für diese Rolle. Die anschlussfähige Wende zur Zivilreligion der Menscherechte mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil und die internationalen Rückkehr zur religiösen Weltdeutung begünstigen die Anerkennung der katholischen Kirche als Repräsentantin zumindest der Werte der westlichen Welt. Zur Herstellung eines effektiven Dialoges bedürfe es jedoch des Aufbaues einer vergleichbaren Institution auf Seiten des noch dezentral organisierten Islam. Die Regensburger Krise zeige jedoch, dass Benedikt XVI. das internationale Konfliktpotential einer päpstlichen Äußerung noch unterschätze und dieser eine falsche Prioritätensetzung habe: Es ginge nicht um den innerchristlichen, sondern vorrangig den interreligiösen Dialog.

Kallscheuer übersieht einen wesentlichen Aspekt: Die kircheneigne Agenda ist nicht identisch mit der der internationalen Staatengemeinschaft. Ureigene Aufgabe der katholischen Kirche ist die Missionierung, die sie gerade in Konfrontation mit anderen Religionen treibt. Im Mai 2007 rief der jetzige Papst zu verstärkter Missionsarbeit auf. Es bleibt abzuwarten, welches Potential der Papst in der Zukunft zur Entfaltung bringen wird.

Wir sind die Einzige – ihr auch

Das Bekenntnis des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) zu den Menschenrechten und dem Grundsatz der Anerkennung anderer Religionen steht in seltsamem Gegensatz zu einem Grundpfeiler des Christentums: seinem Exklusivitätsanspruch. Das Essay „Kampf der Religionen“ stellt nun diese zu sich selbst paradox verhaltende Position der katholischen Kirche dar: Wir sind die einzige selig Machende – ihr aber auch. Interessant an diesem Text sind neben der geschichtlichen Entwicklung der Kirche vom imperialistischen Leviathan hin zum interreligiösen Friedens- und Dialogpartner, die Informationen über die unterschiedliche Haltung gegenüber Judentum und Islam, aber vor allem die Differenzen zwischen dem Kurs Johannes Paul II. und Benedikt XVI.

Wie wird sich jemand anstellen, unter dessen Leitung im Jahr 2000 die Erklärung Dominus Iesus entstanden ist, in der von der „schwer defizitären Situation, in der sich die Angehörigen anderer Religionen objektiv befinden“, die Rede ist. Folgt nicht zwangsläufig auf die Betonung des Religionspluralismus nach Papst Johannes Paul II., dass sich der konservativere Ratzinger als Papst Benedikt antirelativistisch verhalten und den Exklusivitätsanspruch der katholischen Kirche bestärken wird? Diese und andere Fragen stellt sich dieses hoch lesenswerte Essay.

Papst = Politiker?

Im letzten Essay „Wider die ‘Diktatur des Relativismus’” untersucht Matthias Drobinski das schwierige Verhältnis der katholischen Kirche zum geistesgeschichtlich aktuell herrschenden Werterelativismus, mit dem ein subjektiv definierter Wahrheitsbegriff einhergeht. Zwei Konzepte, die denen der Kirche diametral entgegenlaufen. Der Autor behandelt den schwierigen Balanceakt der Kirche, diese Realitäten nicht zu leugnen, ohne sich selbst zu verraten, anhand der Schriften Kardinal Ratzingers und späteren Äußerungen Benedikt XVI.

Das Buch ist für jedermann geeignet, insbesondere ist es zu empfehlen als Einstieg in das Themenkaleidoskop des Phänomens Kirche. Die Aufsätze haben jeweils eine klar formulierte These, die sie anschaulich belegen und den Leser durch überraschende Perspektiven bereichern. Es ist aufgrund der hohen Informationsdichte sowie des überwiegend komplexen Stils der Autoren angeraten, es nicht in einem Stück lesen zu wollen, aber sieben Sonntagnachmittage wird man damit wohl herumkriegen.

Mörschel, Tobias, (Hg.),

Papsttum und Politik, Eine Institution zwischen geistlicher Gewalt und politischer Macht,

(2007), Freiburg, Herder Verlag,

176 Seiten, ISBN 978-3-451-29569-0, 19,90 Euro


Die Bildrechte liegen beim Herder Verlag.


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